Aus für Heiligenfeld Klinik in Waldmünchen sorgt für Schock bei Mitarbeitern und Politik

Von Petra Schoplocher · 17. Mai 2024 um 17:40

„Die Frau neben mir hatte Tränen in den Augen.“ Mehr als diesen Satz braucht es nicht, um nur annähernd zu beschreiben, was sich bei der außerordentlichen Betriebsversammlung am Donnerstag zugetragen hat. Tenor: Die Heiligenfeld Klinik Waldmünchen (Landkreis Cham) steht vor dem Aus. Für viele unfassbar. Entsprechend einhellig fallen die Reaktionen aus: Schock, Trauer, Verzweiflung, Fassungslosigkeit, Leere.

Zwar hatte das Szenario hinter vorgehaltener Hand in Mitarbeiterkreisen schon seit Wochen und Monaten immer wieder die Runde gemacht. „Dass es nun aber passiert, ist doch unerwartet“, erklärt ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Er müsse das erst einmal verarbeiten, sagt der Therapeut, der zu denen gehört, die der Arbeit wegen nach Waldmünchen gezogen sind. „Keine Ahnung, wie es nun weitergeht.“ Er beschreibt sein Empfinden als eine Art Schockstarre.

Eine Kollegin bestätigt, dass Personallücken bei Ärzten und an anderen Schlüsselstellen auffällig waren und deshalb manches unrund gelaufen sei. „Ich habe mir schon hin und wieder gedacht, dass es Impulse braucht“. Aber eine Schließung?

„Aus heiterem Himmel“

Andere trifft sie aus heiterem Himmel. „Nie, nie hätte ich mit Derartigem gerechnet“, erlaubt eine Angestellte aus einem ganz anderen Bereich einen Einblick in ihr Inneres. Sie habe zwar im Grunde keine Angst, in einem Jahr auf der Straße zu stehen, dafür sei der Arbeitsmarkt hier zu aussichtsreich. Aber „Menschen, Umfeld und Philosophie waren schon was Besonderes“, sagt sie mit großem Bedauern.

Sowohl bei der außerordentlichen Betriebsversammlung am Donnerstag als auch in der schriftlichen Stellungnahme der Geschäftsführung wird betont, dass allen Mitarbeitern eine Weiterbeschäftigung an einem der sieben weiteren Standorte angeboten wird. Für viele nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und ohnehin das Mindeste für einen Arbeitgeber, der mit seiner sozialen Einstellung und als mehrfacher Preisträger – zuletzt 2023 – des Titels Great place to work („großartiger Platz zum Arbeiten“) wirbt.

„Wenn du aber mit kleinen Kindern hierhergezogen bist, hilft dir eine neue Stelle in Uffenheim oder Bad Wörishofen nichts“, sagen die, die nicht nur an sich denken. Wer nicht umsiedeln wolle, dem werde gekündigt, soll die Ansage gelautet haben.

Am Donnerstag hatte Michael Lang, Geschäftsführer der Heiligenfeld GmbH, die Mitarbeiter über die geplante Schließung im Frühjahr 2025 informiert. Hauptgrund: Die seit Jahren instabile Personalsituation. Hinzu käme die anhaltende Krisensituation im Krankenhauswesen. Lang betonte, dass der Schritt eine vorausschauende und entschlossene Reaktion sei, um einer drohenden Zwangsschließung der Klinik entgegenzutreten. Damit, so Lang, unterstreiche man das Engagement und die Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern und Patienten.

Langfristig und übergeordnet, ist Lang überzeugt, sei die Standortschließung gerade in deren Sinne. Tausende Patienten und Familien wurden in den vergangenen Jahren in Waldmünchen therapiert, ihre Versorgung und die neuer Bedürftiger werde künftig in Bad Wörishofen sicher gestellt. Deren Versorgung sei durch die rechtzeitige und strategische Maßnahme sichergestellt, betont er. Gleichwohl versichernd, dass „alle laufenden Behandlungen ordnungsgemäß abgeschlossen und Patienten bei Bedarf an den neuen Standort überwiesen werden“.

Den Mitarbeitern würden in der Übergangszeit zudem Unterstützungsangebote gemacht, erläuterte Lang, der von reiflichen Überlegungen vor der Entscheidung sprach. Er sei sich bewusst, dass der Schritt für Mitarbeiter und Stadt „bedeutende Veränderungen mit sich“ bringe.

„Wir bedauern den Schritt sehr und haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt auch Stephan Greb, Geschäftsführer der Heiligenfeld Klinik Waldmünchen. Das Haus habe alle Möglichkeiten ausgeschöpft, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen. Letztlich aber ohne langfristigen Erfolg.

„Sehr still, wenngleich gefasst“, beschreibt ein Teilnehmer die Stimmung. „Den meisten wurde wohl schlagartig klar, dass ein Kapitel zu Ende geht.“

2006 hatte die Unternehmensgruppe Heiligenfeld mit Sitz in Bad Kissingen, der es nach eigenen Aussagen wirtschaftlich gut geht, das frühere Kreiskrankenhaus übernommen und es zu einer Fachklinik für Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen weiterentwickelt. Das Konzept war und ist deutschlandweit angesehen und genießt mit seiner spezifischen Ausrichtung auf Familien höchstes Ansehen.

Gerade das sorgt in den sozialen Medien für Kopfschütteln und Entrüsten. „Obwohl die Klinik immer voll ist? Versteh ich nicht.“, schreibt eine Nutzerin. Ergänzt um die Aussage eines Mannes, dass die psychischen Erkrankungen ja nicht weniger werden.

Was wird aus dem Haus ?

Neben viel Mitgefühl den Mitarbeitern gegenüber gibt es auch Wortmeldungen zum Großen-Ganzen. Etwa: „Ein Stück Waldmünchner Geschichte geht zu Ende.“ oder „Der nächste Leerstand...“ Zu möglichen Optionen – Verkauf, Vermietung oder Nachnutzung – äußerte sich die Klinikgruppe mit Schwerpunkt Psychosomatik und einem Rehabilitationszentrum nicht.

Bezüglich der sieht Landrat Franz Löffler das Unternehmen als Eigentümerin des Gebäudes in der Pflicht, gleichwohl an dessen Verantwortungsbewusstsein für die Region appellierend. Er werde dem Wunsch der Verantwortlichen, dabei zu unterstützen, selbstverständlich vollumfänglich nachkommen. Wichtig sei es nun, eine gute Nachfolgenutzung, möglichst im Gesundheits- oder Pflegebereich, aufzuzeigen und zu entwickeln. Das werde nicht leicht und herausfordernde Aufgabe der kommenden Wochen und Monate. Denn: „„Eine Idee ohne tragfähige Nutzung ist keine“, verdeutlicht er.

Löffler ist überzeugt, dass die Schließung nichts mit der Qualität zu tun habe. Im Gegenteil: Die Patienten seien über all die Jahre bestens behandelt worden. Allerdings sei auch ihm der anhaltende Engpass bei Ärzten und Therapeuten seit Jahren bekannt. Dennoch sei die Verlagerung ein Schock für Waldmünchen. Dass dies sowohl bei der Belegschaft als auch in Waldmünchen selber gewaltige Emotionen weckt, sei nachvollziehbar. Auch er sei betroffen, gab er gerne zu.

Zwischen Frust und Enttäuschung schwankt das Gefühlsleben von Bürgermeister Markus Ackermann. Weder beim traditionellen Weihnachtsbesuch noch sonst hätte es entsprechende Anzeichen gegeben, berichtet er, nicht zuletzt mit Hinweis auf die über Jahre stabile optimale Auslastung. Entsprechend hart und unerwartet sei die Nachricht nun hereingeplatzt. Offiziell wurde er erst am Donnerstag von Klinikmanagerin Tanja Meier in Kenntnis gesetzt, vorher habe es über Landrat Franz Löffler lediglich leichte Vorwarnungen gegeben.

Er selbst habe sofort einen Brief an die Unternehmensleitung formuliert, in dem er zum einen seiner Unzufriedenheit Ausdruck verlieh, zum anderen aber zu einer konstruktiven Suche nach Lösungsmöglichkeiten im Sinne einer anderen Verwendung aufrief, sollte die Entscheidung unumkehrbar sein. „Um des Standorts willen.“

Ackermann verwies auf den guten Arbeitgeber, den die Stadt nun zu verlieren drohe. Und mit ihm Arbeitsplätze, Menschen und Kaufkraft. „Eine Katastrophe“, fasst der Rathauschef zusammen.

Von einem „brutalen Schlag“ spricht sein Vize Martin Frank, der den eigentlich schon im Urlaub weilenden Markus Ackermann vertritt. Zumal einer, der absolut überraschend kommt. „In keinster Weise hätten wir damit gerechnet. Frank bedauert, dass die Stadt nicht im Vorfeld informiert wurde. „Dann hätten wir zusammenhelfen können, um Lösungen zu finden.“ Der zweite Bürgermeister hat dabei vorwiegend die Netzwerke im Sinn, die man hätte anzapfen können. Schließlich sei die Entscheidung sicher nicht binnen zwei, drei Wochen gefallen.