61 Marathons in 61 Tagen: Aleksander Lingauer will 2500 Kilometer laufen und Spenden sammeln

Von Philipp Breu · 27. Mai 2024 um 19:00

In diesem Sommer wird Aleksander Lingauer an seine Grenzen gehen und weit darüber hinaus. Wobei „gehen“ eigentlich der falsche Ausdruck ist: Er läuft. 61 Marathons in 61Tagen, das macht insgesamt mehr als 2500 Kilometer: Dieses schier unmenschliche Ziel hat sich der Sohn der bekannten Schwandorfer Gastronomenfamilie (Lingauer Eismanufaktur) gesetzt.

Mit der ungewöhnlichen Aktion will Lingauer Spenden für bedürftige Menschen sammeln. Denn der junge Sportler stand in seiner Kindheit selbst nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens.

Aleksander Lingauer bezeichnet sich selbst nicht als klassischen Läufer. Er strebt nicht nach Bestzeiten bei Wettkämpfen. Für ihn habe der Sport eher etwas Spirituelles. Den Körper an den Grad der völligen Erschöpfung zu bringen und dann noch einen Schritt weiterzugehen – das sei für ihn ein Kick, den er selbst nur schwer in Worten beschreiben könne. „Ich will den Leuten zeigen, zu was der Mensch fähig ist“, sagt Lingauer.

Das sei auch einer der Antriebe zu seinem neuen Marathonprojekt, das am 1. Juli am nördlichsten Punkt Deutschlands starten und in seiner Wahlheimat Regensburg am 30. August enden soll – und zwar an der Kuchenbar. „Der Ort gefällt mir einfach gut“, sagt er. Doch bis es soweit ist, müssen ihn seine Beine mehr als 2500 Kilometer weit tragen – und das ohne einen Tag Pause.

Mediziner äußern Bedenken

Was das für den menschlichen Körper bedeutet, weiß Lingauer selbst nur zu gut. Denn er ist gelernter Physiotherapeut. Auch Mediziner hätten ihm schon bescheinigt, dass diese Art von Belastung ungesund sei. Doch von seiner Idee abbringen könne ihn keiner mehr. Zwei Mal am Tag trainiert der junge Sportler auf sein Ziel hin. Alle zwei Wochen gönnt er sich einen Tag Verschnaufpause.

Doch Training alleine sei nicht entscheidend. „Das Training macht wettbewerbsfähig, es garantiert mir für solch ein Vorhaben aber niemals den Erfolg. Der Kopf und die Seele spielen da eine größere Rolle“, sagt er. Man stehe über solche Distanzen im ständigen Konflikt mit seinem eigenen Körper und den könne man nur gewinnen, wenn der Geist stärker sei.

Der 25-Jährige weiß, wovon er spricht. Denn es ist nicht das erste Mal, dass er sich auf eine extreme Reise begibt. Im Mai 2022 brach er von Regensburg mit Rucksack und Wanderschuhen auf, 419 Tage später sollte er 13 Länder in Europa zu Fuß durchquert haben: Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Griechenland, Italien, Frankreich, Spanien, England, Irland und die Schweiz. Nur enge Freunde und die Familie hätten durch handgeschriebene Briefe gewusst, wo er sich gerade aufhielt.

Der Trip sei für ihn eine Art Flucht aus dem Alltag gewesen, wie Lingauer heute zurückblickt. Er sei mit seiner Ausbildung und dem eigenen Leben in Deutschland zunehmend unzufriedener geworden. Das Buch „Greenlights“ von Matthew McConaughey, das der Hollywood-Star einst während eines 52-tägigen Wüstenaufenthalts ohne Strom geschrieben hatte, habe ihn schließlich auf die Idee gebracht. Dort erzählt der Schauspieler unter anderem davon, wie er in Mali gegen einen lokalen Champion im Ringen angetreten ist. „Da habe ich realisiert, dass mein Leben, das ich bis dato in Deutschland geführt habe, nie in solchen Geschichten resultieren würde“, sagt Lingauer.

Noch in der selben Nacht habe er geträumt, das er mit einem Rucksack in den Alpen stehe. Diesen Traum habe er auf Papier festgehalten. Eineinhalb Jahre später, eben in jenem Mai 2022, sei er dann mit gepackten Sachen aufgebrochen.

Während seiner Reise sei bei Weitem nicht alles glatt gelaufen, sagt Lingauer. In Italien sei er beispielsweise immer wieder von Straßenhunden verfolgt worden. „Die haben mich sogar einmal einen Olivenbaum raufgejagt“, erinnert er sich. In Griechenland sei er in eine Schlägerei verwickelt worden, weil ihn zwei Männer ausrauben wollten und er habe dort sogar auch Mal im Gefängnis gesessen.

In jungen Jahren obdachlos

Doch der junge Mann biss sich durch und setzte seine Reise trotz aller Widrigkeiten fort – bis er wieder in Deutschland ankam. Dass ein solches Durchhaltevermögen nicht von irgendwo her kommt, wird deutlich, wenn Lingauer über seine Vergangenheit erzählt. Seine Eltern trennten sich, als er noch sehr jung war. Sein Bruder Johann und er wuchsen dann bei der Mutter, die aus Polen stammt, auf.

Zahlreiche Umzüge und Schulwechsel sollten folgen. Aleksander und sein Bruder lebten mal in England, mal in Irland, mal in Spanien, mal auf Zypern. Zeitweise war die junge Familie sogar obdachlos. Lingauer erzählt von vielen Terminen bei Sozialarbeitern. „So richtig ausgepackt habe ich dann aber ungefähr erst beim 15. Mal. Zuvor hat mich mein Lehrer in England angesprochen, warum ich immer so ungepflegt in der Schule erscheine.“

Johann und er landeten in Pflegefamilien. Von Sozialarbeitern sei der Vater, der bereits sechs Jahre lang nach seinen Söhnen gesucht hatte, informiert worden. Beide seien daraufhin in seine Obhut übergeben worden.

Mit seiner Marathon-Aktion, die Lingauer „Project 61“ getauft hat, will er nun die Menschen unterstützen, die gegenwärtig mit ähnlichen Situationen zu kämpfen haben, mit denen auch er und sein Bruder konfrontiert wurden: Alkoholismus und Obdachlosigkeit. Dazu will er 61000 Euro Spenden sammeln. Ohnehin zieht sich die Zahl 61 wie ein roter Faden durch Lingauers Projekt. „Sie ist eine Widmung an meinen Vater“, erklärt er. Denn dieser wurde 1961 geboren.

Um auf die besondere Aktion aufmerksam zu machen, hat Lingauer kürzlich auf seinem Instagram-Account „lingauerpiotr“ ein Teaservideo zu seinem „Project 61“ veröffentlicht. Dort ist er beim Training zu sehen und erklärt, warum er sich und seinem Körper diese Strapazen überhaupt antun will.

Auch von einem seiner Weggefährten gibt es einen kurzen Kommentar. „He is a mad dog“, sagt Rafael Khazalla, einer seiner engsten Freunde, über Lingauer in die Kamera. Ein „verrückter Hund“ also, der, sollte er die 61Marathons wirklich bewältigen, wohl bald bekannt wie ein bunter Hund sein dürfte.

Finanzielle Unterstützung:

Dokumentation: Damit möglichst viele Menschen an seiner Aktion teilhaben können, will sich Aleksander Lingauer filmisch begleiten lassen. Das tue er nicht, um sich selbst zu profilieren, wie er sagt, sondern, um Aufmerksamkeit auf die Themen Alkoholismus, Obdachlosigkeit und Willensstärke zu lenken.

Kosten: Hier brauche es aber ein Budget von etwa 35000Euro, man sei deshalb auf Firmenkooperationen und Sponsorengelder angewiesen. Mit dem Geld sollen das Kamerateam, ein Van, Essen und Sprit bezahlt werden.

Spenden: Dazu hat Lingauer eine Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen. Auf der Internetseite indiegogo.com kann unter dem Suchbegriff „project 61“ gespendet werden.

Bei Wind und Wetter: Auch in der Schweiz bereitete sich der Wahl-Regensburger auf seine Marathons vor. Foto: Yana Kyrychenko
Im Mai 2022 brach der heute 25-Jährige mit Gepäck auf. Binnen 419 Tagen durchquerte er zu Fuß 13 Länder in Europa. Foto: Lingauer