Mehr Schutz vor Abtreibungsgegnern? Pro-Familia-Leiterin schildert Situation in Regensburg

Brauchen Frauen mehr Schutz vor Abtreibungsgegnern? Claudia Alkofer, Leiterin von Pro Familia in Regensburg, spricht über die Situation vor Ort und erklärt, wie eine Gesetzesänderung nicht nur Betroffenen, sondern auch Medizinern helfen könnte.
Der Weg schwangerer Frauen, die über einen Abbruch nachdenken, führt nicht selten in den Norden der Stadt. Hier, in einem Gewerbegebäude mit mehreren Mietern, sitzt die Regensburger Beratungsstelle von Pro Familia. „Dass wir Konfliktberatung für Schwangere durchführen, kann jeder googeln. Wir haben auch ein Schild am Eingang“, sagt die fachliche Leiterin Claudia Alkofer.
Dezentrale Lage schützt vor Gehsteigbelästigung
Dennoch sei wohl auch die dezentrale Lage der Beratungsstelle ein Grund dafür, warum es dort noch nicht zu Formen von „Gehsteigbelästigung“ gekommen sei. Unter diesem Begriff versteht man, dass Abtreibungsgegner am Eingang von Beratungsstellen, Praxen oder Kliniken gegen Schwangerschaftsabbrüche protestieren.
Werden Proteste bald verboten?
Nicht selten werden dabei Mitarbeiter und Beratungssuchende gezielt angesprochen. Auch Fälle, in denen radikale Gegner Plakate mit Schock-Bildern von Föten in die Höhe halten oder Embryos aus Plastik verteilen, sind bekannt. „Wir wären ein ungünstiger Ort für Gehsteigbelästigungen“, sagt Alkofer, „hier würde so etwas vermutlich wenig Aufmerksamkeit erzielen.“
Neues Gesetz soll Gehsteigbelästigung verbieten
Obwohl die Regensburger Einrichtung bislang verschont geblieben ist, kritisiert sie diese Art von Protesten. „Zum Teil werden Bilder gezeigt, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Etwa Fotos von Föten, die bereits viel weiter entwickelt sind.“ Alkofer ist deshalb froh, dass dem bald gesetzlich ein Riegel vorgeschoben werden soll. Die Bundesregierung will mit einem neuen Gesetz gegen Gehsteigbelästigung vorgehen.
Bis zu 5000 Euro Strafe bei Gehsteigbelästigung
Der kürzlich im Bundestag vorgestellte Entwurf besagt, dass Frauen in einem Bereich von 100 Metern um den Eingangsbereich von Beratungsstellen und Einrichtungen, in denen Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden, geschützt werden sollen. Verstöße können als Ordnungswidrigkeit geahndet und mit einem Bußgeld von bis zu 5000 Euro belegt werden. „Wir begrüßen diesen Schritt“, sagt die Pro-Familia-Leiterin.
Gebete bei Regensburger Ärztehaus
Denn im Gegensatz zu den Beratungsstellen – auch die Schwangerenberatung am Landratsamt Regensburg gab auf MZ-Nachfrage an, dass dort keine Fälle von Gehsteigbelästigung bekannt seien – bekommt ein Regensburger Ärztehaus offenbar mehr Aufmerksamkeit. „Am meisten betroffen sind generell die Praxen“, sagt Alkofer. In Regensburg habe sie von Vorfällen in der Nähe des Castra Regina Centers gehört, wo sich neben einer Praxis unter anderem ein ambulantes OP-Zentrum befindet, in dem neben einer Vielzahl anderer Eingriffe auch Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden.
Versammlungen waren „stille Prozessionen“
Aus diesem Grund hatten sich vor dem Gebäude am Hauptbahnhof schon mehrmals Abtreibungsgegner versammelt. Im Rahmen sogenannter Vigilien – im liturgischen Sinne nächtliche Gebetswachen – fanden Gebetsprozessionen statt, die von der Altstadt bis zu dem Gebäude am Hauptbahnhof führten. Wie die MZ berichtete, wurde zuletzt Ende April gegenüber dem Gebäude gebetet. Verantwortlich für die Vigilien ist nicht das Bistum Regensburg, erklärt man dort auf Nachfrage. Organisiert hat die Veranstaltungen ein in München angesiedelter Verein, der sich laut Homepage mit „Gebetsvigilien“ und „Gehsteigberatung“ für die Rechte ungeborener Kinder einsetzt. Laut Bistum habe es sich in Regensburg bei diesen Versammlungen um „stille Prozessionen, bei denen lediglich gebetet wurde“, gehandelt.
Druck von den Beteiligten nehmen
Weder der Münchner Verein noch die beiden Regensburger Mediziner, die als Einzige in der Oberpfalz Schwangerschaftsabbrüche durchführen, äußerten sich gegenüber unserer Zeitung. Generell würden die Ärzte nicht groß auf sich aufmerksam machen wollen, erklärt Alkofer. Ein Schwangerschaftsabbruch sei rechtlich gesehen immer noch verboten und bleibe nur unter bestimmten Auflagen, etwa einem verpflichtenden Beratungsgespräch, straffrei.
Die Nachfrage sei zudem groß, führt Alkofer noch an. „Für Frauen aus Schwandorf, Kelheim oder dem Bayerischen Wald ist Regensburg die nächste Adresse.“ Eine Lösung dafür sei die Neuregelung des Gesetzes zu Gehsteigbelästigung nicht. Dennoch würde sie helfen, Druck von allen Beteiligten zu nehmen. „Finden Proteste vor Kliniken und Praxen statt, führt das dazu, dass sich noch mehr Ärzte distanzieren“, erklärt die Sozialpädagogin. Das Verbot könne dazu beitragen, das Thema „aus der Schmuddelecke“ zu holen. „Viele Gynäkologen möchten, dass jemand Abbrüche durchführt“, sagt Alkofer, „selber machen wollen sie es allerdings nicht.“