Krisenmodus bis Katastrophen-Tourismus: Psychologin erklärt, was Hochwasser mit uns macht

Zunächst die nicht enden wollenden Regenfälle, dann der immer weiter steigende Pegel der Donau: Die letzten Tage verbrachten viele Regensburger in großer Anspannung.
Mit der Evakuierung der Anwohner in der Werftstraße wuchs schließlich die Sorge vor dem Verlust von Hab und Gut noch weiter. Was das Hochwasser aus psychologischer Sicht mit den Menschen macht und mit welchen Mitteln man eine solche Krisensituation mental möglichst gut übersteht, erklärt Stefanie Orthuber, Diplom-Psychologin mit Praxis in der Domstadt.
Frau Orthuber, ein betroffener Gastronom hat kürzlich von dem „beklemmenden Gefühl“ gesprochen, das ihn mit dem immer stärker steigenden Wasser überkommen hat. Ist das eine typische Reaktion?
Stefanie Orthuber: Menschen reagieren unterschiedlich. Man kann aber auf jeden Fall sagen, dass die Situation ein Ausnahmezustand ist, in dem Ängste und Sorgen hochkommen. Katastrophen wie Überschwemmungen kennt man zumeist ja nur aus den Nachrichten – dann blickt man glücklicherweise nur von außen darauf. Wenn man sich jetzt plötzlich selbst in einer solchen Lage befindet, ist unser Grundbedürfnis nach Sicherheit bedroht.
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Können diese Erlebnisse traumatisieren?
Orthuber: Man muss nicht direkt ein Trauma davontragen. Manchmal passiert das allerdings. Das hängt auch mit unterschiedlicher Resilienz, unserer psychischen Widerstandsfähigkeit, zusammen. Wie sieht mein soziales Netz aus und welche Anker gibt es, an denen ich mich festhalten kann? Das sind alles Faktoren, die uns beeinflussen.
Wann sollten sich Betroffene Hilfe suchen?
Orthuber: Zunächst einmal ist es wichtig, nicht direkt jedes Gefühl von Angst in einer Krisensituation zu pathologisieren. Angst kann uns in akuten Fällen ja auch helfen – zum Beispiel, damit wir hinter der Absperrung stehen bleiben, um uns nicht in Gefahr zu bringen. Sollten allerdings im Nachhinein depressive Symptome auftreten oder die Gedanken immer wieder um das Erlebte kreisen, sodass es den Alltag einschränkt, obwohl die Krise im Grunde überstanden ist, sollte man psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.
Was hilft den Anwohnern aus der Werftstraße, die ihr Zuhause verlassen mussten?
Orthuber: Generell ist es in einer Krisensituation wichtig, diese im ersten Schritt als solche zu akzeptieren. Man darf sich erlauben, nicht mehr so perfekt wie sonst zu funktionieren Ich muss die Krise annehmen und akzeptieren, dass ich die Geschehnisse nicht kontrollieren kann. Als zweiten Schritt sollte man versuchen, ins Handeln zu kommen. Anstatt sich auf die eigene Hilflosigkeit zu konzentrieren, fokussiert man sich auf die Dinge, die man man noch beeinflussen kann. Das kann bedeuten, dass ich mit Familie und Freunden in Kontakt bleibe und diese informiere. Oder dass ich mir ein gutes Buch, ein Tablet mit der Lieblingsserie oder ein Kartenspiel mitnehme, um mich in schwierigen Momenten abzulenken. Es ist hilfreich, sich im Hier und Jetzt auf konkrete Schritte zu konzentrieren. Etwa: „Wie versorge ich mich mit Essen und Trinken, wo ist der Schlafplatz, wo die Toilette?“ Auch der Austausch mit den anderen evakuierten Personen hilft, schließlich formt man für diese Zeit eine Schicksalsgemeinschaft.
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Wie kann man Kinder und Jugendliche in dieser Situation begleiten?
Orthuber: Man sollte ihnen nichts vormachen. Schon kleine Kinder haben feine Antennen und spüren, dass sie sich in einer Ausnahmesituation befinden. Statt auf Notlügen zurückzugreifen, sollte man einfach da sein, Fragen beantworten und Nähe spenden. Erwachsene sollten zeigen, dass alle Gefühle erlaubt sind – auch Angst und Unsicherheit.
Die Bilder des Hochwassers belasten auch diejenigen, die nicht direkt betroffen sind. Was hilft gegen das Gefühl der Machtlosigkeit?
Orthuber: Wir haben ein Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle. In Situationen wie diesen kann dieses Bedürfnis nicht in Gänze befriedigt werden. Wir haben keine Kontrolle und müssen das zunächst einmal akzeptieren. Wenn mich der Klimawandel und die damit verstärkt auftretenden Naturereignisse sehr beschäftigen, kann es mir helfen, mich zum Beispiel in einer Gruppe für den Klimaschutz zu engagieren, Müll zu trennen oder meinen Fleischkonsum zu reduzieren. Aktiv ins Handeln zu gehen, ist auch hier sinnvoller, als dazusitzen und zu mauern.
Einerseits belasten die Eindrücke, andererseits übt das Hochwasser auf viele Menschen auch eine Faszination aus. Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer warnte in diesem Zusammenhang bereits vor „Katastrophentourismus“. Gibt es eine psychologische Erklärung für dieses Phänomen?
Orthuber: „Schaulust“ ist ja ein sehr negativ konnotierter Begriff. Zunächst einmal ist es in Ordnung, Interesse an allem Neuen zu haben. Wenn es etwas Ungewöhnliches zu sehen gibt und man die Donau noch nie in diesem Zustand erlebt hat, ist es verständlich, dass man sich davon angezogen fühlt. Schwierig wird es, wenn Helfer behindert werden oder sich Opfer durch diese Schaulust noch zusätzlich belastet fühlen. Wenn Gaffer eine Familie dabei beobachten, wie diese gerade ihre Sachen für die Evakuierung packt, ist meiner Meinung nach eine Grenze überschritten. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen dafür ein feineres Gespür entwickeln.
Das Interview führte Marion Neumann
