Emotionaler Post einer Regensburger Tierschützerin: Es droht eine Katzenflut

In den Tierheimen der Region sind schon die ersten Frühjahrskitten abgegeben worden. Dieses Jahr kommen die Würfe besonders früh und zahlreich. Eine Katzenschutzverordnung fordern deshalb Tierschützer. Die Landratsämter sehen bislang keine Notwendigkeit dafür.
Der ungewöhnlich zeitige Frühlingsstart hat auch den Hormonhauthalt der Tiere durcheinander gewirbelt. In den Tierheimen der Region wurden bereits die ersten Katzenbabys abgegeben. Eine Flut an Kitten wird für die kommenden Wochen erwartet. „Wir erleben auch in der Tierhaltung eine Wegwerfgesellschaft“, bringt es Birgit Hiltl, Bereichsleiterin im Katzenhaus des Tierheim Schwandorf, auf den Punkt. Tierschützer fordern deshalb schon lange die Einführung einer flächendeckenden Katzenschutzverordnung, um mittels Kastration und Kennzeichnungspflicht die Population wilder Katzen einzudämmen. Doch die Kommunen sitzen das Thema bislang aus, sagen die Tierschützer.
Bis zu eine Million Streuner
Hochrechnungen zufolge leben in Deutschland etwa zwei Millionen streunende Katzen. Für Bayern wird eine Zahl von etwa 300.000 Tieren genannt, der Landestierschutzbund geht allerdings von einer Million wilder Katzen allein im Freistaat aus. Manche sind von Geburt an Streuner, andere sind ausgesetzt worden. Viele dieser Katzen sind menschenscheu, krank und zweimal im Jahr rollig. Werden sie nicht sterilisiert, bringen sie pro Wurf zwei bis sechs Kitten zur Welt. Und die sind nach wenigen Monaten wieder geschlechtsreif. Ein natürlicher Kreislauf, den Tierschützer seit Jahren zu durchbrechen versuchen. Karl Wartha, Vorsitzender des Tierfreundekreis Bad Kötzting (Landkreis Cham) rechnet vor: „Eine Katze hat im Jahr bis zu 12 Junge. Pflanzt sich der Nachwuchs weiter fort, wären wir in sieben Jahren bei 350.000 Katzen, wenn alle durchkommen.“ Ein Problem, dem man allein mit dem eingeschränkten Handlungsspielraum des Tierschutzes nicht beikommen könne. „Wir brauchen eine Kastrationspflicht wie in Österreich!“
Im Nachbarland ist für Katzen mit Freigang seit 2005 eine Kastrationspflicht vorgeschrieben. „Dies gilt auch für Katzen, die in bäuerlicher Haltung leben“, heißt es dort im Tierschutzgesetz. Zuchtkatzen müssen in einer Datenbank registriert werden.
In Bayern haben bislang nur wenige Kommunen eine Katzenschutzverordnung umgesetzt: Aschaffenburg, Dachau, Laufen an der Salzach, Pfaffenhofen. Denklingen, Egling an der Paar, Penzing und Utting am Ammersee. Das zuständige bayerische Umweltministerium unter Leitung von Thorsten Glauber (FW) zieht sich mit einer Handreichung aus der Verantwortung. Die Entscheidung wurde den Kreisverwaltungsbehörden übertragen. Die Argumentation des Ministeriums: „Da nur aufgrund der Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten und des Sachverstandes der Veterinärbehörden vor Ort im Einzelfall und regional begrenzt angemessene Maßnahmen angeordnet werden können.“
Kommunen: Keine Zahlen
Deshalb dokumentieren die Tierschutzorganisationen inzwischen genau die Entwicklungen. Im Landkreis Kelheim spricht Karin Lück, 3. Vorsitzende der Tierhilfe Kelheim, von einem ganz schlimmen Jahr 2023. Damals wurden 207 Katzenkinder eingesammelt. Im Jahr zuvor waren es 108. Die Zahl der von der Tierhilfe Kelheim beauftragten Kastrationen lag im vergangenen Jahr bei 237. Zu den besonders gravierenden Fällen gehörte ein landwirtschaftliches Anwesen mit rund 50 freilebenden Katzen, sagt Lück. Immer wieder höre sie Sprüche wie: „Der Fuchs wird sich schon darum kümmern.“ Ein Antrag zur Einführung einer Katzenschutzverordnung verlief beim Landratsamt Kelheim bislang ins Leere. Pressesprecher Lukas Sendtner teilte auf Nachfrage der Mediengruppe Bayern vor wenigen Tagen mit, das Veterinäramt prüfe noch, ob die gesetzlichen Voraussetzungen gegeben sind. Beim Landratsamt Neumarkt heißt es, dass „eine Prüfung und ein Beleg für eine hohe Zahl an freilebenden Katzen“ nicht vorliege. Aussagen, wie sie auch aus den anderen Landratsämtern in der Region zu hören sind, während die Tierheime vor Ort schon jetzt von einer sich anbahnenden Katzenflut sprechen.
„Wir kriegen die nicht mehr vermittelt“, sagt auch Percya Schwarzer, die sich in Stadt und Landkreis Regensburg bei der Streunerhilfe engagiert. Vor wenigen Tagen machte sich die engagierte Tierschützerin in einem emotionalen Facebook-Post Luft. „Es ist eure Stadt und somit sind die heimatlosen Katzen auch eure Katzen“, schrieb sie an die Adresse der Stadtverwaltung. „Wenn wir schon täglich/nachts über zehn Stunden wegen den Streunern unterwegs sind, um das Elend einzudämmen, dann helft uns zumindest, dass wir kastrieren können und nicht auch noch für die Kosten aufkommen müssen.“ 200 bis 300 Euro pro Katze seien bei dieser Anzahl an Tieren nicht mehr zu stemmen, sagt Schwarzer. Und überhaupt seien die Helfer inzwischen ausgebrannt, weil sich die Lage nicht bessere. Eine Katze werde eingefangen, während gleichzeitig fünf neue geboren würden, sagt sie. „Wir bitten darum, Unterstützung zu bekommen, sonst können wir nicht mehr helfen!“ Die Regensburger Tierschützer starten in diesem Zusammenhang auch einen Aufruf für Pflegeplätze. Auch Lück spricht von Engpässen, mit denen in den kommenden Wochen zu rechnen sei. Besonders schwer sei es, Flaschenkitten unterzubringen. Sie müssten alle zwei Stunden versorgt werden.
In Bad Kötzting erwartet Karl Wartha in den kommenden Tagen Nachwuchs. Fünf trächtige Katzen hat er schon aufgenommen. Viele werden wohl noch folgen. Ungefähr 300 Katzen „von Lam bis Cham“ versorgt die Auffangstation. 3500 Katzen hat der Tierfreundekreis in den vergangenen Jahren zur Kastration gebracht. Wartha will das Problem nicht nur auf die Bauernhofkatzen reduzieren. „Es gibt sehr vorbildliche Landwirte, aber es gibt eben auch uneinsichtige“, sagt er. Um das Leid der Streuner zu beenden, sieht er allein den Weg hin zur Katzenschutzverordnung. „Und dann wird es immer noch zehn Jahre dauern, bis das eine Wirkung zeigt. Aber danach erspart es viel Tierleid.“
Die Positionen der Landratsämter und des Bauernverbandes
Josef Wittmann, bbv Oberpfalz: „Es gibt zwar viele Katzen im ländlichen Raum, darunter sicher auch einige Streuner. Auf den landwirtschaftlichen Betrieben sind meist Hofkatzen mit Familienanschluss vorhanden. Die Jagd auf Mäuse ist da noch ein Thema. Bei Betrieben mit Milchviehhaltung gibt es zudem eine Schale Milch für die Katzen. Hier und da können ausufernde Katzenpopulationen ein Problem sein. Da gibt es die schöne Aussage, dass diejenigen, die das Futter für die Katzen kaufen, auch die Kosten für die Kastration übernehmen können/sollen.“
Landratsamt Neumarkt: Die Einführung einer Katzenschutzverordnung sei an Vorgaben geknüpft. Bislang gebe es keinen Beleg für eine hohe Zahl freilebender Katzen, heißt es.
Landratsamt Cham: Die Zahlen sprechen derzeit nicht für die Notwendigkeit. Die bisher aufgetretenen Vorfälle mit einer größeren Anzahl verwilderter, sich unkontrolliert vermehrenden Katzen mit tierschutzrelevanten Begleiterscheinungen seien einzelfallbezogen und auf einzelne Halter zurückzuführen. Sie seien individuell gelöst worden.
Landratsamt Regensburg: Die Hürden für den Erlass sind entsprechend hoch. Die angesprochenen Zahlen alleine reichen nicht für den Erlass einer Katzenschutzverordnung.