Mutmaßliche Verschwörer um Prinz Reuß – Plante Lappersdorfer (68) am Umsturz mit?

Von André Baumgarten · 31. Mai 2024 um 12:00

In Akten zu den mutmaßlichen Verschwörern um Prinz Reuß finden sich neue Spuren in die Oberpfalz – ein Ingenieur aus Lappersdorf soll laut Ermittlern tief in das Terror-Netzwerk verstrickt gewesen sein. Er bestreitet das.

Fast eineinhalb Jahre ist es her, dass die Terror-Umsturzpläne der sogenannten Gruppe Reuß bekannt wurden. Spezialkräfte rückten damals zeitgleich in elf Bundesländern an – auch in Lappersdorf, der einzigen Adresse in der Oberpfalz. Gegen die mutmaßlichen Drahtzieher der Verschwörung läuft seit einigen Tagen der Prozess. Im Fall des Lapperdorfers wird weiter ermittelt – er bestreitet, ein Reichsbürger zu sein, lässt er seinen Anwalt ausrichten. MZ-Recherchen zeigen: Der 68-Jährige stand in direktem Kontakt mit dem hauptangeklagten Prinzen, soll Treffen für ihn mitgeplant und Geld für Waffenkäufe gesponsort haben.

Laut den Anklagen der Bundesanwaltschaft waren die Männer und Frauen um Heinrich XIII. Prinz Reuß Mitglieder einer terroristischen Vereinigung oder haben diese unterstützt. 69 Beschuldigte führen die Ermittler, neben Ex-Soldaten wie Maximilian E. (Lkr. Freyung-Grafenau) und einer ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten auch den Mann aus Lappersdorf. Gemeinsam sollen sie einen Angriff auf den Bundestag und so einen gewaltsamen Umsturz geplant haben. Zusätzlich zu den mutmaßlichen Rädelsführern, denen in Frankfurt der Prozess gemacht wird, müssen sich seit Ende April am Oberlandesgericht (OLG) in Stuttgart neun Männer verantworten, die zum militärischen Arm gehört haben sollen. Der dritte Prozess startet am 18. Juni in München.

Auch der Mann aus Lappersdorf soll Teil des Terror-Netzwerks gewesen und an der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens, wie es im Gesetz heißt, beteiligt gewesen sein. Was Ermittlungsakten dazu ergeben, zeichnet ein teils verstörendes Bild. So lässt sich rekonstruieren, wie die Protagonisten zueinandergefunden, welch wilden Verschwörungstheorien sie gefolgt und was sie geplant haben sollen. Mittendrin der Diplom-Ingenieur sowie seine Frau, mit der er seit Jahren im unscheinbaren Bungalow mitten in einer Wohnsiedlung in Lappersdorf lebt.

War Ingenieur aus Lappersdorf von Beginn an tief involviert?

Gegründet haben soll sich die Gruppe im Spätherbst 2021: Als Ex-Oberst Maximilian E., Prinz Reuß und weitere mutmaßliche Köpfe sich das erste Mal in einem Hotel in Helmbrechts – 20 Kilometer südwestlich von Hof – trafen, soll der Lappersdorfer bereits dabei gewesen sein. Ebenso einen Monat später, am 25. November 2021, im selben Hotel. Nach Überzeugung der Ermittler ging es spätestens beim zweiten Treffen um den Kauf von Waffen und Ausrüstung – damals noch für die „Reinigung“ unterirdischer Tunnel, die unter anderem in Grafenwöhr existieren sollten. Da, glaubten die Männer und Frauen um Maximilian E. wohl, würden seit Jahren systematisch Kinder missbraucht. Mit Wissen und auch mit Billigung höchster politischer Kreise.

Der 68-Jährige aus Lappersdorf soll laut Akten, die die MZ einsehen konnte, dafür auch selbst Geld beigesteuert haben. Anfang 2022 etwa. So geht es aus abgehörten Telefonaten hervor. Mit Codewörtern sprechen er und E. von Kindergeburtstag, Kaffee und Kuchen, „vielleicht sogar Sahne oben drauf“. Die Ermittler sind überzeugt: In Wirklichkeit ging es um ein Waffengeschäft. Am Autobahnrastplatz in Pentling sollte Geld für ein Schweizer Brüderpaar übergeben werden – das tat laut Ermittlern die Ehefrau des Lappersdorfers. Die Brüder hatten offenbar vorgegeben, Waffen besorgen zu wollen, die Gruppe Reuß tatsächlich aber nur abgezockt.

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Das alles spielte zu einer Zeit, als die mutmaßliche Terror-Gruppe noch im Aufbau war: Erst 24 Tage nach dem Treffen auf der A93 fand am 11. Februar die erste „Ratssitzung“ um Heinrich XIII. Prinz Reuß statt, fünf weitere folgten. Als Beamte von Bundes- und Landeskriminalamt, Spezialeinsatzkommandos und die Anti-Terror-Einheit GSG 9 am 7. Dezember 2022 zugreifen, wird ein Arsenal von rund 380 Schuss-, mehr als 350 Hieb- und Stich- sowie fast 500 weiteren Waffen und 148.000 Munitionsteilen beschlagnahmt. Laut Bundesanwaltschaft war allen Beteiligten bewusst, „dass die geplante Machtübernahme mit der Tötung von Menschen verbunden wäre", heißt es hierzu.

In Lappersdorf wurden die Nachbarn an jenem Mittwochmorgen von einer lauten Explosion aufgeschreckt. Das SEK sprengte die Haustür des Paars auf. Bis zum Abend wurde danach alles durchsucht, Überwachungskameras rund ums Haus, kistenweise Unterlagen, PCs und Datenträger sichergestellt. Auch Waffen, die der 68-Jährige aber wohl ganz legal besaß. Anwohner beschrieben ihn und die Ehefrau als ruhig und zurückgezogen. Einzig mit Kritik an Corona-Politik und Impfungen hielten sie sich nie zurück, hieß es. Zu Letzterem sollen sie auch Verschwörungstheorien angeführt haben.

Keiner ahnte damals, wie tief der Mann offenbar im Netzwerk der „Patriotische Union“ genannten Gruppe verstrickt gewesen sein könnte. Ermittlungen, an denen sogar Geheimdienste beteiligt waren, zeigen, dass der Lappersdorfer auch Kontakt zu Prinz Reuß persönlich pflegte – unter anderem im Zusammenhang mit einem „Sponsorentreffen“ am 23. und 24. November 2022 in einem Hotel im unterfränkischen Marktheidenfeld. Daneben war der Diplom-Ingenieur mit zwei weiteren Angeklagten im Frankfurter Prozess offenbar sehr eng verbunden.

Bat Gruppe Reuß in Russland um aktive Unterstützung?

In den Akten finden sich zu dem Mann und der Frau auch Verbindungen nach Russland: Beide sollen dem militärischen Arm angehört und sich vor allem dem Aufbau von „Heimatschutzkompanien“ gewidmet haben. Die 53-Jährige soll aktiv um Unterstützung für die Umsturzpläne der Gruppe Reuß geworben und dafür zweimal russische Diplomaten getroffen haben. Sogar von einem Brief an Putin-Sprecher Peskow ist laut Anklage die Rede. Das alles hat nun das Oberlandesgericht in Frankfurt auszuarbeiten. Daher gilt für alle Beschuldigten vorerst auch die Unschuldsvermutung.

Das gilt auch für den Mann aus Lappersdorf. Auf die Verbindungen angesprochen, betonte Strafverteidiger Johannes Büttner: „Mein Mandant distanziert sich ganz klar von der Reichsbürgerszene.“ Dass der 68-Jährige Kontakte gehabt habe, „ist nicht zu bestreiten“, so Büttner, ohne aber näher darauf einzugehen. Es gebe jedoch „gute Gründe, warum er nicht mit den anderen vor Gericht steht“ – der 68-Jährige sei im Gegensatz zu diesen bisher keinen Tag in U-Haft gewesen. Weiter wollte sich der Regensburger Anwalt nicht äußern. „Wir warten nun den Abschluss der Ermittlungen ab.“

Anti-Terror-Razzia in Lappersdorf: Bundesweit rückten Ermittler des Bundeskriminalamts, unterstützt von Spezialkräften, am 7. Dezember 2022 an, auch zu einer Adresse in der Oberpfalz. Das Haus eines 68-Jährigen wurde akribisch durchsucht – nun gibt es neue Details zum Fall. Foto: Baumgarten/Archiv
Auch mit einer in Frankfurt angeklagten 53-Jährigen (vorn Mitte) stand der Lappersdorfer in Kontakt. Sie soll laut Akten versucht haben, zur Unterstützung der Umsturzpläne Kontakte mit Russland zu knüpfen – auch von einem Brief an Kreml-Sprecher Peskow ist die Rede. Foto: dpa