Helfer der ersten Stunde: Nach fast 33 Jahren gibt Wolfgang Rießelmann die Geschäftsführung der PSAG ab

Heute ist es ein weites Feld der Hilfe und der Helfer – vor gut 30 Jahren, als Wolfgang Rießelmann mit und bei der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) startete, war da wenig. Der heute 60-Jährige hat viel geackert, vieles aufgebaut und angestoßen – und doch kein Ende gefunden. Dennoch hat er jetzt den Stab weitergegeben – nach fast 33 Jahren – und die PSAG-Geschäftsführung abgegeben.
Der Grund ist das, was ihn über Jahrzehnte ausmachte: Wenn es Lösungen für Probleme brauchte, ließ er sich etwas einfallen. Die eigene Kreativität war sein Steckenpferd – heute, sagt er, würden ihm die Ideen nicht mehr so einfach einfallen, zudem brauche es frischen Wind mit digitaler Fingerfertigkeit. Daher gebe er die PSAG nun gerne nach über 30 Jahren in jüngere Hände.
Kind des Ruhrpotts
Es hätte gar noch länger sein können, denn bereits am 1. Juni 1989 reiste der gebürtige Gelsenkirchener, ein Schalker Urgewächs sozusagen, als ausgebildeter Sozialarbeiter an, um im Landkreis einen Psychosozialen Dienst aufzubauen. Wobei der Ruhrpott nicht seine Ausbildungsstätte war. Denn Wolfgang Rießelmann hat als Sozialarbeiter sein praktisches Jahr in Westberlin, im bekannt bunten Viertel Kreuzberg, absolviert. „Damals hieß der Rat bei Hausbesuchen: Du kannst an die Tür klopfen, musst dich aber daneben stellen – nie davor!“, sagt er – weil nicht klar war, was da durch die Türe kommt. Als Pfadfinder habe er die geteilte Stadt besucht – und dorthin nach seinem Studium an der Katholischen Fachhochschule in Vechta gewollt.
Und der Weg in den Landkreis? Die Lage für Sozialpädagogen sei damals schwierig gewesen. Er habe etwas Praktisches gesucht. Daher habe er sich hier beworben, wo ein sozialpsychiatrischer Dienst aufgebaut werden sollte. Zudem lag ihm Süddeutschland bereits nahe – seine Frau, die er beim Evangelischen Kirchentag kennenlernte – kommt aus Franken. Er sei als Student der katholischen Religion – ein Pflichtstudium für angehende Sozialpädagogen an der katholischen Uni – dort gewesen. Sein Prof habe geraten, doch auch einmal die Gegenseite kennenzulernen – das ist ihm dann ganz gut gelungen.
1991 die PSAG in Cham gegründet
Er habe den Job in Cham zum 1. Juni 1989 bekommen, doch zunächst habe das BRK den Aufbau des Dienstes begonnen, was aber nur kurz währte. Am 17. Juli 1991 habe er mit Dr. Heil, dem Gesundheitsamtschef, die PSAG gegründet. „Los ging es mit Arbeitskreisen, etwa für psychisch erkrankte Kinder, für Erwachsene, für Sucht, für Behinderte oder auch rund um Betreuung“, erinnert sich Rießelmann. Es sei auch immer darum gegangen, Klischees und Vorurteile rund um psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen abzubauen.
Außensprechtage mit Psychiatern aus Regensburg
Damals habe es noch Außensprechtage des Gesundheitsamtes gegeben, mit Psychiatern aus Regensburg, weil es vor Ort nichts gab. Die Patienten seien zuvor stationär in Regensburg gewesen, dann wieder heimgeschickt worden. „Da bin ich mit dem Doktor zu Patienten gefahren, um zu schauen, ob alles passt, die Tabletten noch stimmen.“ Vor Ort habe es da noch Gemeindeschwestern gegeben, was durchaus Sinn machte.
Nötig war die Arbeit, da nicht mehr alles von Regensburg aus geleistet werden konnte. Ländliche Regionen sollten durch einen sozial-psychiatrischen Dienst gestärkt werden. Der habe hier als PSAG vieles mit der Politik angeschoben. „Schaut man allein, was in den vergangenen 15 Jahren geschaffen wurde, wie die psychiatrische Tagesklinik für Kinder oder auch stationäre Betten für Erwachsene, war das ein Erfolg“, so Rießelmann. Sein Lebensmotto komme aus Tibet und laute: Wer begriffen hat und nicht handelt, hat nicht begriffen. Und von seinem Vater stamme die Losung: Ist nicht, gibt’s nicht – auch das habe ihn angetrieben.
Projekte wie die Telefonseelsorge oder der gerontopsychia-trische Dienst seien auch Beispiele dafür. Von Beginn an seien alle sozial Engagierten und Involvierten dabei gewesen, wie die Caritas, das BRK, die Diakonie, die Polizei und das Gericht, die Behindertenwerkstätten und andere. Das Netzwerk sei immer größer geworden, neue Anlaufstellen für Sozialberatung wie etwa die Offene Behindertenarbeit (OBA) seien gegründet worden.
Themen der Zukunft
Die PSAG bringe Projekte von Unternehmen im Sozialbereich, wie etwa zuletzt Wohngruppen auf einem Bauernhof, mit ihrer Expertise in den Sozialhilfeausschuss, um deren Verwirklichung vorwärtszubringen, beschreibt Rießelmann eine Aufgabe. Dazu habe die PSAG viele Aktionstage, Ausstellungen, Theater und Vorträge angeboten, um die eigenen Themen stärker in die Öffentlichkeit zu bringen.
Fachkräftemangel in der Pflege wird immer drückender
Das drängende Thema, das immer drückender werde, sei der Fachkräftemangel in der Pflege, meint Rießelmann. Auch bei der Barrierefreiheit sei vieles noch zu tun, denke man etwa an den Chamer Bahnhof. Dazu fehle ein stationäres psychiatrisches Angebot für Kinder und Jugendliche vor Ort. Auch das dränge, denn in der komplexer werdenden Welt mit Krieg und Krisen gebe es viele traumatisierte Heranwachsende. Die Digitalisierung, das Internet, die ständige Erreichbarkeit ohne Entschleunigungsmöglichkeit und zunehmender Leistungsdruck nage an der Psyche der Menschen. „Ich würde mir heute ein Schulfach Lebenskompetenz wünschen, um Kinder vorzubereiten“, sagt Rießelmann.
