Misstrauen und Lob für geänderte Stadtbahn-Trassen im Regensburger Norden

Von Rainer Wendl · 18. April 2024 um 05:00

Kurz vor dem Bürgervotum zur Stadtbahn wurde der am heftigsten umstrittene Streckenabschnitt durch die Sandgasse gestrichen. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich.

Seit etwa einem Monat steht fest, dass die nördliche Sandgasse nicht mehr Bestandteil der Streckenplanung für die Stadtbahn ist. Wer sich allerdings den etwa einen Kilometer langen Abschnitt zwischen der Kirche St. Konrad und Wutzlhofen anschaut, merkt nichts davon. Kaum ein Zaun, ein Haus oder eine Garage kommt ohne Anti-Stadtbahn-Plakat aus, die Straße ist quasi damit tapeziert. Die neue Trassenführung hat der generellen Stadtbahn-Ablehnung der Sandgassler also offenbar nichts anhaben können.

„85 bis 90 Prozent der Leute hier sind nach wie vor dagegen. Es ist kein Einziger abgesprungen“, bestätigt Christian Pöschl, Sprecher der Initiative Gleisfrei Regensburg. Er wohnt selbst im Bereich Sandgasse und beschreibt die Stimmungslage dort wie folgt: „Es herrscht keine nennenswerte Erleichterung.“

Nach knapp zwei Jahren Kampf gegen die Stadtbahn scheint das Misstrauen gegenüber den Projektplanern grenzenlos zu sein. Diese begründeten den Verzicht auf den Abschnitt Sandgasse, der sich bereits seit letztem Sommer angedeutet hatte, mit der schwer umsetzbaren, teilweise nur eingleisig möglichen Trassenführung.

„Geschickter Schachzug“

Pöschl aber glaubt nicht an die Endgültigkeit dieser Entscheidung: „Es ist ein geschickter Schachzug, die Sandgasse als Ort der größten Proteste jetzt herauszunehmen. Das bedeutet aber nicht, dass die Pläne nicht irgendwann später wieder aus der Schublade gezogen werden.“

Seine Mitstreiterin Gerlinde Hirtreiter sieht es ganz genauso und gibt deshalb in ihrem permanenten Kampf gegen das Projekt keinen Millimeter nach. „Wir Sandgassler sollen nur vorübergehend ruhiggestellt werden. Wenn das Baugebiet in Wutzlhofen kommt, sind wir wieder als Trasse mit dabei“, lautet auch ihre Überzeugung.

Als sie bei der jüngsten Sitzung des Stadtbahn-Ausschusses auf der Zuschauertribüne saß, war sie dennoch erleichtert; nicht wegen der neuen Streckendetails im Stadtnorden, sondern wegen eines kurzen Schlagabtauschs zwischen Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und Finanzreferent Georg Stephan Barfuß zur Finanzierbarkeit der Stadtbahn. „Über die Bedenken des Finanzreferenten habe ich mich mehr gefreut“, schmunzelt Hirtreiter.

Einen anderen Blick aufs Thema hat Gewerbepark-Geschäftsführer Roland Seehofer. „Die überarbeiteten Trassenführungen sind rein sachlich gesehen sinnvoll. Sie könnten zu einer Steigerung der Akzeptanz der Stadtbahn-Planungen in der Bevölkerung führen“, sagt er zu den neuen Strecken im Stadtnorden.

Ein Endpunkt ist nun der Gewerbepark mit dem Walhalla-Bahnhof, was Seehofer ganz unabhängig von einem gewissen Eigeninteresse gutheißt: „Standorte mit hoher Beschäftigtendichte wie der Gewerbepark mit seinen 6500 Beschäftigten müssen direkt angebunden werden. Denn Pendler sind für die Auslastung einer Stadtbahn wichtig, da sie die Bahn täglich nutzen und damit häufiger als Fahrgäste, die vielleicht einmal pro Woche damit zum Einkaufen fahren.“

Große Hoffnungen setzt er auf den voraussichtlich 2027 eröffnenden Bahnhaltepunkt Walhalla-Bahnhof in unmittelbarer Nähe des Gewerbeparks. „Dieser wird nicht nur zur Entlastung des Verkehrsflusses durch den Pfaffensteiner Tunnel führen, sondern ein relevantes Mobilitätsangebot für Pendler aus dem Norden von Regensburg sein“, ist Seehofer überzeugt. Dazu passen Pläne der Stadt, ein kürzlich erworbenes Grundstück beim Bahnhof zur P&R-Fläche zu machen.

Bahnhof als Drehscheibe

Der Gewerbepark-Chef hat ein Gesamtkonzept bereits vor Augen: „Mit einer Anbindung der Stadtbahn könnte hier eine leistungsfähige Mobilitätsdrehscheibe entstehen, von der aus auch die vielen großen Arbeitgeber im Osten der Stadt schnell erreichbar wären. So könnte eine Vernetzung der Stadtbahn ins nördliche und östliche Umland erfolgen.“

Solche Mobilitätsdrehscheiben zur Förderung des ÖPNV hält Seehofer, ganz unabhängig von der Stadtbahn, für wichtig. „Sie müssten aber zeitnah umgesetzt werden und nicht erst in zehn oder 15 Jahren. Die Verkehrsprobleme im Großraum Regensburg bestehen bereits jetzt und werden sich durch die Sanierung des Pfaffensteiner Tunnels nochmals dramatisch verschärfen.“