Begehrte Wähler: Fährt die Regensburger Jugend auf die Stadtbahn ab?

Von Rainer Wendl · 20. Mai 2024 um 19:00

Über die Regensburger Stadtbahn wird viel und kontrovers diskutiert. Die Jugend kommt dabei allerdings wenig zu Wort. Wie tickt sie beim Thema?

Knapp drei Wochen vor dem Bürgerentscheid zur Stadtbahn nimmt die Anzahl der Informationsveranstaltungen spürbar zu. Dabei fällt auf: Wenn ein Teilnehmer um die 40 Jahre alt ist, gehört er schon zu den Jungen. Aber was ist mit der eigentlichen Jugend, für die dieses Zukunftsthema nochmals mehr Bedeutung hätte? In der Schlussphase des „Wahlkampfs“ versuchen Gegner und Befürworter der Stadtbahn an den Regensburger Hochschulen, am abendlichen Bismarckplatz oder auch vor Jahn-Spielen Überzeugungsarbeit bei dieser Altersgruppe zu leisten.

„Reaktionen sind bunt gemischt“

Die Initiative Gleisfrei Regensburg war dieser Tage in der OTH präsent. „Die Reaktionen sind bunt gemischt“, meinte Gleisfrei-Mitglied Claudia Böhm, die zwischen Hörsälen und Mensa Flyer verteilte. Am Info-Tisch studierte derweil eine in der Hochschulverwaltung beschäftigte Frau mittleren Alters die ausgelegten Pläne zur Querung des Campus durch die Stadtbahn. Mit deutlichem Kopfschütteln brachte sie ihr Missfallen zum Eindruck, zur Zufriedenheit von Böhms Gleisfrei-Mitstreiter Karl Heinz Seitz.

Weniger Erfolg hatte er ein paar Sekunden später. Mit den Worten „Nein, ich werde dafür stimmen“ lehnte Maschinenbau-Student Elias Krammer den entgegengestreckten Flyer ab. „Macht ja nix“, antwortete Seitz und hakte die Begegnung damit ab – doch dann drehte Krammer den Spieß um und fragte: „Was spricht denn gegen die Stadtbahn?“ Seitz’ Antwort, wonach nur die direkt an der Strecke wohnenden oder arbeitenden Bürger davon profitieren würden, überzeugte den jungen Mann und seine Freunde überhaupt nicht.

Klartext vom Speicher-Papst

Im Nu war eine lebhafte Diskussion im Gang, in deren Verlauf Seitz vor allem die ökologische Karte zu spielen versuchte. Er nannte die 600 wegen der Stadtbahn notwendigen Baumfällungen und den hohen CO2-Eintrag, den der Bau verursachen würde. „Bis das durch den Betrieb kompensiert wird, dauert es mehr als 30 Jahre.“ Die Studenten hielten dagegen, dass auch ein reiner Elektrobus-Betrieb nicht ohne Auswirkungen auf die Umwelt bliebe und 600 Bäume angesichts des Nutzens einer Stadtbahn einen zu vernachlässigenden Anteil am Stadt-Grün darstellten.

„Jede andere Stadt wäre froh, wenn sie so ein Infrastrukturprojekt bekäme. Es hat sich im Nachhinein noch nirgendwo herausgestellt, dass das Käse ist“, fasste Krammer zusammen. Johannes Strobl, Studiengang Regenerative Energien und Energieeffizienz, pflichtete ihm bei und sagte zu Seitz: „Ihre Argumente sind nicht stichhaltig, Sie werden die Abstimmung verlieren.“ Der Gleisfrei-Mann nahm’s sportlich. „Ist doch schön, wenn die jungen Leute diskussionsfreudig sind“, meinte er. „Ich bin sicher, dass 60 bis 70 Prozent gegen die Stadtbahn sind.“

Sterner: „OTH ist pro Stadtbahn, die Studierendenschaft auch“

An der OTH ist es deutlich anders herum, wie Michael Sterner klarstellte. Der als „Speicher-Papst“ bekannte Professor für Energiespeicher, Wasserstoff und Energiesystemtechnik kam während der beschriebenen Diskussion zufällig vorbei. Sein Statement: „Die OTH ist pro Stadtbahn die Studierendenschaft auch.“ Die Kritikpunkte an dem Projekt hält er für „reine Angstmacherei“, das innerhalb der OTH lange Zeit als schwerwiegender Konfliktpunkt geltende Thema der Campus-Querung sieht er entschärft. Erst kürzlich habe sich eine Abordnung der Regensburger Hochschulen die Lösung in Augsburg angeschaut, wo die Straßenbahn mitten über den Campus fährt. „Da hat man gesehen, dass das wunderbar geht.“

Dies bestätigten auch Lukas Läpple und Sebastian Hofmann vom Sprecherinnenrat der OTH. Die Fahrt nach Augsburg sei einer von vielen Faktoren gewesen, der das Meinungsbild klar in Richtung pro Stadtbahn gedreht habe. „Unsere Hochschule hat ja auch Nachhaltigkeit als Ziel. Man merkt, dass unsere Generation den Wandel will“, betonte Läpple. Über die Werbeaktion der Gleisfrei-Aktivisten sagte Hoffmann: „Wir haben uns mit ihnen unterhalten und festgestellt, dass auch sie absolut für die Verkehrswende sind. Schade, dass sie so kategorisch gegen eine Stadtbahn sind.“

Offenheit für das verkehrspolitische Mega-Projekt hat hingegen Wolfgang Bogie registriert. Er war am Samstag mit einigen Mitstreitern am Jahnstadion, um vor dem Spiel des SSV gegen Saarbrücken Postkarten mit dem Motto „Mit der Bahn zum Jahn“ zu verteilen. „Ich bin positiv überrascht. Die Leute schmeißen die Flyer nicht umgehend wieder weg, sondern nehmen die Information gerne an“, so Bogie.

Generationenkonflikt droht

Willkommen ist die Wissensvermittlung zur Stadtbahn auch an der Universität. An der zentralen Bushaltestelle werden am Freitag die Befürworter einen Stand haben. „So etwas hätte ich mir öfter gewünscht. Mein Eindruck ist nämlich, dass die junge Generation bei diesem Thema zu oft außen vor gelassen wird“, meint Medizinstudent und Projekt-Befürworter Lukas Regner.

Er schätzt die Stimmung an der Uni als „mehrheitlich pro Stadtbahn“ ein und begründet dies wie folgt: „Wer jeden Tag mit dem Bus hierher fährt, der weiß, dass das System einfach am Anschlag ist. Es geht zwar alle drei Minuten ein Bus, aber die meisten sind so voll, dass man nicht mehr einsteigen kann. Ich frage mich, was man da noch ausbauen möchte.“

Regner verweist zudem auf die Hochrechnung, wonach die Stadtbahn langfristig nicht mehr kosten würde als ein rein auf Bussen basierender ÖPNV. Doch er zweifelt, ob diese Botschaft auch zu Senioren vordringt, die beim Thema Stadtbahn stets nur Anekdoten von der ruckelnden alten Straßenbahn erzählen: „Es herrscht eine gewisse Resignation darüber, dass die Mehrheit der älteren Mitbürger eine Entscheidung treffen könnte, deren Folgen uns Jüngere erwischen.“

„Mit der Bahn zum Jahn“: Yassin Domke verteilte vor dem Spiel des SSV gegen Saarbrücken Info-Postkarten.