Regensburger Klinik an Spitze der Forschung: Stammzellen im Körperfett werden zum Heilmittel

„Das, was wir hier sehen, ist die Zukunft der Medizin“, ist Prof. Lukas Prantl, Direktor der Klinik für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg überzeugt.
Auf seinem Laptop zeigt Prof. Lukas Prantl die Bilder von gravierenden Veränderungen. Auf der einen Seite Brustkrebs-Patientinnen, bei denen nach der Amputation oft nur noch tief vernarbte Haut zu sehen ist, wo einmal das Brustgewebe saß. Frauen, deren Brüste unterschiedlich groß gewachsen sind – oder Kinder mit schweren Fehlstellungen im Gesicht. Daneben die Nachher-Fotos, die perfekte Rundungen und symmetrische Gesichter zeigen. „Wir haben 20 Jahre geforscht bis hin zur Perfektion“, sagt der Direktor der Klinik für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg. „Das, was wir hier sehen, ist die Zukunft der Medizin“, ist Prantl überzeugt.
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Derzeit ist die Klinik nach eigenen Angaben die einzige in Deutschland, die eine Gewebezubereitungserlaubnis erhalten hat, um mit einem in langer Forschung vor Ort entwickelten Verfahren aus dem Eigenfett der Patienten hochkonzentriertes Gewebe herzustellen und Körperformen zu rekonstruieren. Der sogenannte „Cell Enriched Lipotransfer“ (CELT) ist vergleichbar mit der Stammzellengewinnung aus dem Blut, allerdings werden bei diesem Verfahren die Fettdepots der Patienten angezapft. Noch vor 25 Jahren, sagt Prantl, sei man davon ausgegangen, dass das Körperfett kaum eine Funktion habe, inzwischen wisse man, dass gerade hier sehr viele sogenannte Vorläuferzellen, also ganz frische, junge Stammzellen, verfügbar sind.
Volumen schrumpft nicht
Diese Zellen und Gewebestücke werden dann mittels mechanischer Scherkräfte und Zentrifugation angereichert und im Operationssaal in einem zertifizierten Verfahren so aufbereitet, dass sie – zurück im Körper – gut anheilen und dabei fast kein Volumen verlieren. Über 90 Prozent des natürlichen Materials verbleibe an der behandelten Stelle, sagt Prantl. In den bislang üblichen Verfahren, die das abgesaugte Fett in seiner ursprünglichen Form zum Aufbau einsetzen, sind es nur rund 40 Prozent der injizierten Substanz.
Der Clou beim CELT-Verfahren liege darin, dass alte Fettzellen herausgefiltert werden. „Nur die guten Zellen werden hochkonzentriert und optimal aufbereitet wiederverwendet“, erläutert der Facharzt. Neben den Stamm- und Vorläuferzellen werden auch andere wichtige Körperbestandteile, wie die Bindegewebematrix mit Kollagen, Hyaluron und Exosomen angereichert. Durch das Verfahren, das absolute Keimfreiheit garantiere, entstehe „die perfekte Substanz“, sagt Prantl. Um eine Brust beidseitig um eine Körpchengröße aufzubauen, werden in etwa 400 Milliliter abgesaugtes Fettgewebe benötigt.
Auch die Operation selbst soll den Körper so wenig wie möglich belasten. Die Fettentnahme, Aufbereitung und der Aufbau der Brust erfolgen deshalb in einem Schritt. Etwa eine Stunde, so Prantl, dauert der komplette Eingriff. Dafür wird mittels einer sogenannten wasserstrahlassistierten Absaugung das Fettgewebe an den Flanken der Bauchregion oder den Oberschenkeln entnommen, noch während der Operation zentrifugiert und angereichert und dann an Brust oder Gesicht injiziert und geformt. Zur Qualitätskontrolle werden kleine Gewebeproben an das Forschungslabor und an das Institut für Mikrobiologie der Universitätsklinik Regensburg geschickt. In einem Milliliter Fett seien bei Menschen im mittleren Alter etwa 10000 Stammzellen zu finden, sagt Prantl. Wie viel Fettgewebe letztlich entnommen werden müsse, um ausreichend Konzentrat zu erhalten, das sei individuell und werde nach den Voruntersuchungen durch spezielle 3-D-Vermessungen festgelegt.
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Für Frauen nach einer Brustamputation zahlen die Krankenkassen das Verfahren inzwischen „in sehr vielen Fällen“, so der Facharzt. Auch die Zahl der Frauen, die sich die Implantate zugunsten des Aufbau mittels körpereigenem Fettgewebe entfernen lassen, nimmt deutlich zu. Im Caritas-Krankenhaus St. Josef wurde bei bislang über 1000 Brustpatientinnen die Brust mit dem CELT-Verfahren rekonstruiert oder modelliert. In über 250 Fällen seien die Filler im Gesicht injiziert worden. Die Kosten für die Fettabsaugung und den anschließenden Brustaufbau oder Gesichtsbehandlungen wie Lipsfilling oder Faltenunterspritzung liegen im oberen vierstelligen Bereich. Laut Prantl zeigten die Nachbeobachtungen der Patienten: „Sind die Zellen mit den Gewebepartikeln angewachsen, bleiben sie ein Leben lang dort, wo sie injiziert wurden.“ Auch Abstoßungsreaktionen gebe es durch das passgenaue körpereigene Biomaterial nicht.
Bald weitere Einsatzgebiete
Bald werde es nicht mehr vorrangig um Brustrekonstruktionen oder die Hautverjüngung gehen, sondern auch um die Behandlung von Gelenkarthrosen, Sehnen- und Nervenverletzungen oder Inkontinenz mittels Stammzellen aus dem Fettgewebe, sagt Prantl. Daran werde derzeit intensiv geforscht. Der vermehrte Einsatz künstlicher Hüft- oder Kniegelenke könnte damit in absehbarer Zukunft durch die frühzeitige Behandlung mit körpereigenen Stammzellen reduziert werden. In eigenen Versuchen konnte das Forschungsteam um Prof. Prantl zeigen, dass Stammzellen Nervenschäden regenerieren. Die Zelltherapie gewinne in der Medizin eine immer größere Bedeutung, sagt der Mediziner. Für die Patienten sei das ein enormer Fortschritt. „Der eigene Körper ist letztlich der beste Bio-Reaktor.“
