Eine bessere Mobilität in Regensburg – aber wie? Fazit der Stadtbahn-Befürworter und Gegner

Vor dem Regensburger Stadtbahn-Votum am 9. Juni haben Befürworter und Gegner einer Stadtbahn in der MZ diskutiert – So lautet ihr Fazit.
Stadtbahn-Befürworter Bernd Rohloff
Alle wissen, stellt der Architekt und Stadtplaner fest, dass es eine Wende in der Mobilität braucht – weg vom motorisierten Individualverkehr hin zu einem höherwertigen ÖPNV. Ziel müsse sein, dass ein hochattraktives Verkehrssystem entstehe, dass den Umstieg vom Auto in ein komfortables ÖPNV-System – für ihn eine Stadtbahn in Verbindung mit einem leistungsfähigen Bussystem – fördert. Denn: „Es gibt kaum etwas Ineffektiveres als ein Individualfahrzeug, in dem sehr häufig nur eine Person transportiert wird und das trotzdem mindestens zehn Quadratmeter in Anspruch nimmt.“ Rohloff plädiert dafür, die Spuranzahl für motorisierten Individualverkehr zu reduzieren und dem Gleiskörper auf separater Trasse (auch als Grüngleis) zur Verfügung zu stellen. Sicherlich werde es Verbindungen geben, die mit der Stadtbahn einen Umstieg erforderlich machen, wo bisher ohne Umstieg gefahren werden konnte, räumt Rohloff ein. „Auf das Gesamtsystem betrachtet wird aber durch den Umbau des Bussystems in Verbindung mit der Stadtbahn eine wesentlich flexiblere, attraktivere und schnellere Verbindung in die Fläche entstehen.“Das Gutachten, welches Alternativen untersucht und die Stadtbahn als das geeignetste System identifiziert habe, und die bisherigen Planungen hätten gezeigt, dass die Stadtbahn als Rückgrat auf den stark frequentierten Strecken das Mittel der Wahl sei. Das System Stadtbahn sei verifiziert. „Bei den andiskutierten Alternativen fehlt diese Verifizierung!“Ein notwendiger Um- und Ausbau des Bussystems im sogenannten Ohne-Fall, das heißt ohne Stadtbahn, hätte ähnliche Investitions- und vermutlich höhere Betriebskosten zur Folge. Bei geringerem Attraktivitätsgrad. „Die Frage ist für mich lediglich: Können wir uns das leisten? Das werden die weiteren Planungsschritte ergeben.“ Die Stadtbahn sei auch ein Stadtentwicklungs- und Umbauprojekt, das Siedlungsgebiete zukunftsfähig erschließen und sich ins Umland entwickeln könne.
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Stadtbahn-Gegner Tobias Schiedermeier
Für den Bahn-Experten „erschreckend“ sei die Einstellung: „Koste es, was es wolle“. Es sei ohne Frage zwingend notwendig, dass der Nahverkehr in Stadt und Land eine Veränderung erfahre. „Es ist essenziell, dass wir für nachfolgende Generationen die Weichen zur Klimaneutralität richtig stellen.“ Dafür sei Verkehr und Mobilität ein wichtiges Instrument, aber nicht das einzige. Entscheidend für Schiedermeier: ein finanzielles Szenario hinterlassen, welches auf lange Sicht beherrschbar bleibe. Das bedeute auch, zur Verfügung stehende Mittel so zu verteilen, dass alle Belange berücksichtigt werden. „Mitnichten ist es übrigens ein Argument für die Stadtbahn, dass beide Systeme auf lange Sicht die gleichen Kosten haben. Der große Vorteil des Bussystems ist die Skalierbarkeit, das bedeutet, wir können die Ausgaben und das Angebot nach Bedarf und Verfügbarkeit steuern und bleiben dabei offen für neue Technologien und können aus allen einen guten Mix bilden.“ Weiter nicht nachvollziehbar bleibe die Frage „Wer will wann und warum von wo nach wo?“. Der allgemeine Hinweis auf die Anwendung einer anerkannten Methode stellt Schiedermeier nicht zufrieden. Bezeichnend sei die Abwesenheit von Vertretern des Landkreises. Ein Verkehrskonzept für die Region könne nur aufgehen, wenn die Planungen weit über das Stadium „Abstimmung“ und „im Gespräch“ hinausgehen. Auch das immerwährende Argument der Überlastung der Nibelungenbrücke habe die Befürworterseite nicht tiefer begründen können. „Heute bestehen drei Donauquerungen, für die zwei nicht nennenswert im Linienverkehr befahren werden. Eine Anpassung des Liniensystems wird hier umgehend für freie Kapazitäten sorgen, um andere Takte zu erweitern und gleichzeitig eine Versorgung schlechter bedienter Stadtteile mit sich bringen.“ Interessant sei, dass die für die Optimierung der Nutzen-Kosten-Untersuchung geschaffene Taktlücke im künftigen Fahrplanangebot der Stadtbahn so verkauft worden sei, als hätte man sie geschaffen, um Schulbusse aus dem Landkreis weiter in die Stadt fahren zu lassen. „Das ist schlichtweg falsch.“ Auch Schiedermeier betont, dass allen die Weiterentwicklung der Mobilität in der Stadt am Herzen liege. Sein Appell an Stadtspitze, Stadtrat und die Verwaltung lautet unabhängig vom Ergebnis am 9. Juni: „Haben Sie Mut, aber keinen Übermut. Behalten Sie immer den Fahrgast und seine gesamte Reisekette im Fokus und bitte fangen Sie an und warten Sie nicht auf die Maximallösung.“
Stadtbahn-Befürworter Wolfgang Bogie
Viele der Argumente der Stadtbahnkritiker enthielten laut dem Vorsitzenden des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) – Kreisverband Regensburg den Zusatz „vielleicht“, „eventuell“ und seien nicht mit Fakten aus anderen Städten oder der Masterstudie hinterlegt. „Sehr bedenklich fand ich, wie unsachlich mit dem Thema Geld umgegangen wurde.“ Der größte Teil der Politik und der Verwaltung habe aber gut dargestellt, dass die Stadt die Summe von 1,2 Milliarden Euro sowieso in Zukunft in die Hand nehmen müsse, um den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und dass die beste Investition dafür die höherwertige Stadtbahn sei. Nur die könne einen Mehrwert bringen und werde von mehr Fahrgästen akzeptiert. „Busse haben dagegen ein Akzeptanzproblem.“ Die Stadtbahn sei ein Türöffner für eine Verkehrswende. Bogie ist überzeugt: „Nur eine Stadtbahn kann so etwas erreichen und ist auch die richtige Lösung für eine Stadt in der Größe von Regensburg, die auf mehr als 200000 Einwohner wachsen wird. Regensburg wird an Lebensqualität verlieren, wenn dieses Neubauprojekt nicht gestartet wird.“ Der Zeitpunkt sei günstig, da es sehr hohe Förderungen gebe. Diese könnten bei einem Kosten-Nutzen-Faktor von 1,54 auch nicht in Frage gestellt werden. „Es wäre fatal, zum heutigen Zeitpunkt den weiteren Planungsprozess zu unterbrechen und schließlich wäre es auch ein deutschlandweiter Imageverlust für Regensburg, als Touristenstadt oder auch Stadt in der ich leben und arbeiten möchte.“
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Stadtbahn-Gegner Stefan Aumüller
„Die Diskussion hat mir gezeigt, dass es für Regensburg viele effiziente Stellschrauben gibt, die hin zu einer Klima- und Verkehrswende gedreht werden sollten,“ fasst der Unternehmer aus dem Stadtnorden sein Fazit zusammen. „Daher ist es für mich fatal, wenn die Stadt ihren kompletten Handlungsspielraum ausschöpft, um 18 Kilometer Straßenbahn zu finanzieren.“ Für bedenkenswert hält Aumüller insbesondere eine Aussage von Bürgermeister Ludwig Artinger, wonach eine Gebäudesanierung – mit neuen Heizungen, weg vom Gas – deutlich mehr Effekte für die Senkung des CO2-Ausstoßes habe als eine Stadtbahn.
Stadtbahn-Projektleiter Frank Steinwede
Der Nutzen-Kosten-Wert von 1,54 zeige, dass die Stadtbahn einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen habe, betont der Stadtbahn-Projektleiter bei das Stadtwerk.Mobilität. Wenn das Projekt „jetzt nicht fortgeführt wird, dann werden wir in fünf bis zehn Jahren die Planungen wieder aus der Schublade ziehen – verbunden mit deutlich höheren Kosten“, prognostiziert Steinwede. Mit einem reinen Bussystem werde man in einer wachsenden Stadt wie Regensburg die Klima- und Verkehrswende nicht schaffen. Zudem:Ein alternatives, größeres Busnetz würde in 2040 ebenfalls zusätzlichen Straßenraum mit deutlich längeren Haltestellen und einem zusätzlichen Betriebshof im Stadtnorden benötigen. Darüber hinaus werden Steinwede zufolge zusätzliches Fahrpersonal und zusätzliche 72 E-Busse die gewünschte Alternative genauso teuer machen wie das kombinierte Stadtbahn-/E-Busnetz. „Wir sollten die Planung des Stadtbahn-Projektes jetzt fortführen, um auch ein solides Finanzierungskonzept erstellen zu können und einen Weg aufzeigen, wie es möglich sein könnte.“ Steinwede bedauert, dass die Klimaschutz- und Verkehrswendeziele vor dem Hintergrund der Investitionskosten völlig in den Hintergrund geraten. „Dabei werden auch diese Themen bei Nichtbeachtung erhebliche Folgekosten verursachen, wenn sie nicht schon heute – wie im Stadtbahnprojekt – mitgedacht werden.“
