Aufklären anstatt Anklagen: Auf dem Hühnerhof in Ulrichsgrün herrscht Frust

Ein Cent. Markus Bauer schüttelt immer noch fassungslos den Kopf. Nach dieser Preiserhöhung haben ihm Kunden tatsächlich ins Gesicht gesagt, dass sie seine Eier nun nicht mehr kaufen werden... Nur eine Erfahrung zum Thema Verbraucherverhalten als eines der Kümmernisse, die ihn und seine Frau Gaby umtreiben. Dennoch können sie sich nichts anderes mehr vorstellen als ein Leben mit ihren Hühnern.
Die Ulrichsgrüner möchten aufklären und sensibilisieren, „nicht jammern oder anklagen“, betont Gaby Bauer. Allerdings beobachtet sie mehr und mehr, dass sich viele Verbraucher keine Gedanken machen oder Dinge nicht zu Ende denken würden. Idylle pur am Bauernhof und der Anspruch „billig, billig“ gehe nicht zusammen. „Wenn es der Verbraucher anders will, muss er den Geldbeutel aufmachen.“
Den Bauers liegt viel an ihren Hühnern. Aktuell ist ein Stall leer – nach Ostern sind Eier weniger gefragt –, der Familienvater richtet ihn für die neue Gruppe her. In und um ihn herum haben die Tiere weit mehr Platz als vorgeschrieben: vier Hennen pro Quadratmeter, selbst bei bio wären sechs erlaubt.
Bio wäre inkonsequent
„Wir könnten sofort auf Öko umstellen“, verdeutlicht Markus Bauer. Allerdings schlage dann als Erstes der Betrag für die jährliche Zertifizierung zu Buch, immerhin zwischen 500 und 600 Euro. Dann sei das Futter doppelt so teuer, genügend Flächen für den Eigenanbau haben sie nicht. „Dann müssten wir das Billigste nehmen, das von irgendwo herkommt“, erklärt seine Frau. „Das passt nicht zu unserer Philosophie und führt Bio in gewisser Weise ad absurdum.“
Da kommt erneut der Verbraucher ins Spiel: „Wenn ich mich mit einem Eierpreis von 80 Cent auf den Waldmünchner Marktplatz stelle, nehme ich fast alle wieder mit nach Hause“, bringt es der gebürtige Schönthaler auf den Punkt.
Allerdings gebe es durchaus jene, die ihre Produkte und die Bauersche Einstellung wertschätzen würden, betont das Ehepaar dankbar. In Worten und Taten – indem sie den Preis für zehn Eier aufrunden. Und indem sie manch gutes Wort finden.
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Der direkte Draht ist den Bauers wichtig. Deswegen laden sie jeden ein, sich am Hof selbst ein Bild zu machen. Etwas, das in Zeiten der Pandemie extrem beansprucht wurde, war es doch ein Grund, „raus zu kommen“. Längst habe sich alles ungefähr auf „Davor“-Niveau eingependelt, ordnen beide ein, gleichwohl die Chance bedauernd, die sich auf eine Rückbesinnung zur Regionalität eingeräumt hätte. Zu Corona-Zeiten seien sie geradezu überrannt worden.
Naturnah. Das trifft ihre Einstellung am besten. Für die Hennen, die mit etwa 18 und 20 Wochen zu ihnen kommen (und nicht aus Bayern, weil es da kein entsprechendes Angebot gibt), bedeutet sie neben viel Auslauf auch besonderes Futter. Markus Bauer hat lange nach der optimalen Zusammensetzung gesucht, schließlich geht es um Vitamine, Fette und ein Ziel: Wenn ein Huhn 1000 bis 1200 Mal am Tag picken kann, geht es abends glücklich ins Bett – respektive auf die Stange. Überflüssig zu erwähnen, dass die Bauers ihren Hennen auch da ein schönes Plätzchen eingerichtet haben. Apropos: Markus Bauer hat die Legeplätze noch mit einem Extra-„Rollo“ versehen für mehr Privatsphäre...
Viele Vorurteile
Zurück zum Gemütszustand in einem Betrieb wie dem der Bauers. Nicht gerade motivationsfördernd sind Vorurteile und Vorverurteilungen. Allzu gerne werden alle über einen Kamm geschert. Bilder von geschredderten Hennen, deren Legeleistung nicht mehr zufriedenstellend ist, Kückentöten, Bruderhähne. Heuchlerisch nennt Gaby Bauer das System mit den männlichen Küken. Die werden zwar nicht mehr umgebracht, finden aber in Deutschland kaum Absatz, weil sie schlecht Fleisch ansetzen. Falls sie mitaufgezogen werden, werden viele von ihnen (subventioniert) in Polen geschlachtet und nach Afrika verkauft. Um dort für weniger über die Ladentheke zu gehen als heimisches Fleisch.
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Auch da lohnt sich ein genauer Blick, versucht Gaby Bauer zu sensibilisieren. „Letztlich hat es der Verbraucher in der Hand.“ Dem müsse doch klar sein, dass sich mit der romantischen Vorstellung von ein paar Hühnern im Garten kein Geld verdienen lasse.
Das Ehepaar hat sich bewusst für eine Hühnerfarm entschieden, als es darum ging, den Flächen rund um ihr Anwesen eine sinnvolle Nutzung zuzuführen. Unter anderem, weil es keinen anderen Freiland-Anbieter im Stadtgebiet gab. Die meisten Ämter hätten sie belächelt, erzählt Markus Bauer. Um ein Jahr später Mobilställe anzupreisen.
Mitunter komme man auf die Idee, Betriebe wie der ihre seien nicht gewollt. So verlangt Edeka beispielsweise eine jährlich Zertifizierung , die nichts anderes besage als die Bescheinigung des Veterinäramts. Kostenpunkt: 450 Euro. Dann ist da noch der Habicht, der in Ulrichsgrün in diesem Jahr schon rund 30 Hühner auf dem Gewissen hat, eine vergleichsweise hohe Zahl. Und mit ihm die Eier, die das Federvieh noch hätte legen können. Damit sind oder wären wir wieder beim Verbraucher...
Käfig – Boden – Freiland – Bio
Auslaufmodell: In der Europäischen Union sind vier Haltungsformen zulässig: Ausgestaltete Käfige (in Deutschland ab 2025 verboten), Boden-, Freiland- und Öko-Haltung. Bauers sind in Freiland eingruppiert, erfüllen aber weit höhere Standards.
Freilandhaltung: Maximal neun Tiere leben bei Freiland- haltung auf einem Quadratmeter Stall (bei Bio sechs) – die gleiche Vorgabe wie bei Bodenhaltung. Die Freigänger müssen allerdings zudem Zugang zu mindestens vier Quadratmeter Auslauffläche im Freien, zum Großteil begrünt, haben.
Legeleistung: 280 bis 300 Eier legen die Bauer’schen Hennen im Schnitt im Jahr. Nach ihrer Zeit als Legehennen werden sie verkauft, meist an Stammkunden. Wenige enden für den Eigenbedarf geschlachtet und finden ihr Ende als Suppenhuhn. „Auch wir werden mal krank.“
Verkauf: Neben dem Hauptgeschäft am Bauernmarkt jeden Dienstag in Waldmünchen sind die Bauer-Eier bei Edeka Kohl in Rötz und Dirnberger in Schönthal zu haben. Ab Hof in Ulrichsgrün wird Freitag von 14 bis 18 und samstags von 8 bis 12 Uhr sowie nach Anwesenheit verkauft. Im Angebot sind zudem Nudeln. Marmelade, Gurken und mehr.
