Eskalation bei Löwen-Gastspiel in Regensburg: Jahn-Fanhilfe kritisiert Polizei

Die Szene wirkte befremdlich: Eine junge Frau im Jahn-Shirt wird von einer Polizistin in voller Montur in ein Café begleitet, um dort auf die Toilette zu gehen. Passiert ist das Ganze am Bismarckplatz am Sonntag vor knapp zwei Wochen. Damals war der TSV 1860 München zu Gast in Regensburg. Im Nachgang erhebt nun die Fanhilfe des SSV Jahn Vorwürfe gegen die Polizei.
In einer Stellungnahme, die am 20. April auf der Webseite der Fanhilfe erschienen ist, wird unter anderem auf den Einsatz am Bismarckplatz eingegangen. Die Fanhilfe schreibt, dass die aktive Fanszene – zu der auch die Ultras zählen − an einem Wirtshaus vorbeigekommen sei. Dort sei ein Polizeieinsatz gelaufen, die Fans hätten das Lokal aber „links liegen gelassen“. Damit ist wohl eine Gaststätte am Arnulfsplatz gemeint, an der sich Fans des TSV 1860 München versammelt hatten.
Am Bismarckplatz habe man sich aber schnell in einem Polizeikessel wiedergefunden, schreibt die Fanhilfe. Rund 150 Personen seien kontrolliert worden. Dabei kam – so die Beobachtung der Fanhilfe – wenig heraus: Die Beamten hätten lediglich einen Vermummungsgegenstand und mehrere Aufkleber gefunden.
Polizei verteidigt Vorgehen
Die Polizei bestätigt den Einsatz auf MZ-Anfrage. Laut Gerhard Roider, Leiter der zuständigen Polizeiinspektion Regensburg Süd, hatten die Beamten Erkenntnisse, wonach die beiden Fangruppen voneinander wussten und bewusst die Konfrontation suchten. Löwen-Fans seien mehrfach durch Polizisten daran gehindert worden, in Richtung der Jahn-Anhänger vorzudringen. Auch diese hätten versucht, die Beamten zu umgehen. Es sei damit zu rechnen gewesen, dass die Situation eskaliert, beide Fan-Gruppen aufeinander losgehen und auch Unbeteiligte bei gewalttätigen Auseinandersetzungen verletzt werden, so Roider. Daher habe man die Gästefans an die Gaststätte am Arnulfsplatz „gebunden“ und die Heim-Anhänger in der Gesandtenstraße kontrolliert.
Dazu habe die Polizei zwei Ketten gebildet, zwischen denen sich die Fans frei bewegen konnten. Insgesamt seien 145 Personen kontrolliert worden, so Roider. Aufgrund der großen Gruppe habe das etwas mehr als zwei Stunden gedauert. Dabei seien Vermummungsgegenstände, Tabletten und Zahnschützer gefunden worden. Diese seien in der Menge allerdings unerkannt weggeworfen worden, wodurch die Polizei nicht feststellen konnte, zu wem sie gehören. Ein Fan wurde allerdings angezeigt, weil er einen Vermummungsgegenstand bei sich hatte.
Der PI-Leiter betont, dass die Fans jederzeit die Möglichkeit gehabt hätten, die Örtlichkeit zu verlassen. „Dies wurde aber abgelehnt, da man sich geschlossen zum Stadion begeben wollte.“ Im Anschluss habe ein gesonderter Shuttlebus die Fans zum Stadion gebracht, wo sie vor dem Anpfiff ankamen.
„Unbekannte Stufe der Repression“
Die Fanhilfe schreibt, dass dieser erste Vorfall sich „in Anbetracht der Fantrennung vielleicht sogar noch nachvollziehen“ lasse. Eine Maßnahme unmittelbar nach dem Spiel stelle allerdings eine „bisher unbekannte Stufe der Repression seitens der Behörden gegen Fußballfans“ dar. Auf dem Weg zum Bus am Jahnstadion sei einem Löwen-Fan „angeblich ein Schal entwendet worden“. Die Folge laut Fanhilfe: ein zweiter Polizeikessel. Nach einer halben Stunde sei ein Fan von Beamten abgeführt worden. Die Polizei habe die Maßnahme dann allerdings nicht beendet. Die Fans seien aufgefordert worden, Shuttlebusse in Richtung Innenstadt zu nutzen, da „sonst gegebenenfalls unmittelbarer Zwang angewendet werde“.
PI-Chef Gerhard Roider sagt, dass nach dem Schal-Diebstahl für die Beamten der Anfangsverdacht auf ein Raubdelikt bestanden habe. Der Verdächtige habe sich trotz mehrfacher Aufforderung nicht aus der Gruppe gelöst, weshalb er nach rund zehn Minuten von Einsatzkräften festgenommen wurde. Er sei aufgrund mehrerer Augenzeugenberichte eindeutig identifiziert worden.
Die Polizei brachte ihn zunächst zur Gefangenensammelstelle am Jahnstadion und später in eine Polizeiinspektion. Am Montag sei er einem Ermittlungsrichter vorgeführt worden und kam mit Auflagen auf freien Fuß. Roider betont, dass der Rest der Gruppe die Örtlichkeit nach rund 20 Minuten verlassen hätte können. Die Fans hätten allerdings den Verbleib des Festgenommenen abwarten wollen. Unmittelbarer Zwang sei nicht angedroht worden. Allerdings sei der Weg zur Gefangenensammelstelle zur Eigensicherung der Beamten blockiert worden.
Gewalt in der Nähe vom Fanprojekt
In der Folge fuhren die Jahn-Anhänger zum Fanprojekt in der Malergasse. Dort sei es in der Nähe zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen. Die Polizei habe daraufhin das Fanprojekt eingekesselt und die Tür blockiert. Jeder, der sich im Fanprojekt aufhielt, sei kontrolliert worden. Gegen beinahe alle laufe nun ein Verfahren wegen Landfriedensbruchs.
Laut PI-Chef Roider sind in der Pfarrergasse Löwen-Fans und Jahn-Anhänger aufeinanderlosgegangen. Dabei sei es auch zu Flaschenwürfen gekommen. Augenzeugenberichten zufolge seien Jahn-Fans in das Fanprojekt geflüchtet. Zu den Verfahren wegen Landfriedensbruchs könne er „zum derzeitigen Stand der Ermittlungen“ keine Aussage treffen, sagt Roider.
Die Fanhilfe bilanziert: „Wir verlangen von der Einsatzleitung eine interne Aufarbeitung der Einsatztaktik, stellen hiermit offen die Frage der Verhältnismäßigkeit und behalten uns gegebenenfalls weitere rechtliche Schritte vor.“ Gerhard Roider betont dagegen: „Polizeieinsätze werden regelmäßig nachbereitet.“ Ob das für den vorvergangenen Sonntag bereits geschehen ist, lässt Roider offen. Der Einsatz sei jedenfalls verhältnismäßig gewesen.
Was passiert am Samstag?
Während die Vorkommnisse rund um das Gastspiel der Löwen in Regensburg noch nicht ganz verdaut scheinen, kommt am Samstag Dynamo Dresden in die Domstadt – damit steht die nächste Hochrisikopartie an. Die Polizei behalte bei Spielen regelmäßig Reisewege der Fans und die Innenstadt im Blick, sagt Gerhard Roider. Dazu, ob sich am Samstag Teile der aktiven Fanszene der Dresdner in der Altstadt aufhalten werden, lägen derzeit keine Erkenntnisse vor, sagt der Chef der PI Süd. Dynamo Dresden zufolge sollen etwa 1800 Anhänger anreisen. „Es ist davon auszugehen, dass sich auch vereinzelt Fans in der Stadt bewegen.“
Im November 2021 haben Fans des sächsischen Vereins eine Regensburger Kneipe regelrecht okkupiert, wie ein Augenzeuge der MZ schildert. Ob solche Szenen am Wochenende erneut drohen, bleibt abzuwarten. Der Gästeblock ist jedenfalls prall gefüllt und beide Mannschaften kämpfen um den Aufstieg. Eines ist sicher: Es dürfte ein heißer Tanz werden.
