„Wir stehen nur da und beten“: Betende zogen durch Regensburg, um Abtreibungen zu verhindern

Von Heike Haala · 29. April 2024 um 19:00

Etwa 25 Teilnehmer zogen am Montag betend und ausgestattet mit Kreuz oder Heiligenbildern von der Maria-Schnee-Kapelle in Richtung Maximilianstraße. Mittags beteten sie etwa 20 Minuten gegenüber des Castra Regina Centers. Der Grund dafür polarisiert.

Zu lesen war er auf einem Flyer, der am Morgen an der Türklinke der Kapelle baumelte, während Rosenkranzzeilen nach draußen drangen: Gebetet werde für die ungeborenen Kinder, deren Eltern und alle an Abtreibungen Beteiligten. Veranstalter war laut dieses Flyers der Verein Helfer für Gottes kostbare Kinder, als dessen Gründer und Vorsitzender sich Wolfgang Hering bezeichnete, der an der bei der Stadt angemeldeten Versammlung teilnahm.

Eine Prozession pro Monat

„Wir beten einmal im Monat dafür, dass die ungeborenen Kinder überleben und – falls es zu einer Abtreibung kommt –, dass sie im Sterben in Liebe begleitet werden“, sagt Hering. Er spricht weiter davon, dass es bei dem Verein so genannte Berater gebe. Deren Aufgabe sei es laut Hering, Frauen vor Kliniken, in denen Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden, anzusprechen – etwa in München. „Wir wollen das Herz der Mutter für ein Ja zum Kind erreichen“, erklärt er und betont, dass er Berater aus dem Verkehr ziehen werde, sollten diese Gespräche nicht in einer Atmosphäre der Wärme und Liebe geführt werden. In Regensburg spreche der Verein keine Frauen an. „Hier hat sich noch keiner gemeldet, der sich zum Berater ausbilden lassen will“, sagt Hering.

Auf die Möglichkeit angesprochen, dass sich Schwangere davon unter Druck gesetzt fühlen könnten, sollten sie vor einem Abbruch oder der Entscheidung darüber stehen, antwortet Hering: „Wir setzen die Frauen nicht unter Druck. Wir stehen nur da und beten. Was ist das?“ Vielleicht sei es ja das schlechte Gewissen, das sich bei den Betroffenen zu Wort meldet, fragt er. „Und ja: Wenn dieser emotionale Prozess da ist, kann es sein, dass sie sich belästigt fühlen“, schließt der Vereinsvorsitzende seine Argumentation.

Eine, die deutliche Worte für Prozessionen wie diese findet, ist Carolin Wagner, die für die SPD im Bundestag sitzt und zugleich im ehrenamtlichen Vorstand von Pro Familia in Regensburg. Der Verein stellt unter anderem die für Schwangerschaftsabbrüche notwendigen Beratungsscheine aus. „Das ist eine moralische Überhöhung gegenüber von Frauen in einer schweren Situation“, bezieht Wagner Position zu dem Umzug.

Wagner: „Das ist unmöglich“

Auch wenn es gestern lediglich Gebete gewesen seien, was Wagner als relativ gediegen und zurückhaltend bezeichnet, müsse diese Art von Prozession für sie in einen größeren Zusammenhang eingebettet werden. „Immer wieder und öffentlich darzustellen, dass eine Entscheidung für eine Abtreibung Kinder töten soll, dass es etwas Verwerfliches sein soll, und zu verankern, dass es sich dabei um Fehlverhalten handeln soll, ist unmöglich“, sagt die Vorsitzende von Pro Familia. Wagner ist es wichtig, dass betroffene Frauen diese Entscheidung selbst treffen. „Und jede Entscheidung, die eine Frau in dieser Situation trifft, ist für diese Frau die richtige Entscheidung“, betont die Abgeordnete. Sie könne sich durchaus vorstellen, dass die Begegnung mit einer solchen Prozession gerade für Frauen sehr belastend sein kann, die damit hadern, ob sie abtreiben sollen oder nicht – etwa weil das Umfeld ohnehin schon Einfluss auf sie ausübt oder weil sie gläubig sind.

Sie setze darauf, dass Kinder im Sexualkundeunterricht für das Thema sensibilisiert werden und dabei auch Schwangerschaftsabbrüche angesprochen werden. Zudem könne der gesellschaftliche Diskurs etwas zu der Sache beitragen. Die Abgeordnete spricht auch ein geplantes Gesetz an, mit dem die Bundesregierung gegen Gehsteigbelästigung vorgehen will, worin sie eine Lösung sieht. Darin ist etwa von Schutzbereichen um Einrichtungen die Rede, in denen Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden, und auch von einem Bußgeld für Verstöße von bis zu 5000 Euro. Laut Wagner ist die dritte Lesung für Juni vorgesehen. Auf das geplante Gesetz angesprochen sagt Hering nur, dass sein Verein noch von keiner Frau angezeigt worden sei, weil diese sich belästigt gefühlt habe.

Dieser Flyer mit der Einladung zum Rosenkranz für die ungeborenen Kinder, deren Eltern und alle an Abtreibungen Beteiligten flatterte am Montag an der Maria-Schnee-Kapelle in der Ostnerwacht. Hier startete die Prozession durch die Stadt. Fotos: Haala/Wagner