Rente als Fremdwort: Warum zwei Senioren aus dem Kreis Neumarkt immer weiter arbeiten

Arbeiten, wenn andere längst in Rente sind? Während viele Menschen die Zeit herbeisehnen, in der sie endlich nicht mehr täglich ins Büro müssen, gibt es in der Region Neumarkt auch Menschen, die das komplett anders sehen. Aber warum?
Einer von ihnen ist Johann Krauß aus Sindlbach bei Berg. Er ist 80 – und steht immer noch Tag für Tag in seinem Friseursalon.
Krauß gibt sich pragmatisch
Warum er das macht? „Na, da hat man noch eine Daseinsberechtigung“, sagt Krauß ganz pragmatisch. „Vor allem, wenn man die Gesundheit dazu hat.“ Und die hat er trotz seiner 80 Jahre – obwohl er nur acht Tage nach seinem Geburtstag ins Krankenhaus eingeliefert wurde. „Aber Gott sei dank geht es jetzt wieder.“ Sein Lebensmotto: „Man muss immer positiv denken und das Schöne im Leben nicht vergessen.“ Oder andersherum gesagt: „Jede schöne Stunde im Leben, die man versäumt, die kann man nie mehr nachholen.“
Den Friseursalon in Sindlbach hat er von seinem Vater übernommen, der ebenfalls Herrenfriseur war – allerdings in einer Zeit, in der man noch zum Bader ging. Gemeinsam mit seiner Frau Marga baute er um, vergrößerte den Laden. Seine Frau, auch schon 71, versorgt seitdem die Damen, er die Herren. Zu ihnen kommen treue Stammkunden, allesamt ältere Herrschaften, „Kunden, die mit uns alt geworden sind“, sagt Krauß. „Und das ist schön.“
Mit den Kunden alt geworden
Die wollen dann auch keine spektakulären Frisuren oder das, was bei den Promis gerade im Trend ist. 90 Prozent der Kundschaft trägt die Haare seit vielen Jahrzehnten gleich oder zumindest ähnlich. Dauerwellen und Färben, das gehört bei den Damen dazu, bei den Herren ist es der klassische Schnitt.
So viele Kunden wie zu früheren Zeiten, als das Ehepaar auch Azubis ausbildete, kommen heute nicht mehr in den Salon. Das ist aber ganz gut so. „Wir schaffen ja auch nicht mehr das, was wir früher geschafft haben“, sagt Krauß.
Ob er irgendwann bewusst aufhören möchte? Eher nein. „So lange es die Gesundheit erlaubt“, wollen seine Frau und er den Laden weiter betreiben. Und dabei die Kunden immer mit einer Lebensweisheit begleiten. Etwa: „Genieße das Leben beständig, denn du bist länger tot als lebendig.“
Eigentlich ständig unterwegs
Auch Bernd Glas hat mit 72 Jahren das Rentenalter eigentlich längst erreicht. Wie viel der Busunternehmer zu tun hat, merkt, wer versucht, ihn zu erreichen – er ist eigentlich ständig unterwegs. Theoretisch hat er das Unternehmen Arzt-Reisen zwar schon im Jahr 2010 in die Hände seiner Tochter und des Schwiegersohns weitergegeben, praktisch ist er aber ständig im Betrieb. „Das ist ja unser Lebenswerk“, begründet er – seine Frau und er haben das Unternehmen 1977 von Schwiegervater Ludwig übernommen und ausgebaut, die Arzt-Busse fahren für Lufthansa, die Bahn und im ÖPNV.
Er selbst fährt zwar nicht mehr Bus, bei 100 Bussen gebe es aber immer etwas zu tun, sagt Glas. Kannst du da mal hinschauen? Kannst du dort mal schnell vorbei? Solche Sätze hört der gelernte Kfz-Meister quasi täglich. Außerdem ist er oft mit dabei, wenn es um den ÖPNV geht – etwa bei Besprechungen mit dem Landkreis.
„Eminenz im Hintergrund“
Dass er vor 14 Jahren die Verantwortung für das Unternehmen abgegeben hat, bereut der 72-Jährige nicht – denn das macht alles entspannter. „Ich kann auch mal drei Tage nach Hamburg fahren oder zwei Tage mit dem Rad eine Tour machen.“ Er betrachte sich eher als „graue Eminenz im Hintergrund“, sagt Glas. „Ich hoffe, dass ich helfen kann, indem ich da bin.“
Abgesehen davon sei sein Netzwerk mittlerweile geschrumpft. Während er vor 30 Jahren noch ganz genau wusste, wen er bei Herstellern schnell erwischt, wenn er ein bestimmtes Ersatzteil braucht, funktioniert das so heute nicht mehr – viele seiner früheren Ansprechpartner seien in Rente, im Altersheim oder gestorben. Auch darum sei es gut, dass „die Jungen“ den Betrieb übernommen und ihr eigenes Netzwerk aufgebaut hätten.
Auch viele andere Tätigkeiten
Neben seinen vielen Jobs in der Firma geht der 72-Jährige auch zahlreichen anderen Tätigkeiten nach, die im weitesten Sinne alle mit Verkehr zu tun haben: Er moderiert das Oldtimertreffen in Mühlhausen, ist in den Motorsportclubs Neumarkt und Nürnberg aktiv und in Seligenporten seit vielen Jahren Schulweghelfer. Abgesehen davon trifft man ihn immer wieder an der FH in Nürnberg, wo er sich weiterbildet – etwa zum Thema Wasserstoff oder Elektro als Antrieb. „Ich will wissen, wie das alles weitergeht.“
Ob er daran denkt, irgendwann mal aufzuhören? Darüber braucht Bernd Glas nicht lange nachzudenken: Schluss ist erst dann, wenn er nicht mehr lebt.