Neue Beratungsstelle in Schwandorf: Frühe Hilfe für Jugendliche mit Essstörungen

Der Sohn macht sich plötzlich ständig Gedanken ums Essen, so sehr, dass er sich strenge Regeln auferlegt? Die Tochter hat permanent Angst, dass sie zunimmt? Oder eine Lehrerin ist in Sorge, dass ihre Schülerin möglicherweise an einer Essstörung leiden könnte? Für genau solche Fälle gibt es in Schwandorf jetzt ein neues Beratungsangebot für Jugendliche.
In bester Lage, direkt am Oberen Marktplatz, hat die Regensburger Beratungsstelle „Waagnis“ eine Außenstelle eröffnet. Dafür sind die Expertinnen alle 14 Tage in der sozialpädagogischen Praxis Frank & Huber-Schmid präsent – immer am Donnerstag. Dann finden Jugendliche und ihre Angehörigen kompetente Unterstützung bei der Sozialpädagogin Jennifer Messerer.
Seit 2009 gibt es die Beratungsstelle „Waagnis“ in Regensburg. Zunächst richtete sich das Angebot überwiegend an Erwachsene. Doch während der Corona-Pandemie sei die Nachfrage von Jugendlichen so gestiegen, dass diese Arbeit nicht mehr nebenher zu bewältigen war, sagt Leiterin Claudia Burmeister. Was dem Team dabei früh auffiel: Ein „deutlicher Anteil“ ihrer Klienten komme aus dem Landkreis Schwandorf.
Essstörungen sind eine „zähe Erkrankung“
Auch das war einer der Gründe, wieso die Beratungsstelle nun mit einem Angebot in Schwandorf präsent ist. Neben dem Hauptsitz in Regensburg und dem Standort in Straubing ist die Große Kreisstadt damit bereits die dritte Anlaufstelle von „Waagnis“. Für die Arbeit bekommen die Expertinnen eine Förderung durch das Schwandorfer Jugendamt.
Die Gründe, wieso Klientinnen und Klienten die Beratungsstelle aufsuchen, sind vielfältig. Für manche ist „Waagnis“ die erste Anlaufstelle. Gerade Jugendliche kommen häufig, wenn sie von Freunden oder Eltern, aber auch von der Schule oder von Ärzten „geschubst“ werden, wie es Burmeister formuliert. Andere Klienten haben bereits Therapieversuche hinter sich, sind möglicherweise aus der Klinik entlassen worden oder warten auf eine ambulante Weiter-Behandlung. Denn, auch das weiß Burmeister aus ihrer Berufserfahrung: „Essstörungen sind eine sehr zähe Erkrankung.“
Zäh – und vielschichtig. Denn die weithin bekannte Magersucht ist nur ein Erscheinungsbild. Auch die Ess-Brech-Sucht oder die Esssucht gehören zu den Essstörungen, genauso wie die selektive Essstörung. Dabei entwickeln Betroffene einen Ekel oder eine Angst vor bestimmtem Essen – mit der Folge, dass diese viele Lebensmittel meiden. Zudem gibt es die sogenannte Muskeldysmorphie. Diese Betroffenen sind stark auf ihre Körperform fixiert – oft so sehr, dass sie extrem trainieren, auf eiweißhaltige Ernährung setzen und andere Aktivitäten immer mehr in den Hintergrund treten. „Das scheint sehr zuzunehmen“, sagt Claudia Burmeister.
Für all diese Probleme ist „Waagnis“ eine Anlaufstelle. „Jeder kann zu uns kommen“, sagt Sozialpädagogin Jennifer Messerer, die für den Standort in Schwandorf zuständig ist. Dabei will „Waagnis“ so niederschwellig wie möglich sein: Die Beratung findet nicht nur persönlich statt, sondern ist auch telefonisch und per Video-Telefonie möglich. Sogar anonyme Gespräche sind im Angebot.
In Schwandorf dauert es derzeit etwa zwei bis drei Wochen, um einen Beratungstermin bei „Waagnis“ zu bekommen. „Wir versuchen, Betroffene da abzuholen, wo sie stehen, sie ernst zu nehmen“, sagt Claudia Burmeister. Tatsächlich geht es oft um eine erste Einschätzung – und darum, die Klienten zu einer Therapie zu motivieren. Aber das ist teilweise gar nicht so leicht. „Manche sind sich dessen gar nicht bewusst“, sagt Burmeister. Die Krankheit habe für Betroffene mitunter eine „wichtige seelische Funktion“, werde gar als Teil ihrer Identität begriffen. Entsprechend groß sei die Angst der Erkrankten, dass ihnen etwas genommen werde. An der Stelle setzen die Beraterinnen an. „Wir begleiten so lange, bis jemand etwas Passendes gefunden hat“, sagt Burmeister. Denn bis Betroffene einen Therapieplatz bekommen, kann es durchaus einige Monate dauern.
Je früher die Hilfe erfolgt, desto besser
Die Jugendlichen und ihre Angehörigen sind die eine Zielgruppe für „Waagnis“. Doch auch Fachpersonal kann sich an die Beratungsstelle wenden – so etwa Lehrkräfte oder Schulsozialpädagogen, die mit den Experten etwaige Fälle besprechen möchten. Sie bekommen dann eine professionelle Einschätzung.
Wenn das Essen in den Gedanken immer mehr Raum einnimmt, wenn sich Jugendliche beim Essen plötzlich strengen Regeln unterwerfen, sich in ihrem Körper nicht mehr wohlfühlen oder sich gar sozial isolieren – dann sind das laut Jennifer Messerer mögliche Warnzeichen, um hellhörig zu werden. Eine Essstörung sei nicht immer von außen sichtbar, weiß die Sozialpädagogin.
Doch bei der bloßen Beratung soll es nicht bleiben. Man wolle auch Prävention leisten, sagen Messerer und Burmeister. Sie wollen mit Schulen oder Jugendtreffs in Kontakt treten, sich in Arbeitskreise einbringen. Es geht einerseits darum, ihr Angebot im Landkreis Schwandorf bekannt zu machen. Und andererseits will „Waagnis“ seine Zielgruppe – die Jugendlichen – direkt erreichen.
Denn für die beiden Sozialpädagoginnen ist klar: Je früher bei Essstörungen geholfen wird, desto besser ist es für die Betroffenen.
Wie Betroffene Kontakt aufnehmen können:
Termine: Die Beratungsstelle ist alle 14 Tage in Schwandorf besetzt – und zwar jeweils am Donnerstag von 12 bis 18Uhr.
Beratung: Für eine Beratung sollen Betroffene und ihre Angehörigen einen Termin ausmachen.
Erreichbarkeit: Die Beratungsstelle ist entweder per Mail unter info@waagnis.de oder telefonisch unter der Nummer (0941)5998606 erreichbar. Unter der Telefonnummer ist „Waagnis“ am Montag, Mittwoch und Freitag jeweils von 9 bis 12 Uhr sowie am Dienstag und Donnerstag von 14 bis 17 Uhr erreichbar.
Adresse: Die Außenstelle in Schwandorf hat ihren Sitz am Marktplatz unter der Adresse Marktplatz 20 in der sozialpädagogischen Praxis.