Und wieder sperrt eine Apotheke in Kelheim zu – ein Überfall dort hielt einst die Stadt in Atem

Von Beate Weigert · 29. Mai 2024 um 05:00

Erst vor wenigen Wochen schloss die Starenapotheke. Am Freitag, 31. Mai, sperrt Ursula Grune die Stadtapotheke für immer zu.

Generationen von Kelheimerinnen und Kelheimern haben hier Salben, Pillen, Zäpfchen und Tinkturen gekauft. Ab Samstag ist die Kreisstadt um eine Apotheke ärmer. Die Stadtapotheke in der Donaustraße schließt. Sie hat eine lange Geschichte. Einst hielt ein Überfall dort die Stadt in Atem.

Mit der Schließung endet die Historie einer der ältesten Apotheken in Niederbayern. Auch auf die Notdienste in der Region wird sich das auswirken.

Erst einige Wochen ist es her, dass die Starenapotheke in der Bauersiedlung zusperrte. Die Ratsapotheke am Ludwigsplatz hatte 2019 dichtgemacht. Die Marienapotheke in der Altmühlstraße gibt es schon länger nicht mehr.

Ein Nachfolger fand sich nicht

Ursula Grune, die Inhaberin der Stadtapotheke, ist mit 77 in einem Alter, da sie längst an Ruhestand hätte denken können. Vor einem Jahr hatte sie mit einer ihrer wichtigsten Mitarbeiterinnen und dem restlichen Team das Ende „getimt“, sagt sie. Die angestellte Pharmazeutin geht zum Monatswechsel in Rente.

Ein Nachfolger, der den Betrieb weitergeführt hätte, eventuell auch als Filiale, fand sich nicht, sagt Ursula Grune. Das habe auch damit zu tun, dass es in der Innenstadt nur mehr zwei Arztpraxen gebe. Ihre drei Kinder haben andere berufliche Wege eingeschlagen oder andernorts ihren Lebensmittelpunkt. So schließt sich am Freitag, 18 Uhr, die Tür in der Donaustraße 16 für immer.

Dann bleiben der Kreisstadt noch vier Apotheken sowie im Umkreis eine in Ihrlerstein und eine in Saal.

Noch Pfingstmontag übernahm Ursula Grune ihren letzten Notdienst. Dieser sei schon lange nicht mehr so, wie noch zu ihres Vaters Zeiten. Der hatte früher oftmals ein Schild ins Fenster gehängt: „Bin im Garten“. Insbesondere seit es die kassenärztliche Bereitschaftspraxis am Krankenhaus gibt, geben sich die Kunden an Sonn-und Feiertagen die Klinke in die Hand.

Vieles ist in ihrer Branche schwieriger geworden

Überhaupt habe sich in ihrer Branche vieles gewandelt. Die Vergütungen stagnierten seit vielen Jahren. Die Lieferbarkeit vieler gängiger Medikamente sei nach wie vor schwierig. Das E-Rezept wie viele bürokratische Auflagen bereiteten viel „zusätzliche Arbeit“. So dass sie am Freitag mit einem „lachenenden und einem weinenden Auge“ einen Schlussstrich ziehen werde, so Ursula Grune. Der gute, persönliche Kontakt zu vielen Kunden werde ihr fehlen, sonst sei es jetzt gut so wie es sei.

Wäre es einst nach ihr gegangen, hätte Ursula Grune eine andere berufliche Laufbahn eingeschlagen. „Ich hätte gerne etwas mit Kindern gemacht und wollte Lehrerin werden“, verrät die 77-Jährige. Doch nachdem ihr jüngerer Bruder Hans Medizin studierte, war es an ihr die Familientradition fortzuführen.

Denn Apotheker war bereits der Urururgroßvater. Er hatte 1815 die Apotheke „Zum goldenen Stern“ in einer Stadt nahe Prag gegründet. Grunes Großvater führte die Engel-Apotheke in Karlsbad. Dort arbeitete bereits ihr Vater Hans Worlicek mit. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie vertrieben. Ihr Vater startete in Bayern neu. Erst in Würzburg, dann in Cham, wo Ursula Grune aufgewachsen war. 1961 bot sich für ihre Eltern die Chance die Stadtapotheke in Kelheim zu kaufen. Erst arbeitete Grune beim Vater mit, seit Jahrzehnten führte sie nun selbst das Geschäft.

Noch erscheint es ihr „unwirklich“, dass nun die Tage gezählt sind. Zuletzt war vieles zusammengekommen. Vor wenigen Wochen erst war ihr Mann Bernd gestorben. Bleiben werden viele Erinnerungen. Etwa die an den Überfall, der vor knapp 20 Jahren Kelheim in Atem hielt. Als Grune eines Tages von der Bank zurückkam, hatte ein Bewaffneter eine Angestellte in seiner Gewalt. Grune behielt die Nerven und drückte im Hinterzimmer die Alarmglocke . Die schlug den Mann in die Flucht. Er rannte in Richtung Pletl-Bauer, dort hatte er Kleidung zum Wechseln versteckt. Schließlich wurde er von der Polizei geschnappt und für seine Tat verurteilt.

Die Kelheimer Stadtapotheke vor 1910 Fotos: Familiensammlung Grune (5)
Autos parken im Herbst 1964 vor der Apotheke. Nach der Sanierung erstrahlte sie in neuem Glanz.
Neuer Schmuckgiebel: So war die Stadtapotheke zum 50-jährigen Jubiläum der Errichtung der Befreiungshalle im Jahr 1913 geschmückt.
1961 kauften Ursula Grunes Eltern Hans und Ilse Worlicek die Kelheimer Stadtapotheke. Die Familie stammte aus Karlsbad und fing nach dem Krieg in Bayern von vorne an.
Hochwasser 1965: Die frisch sanierte Apotheke stand wie viele Gebäude in der Altstadt meterhoch unter Wasser. Die Kelheimer bewegten sich per Zille von A nach B. Ursula Grune fuhr damit zum Vorabitur.
Dieses Foto zeigt Ursula Grunes Eltern (v.re.) mit ihren Mitarbeiterinnen 1964
So mancher kennt die Apotheke auch wegen eines besonderen Details in der Fassade. Dort findet sich ein Grabstein in hebräischer Schrift aus dem Jahr 1249.
Diese Aufnahme ist von 196: Oberhalb des linken Bogenfensters sind die Reste der zerhörten Judenspotttafel erkennbar.