In Wackersdorf wurde Inklusion erfahrbar: Handicaps im umgebauten E-Kart zweitrangig

Verena Meyer liebt den Sport. Am liebsten würde sie immer wieder neue Disziplinen ausprobieren, wie die 24-Jährige an der Kartbahn in Wackersdorf strahlend erzählt. Seit einem schweren Sportunfall im November 2021 sitzt sie mit einer Querschnittlähmung im Rollstuhl, doch den Spaß am Sport hat sie keineswegs verloren.
Auf Unabhängigkeit trotz Handicap legt Verena Meyer großen Wert. „Von Anfang an war bei mir der Wille da, alles selbst machen zu wollen. Eigentlich hat sich gar nicht so viel seit dem Unfall für mich verändert“, sagt die junge Frau aus Mintraching. Selbstbestimmt zu leben, in ihrer eigenen, umgebauten Wohnung, und möglichst ohne Hilfe auszukommen, das war ihr Ziel, und es ist ihr längst gelungen.
„Der Unfall war schlimm, aber ich komme gut damit klar. Das Schlimmste ist oft, wie die Menschen reagieren.“ Nicht selten werde ihr ungefragt geholfen, etwa aus ihrem Auto in den Rollstuhl umzusteigen. Doch das kann die Frau, die als Disponentin arbeitet, selbst. „Ich möchte nicht als hilfsbedürftig gesehen werden.“
Steuern mit dem Joystick
Auch im Sport ist sie dabei geblieben, immer wieder Neues auszuprobieren. Begeistert und erfolgreich spielt Verena Meyer Rollstuhlbasketball in Regensburg, und als sie vor ein paar Tagen zufällig von einem inklusiven Elektro-Kart-Schnuppertag für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an der Kartbahn Wackersdorf las, war für sie klar, daran teilzunehmen.
Nun lässt sie sich zusammen mit ihrem Freund Tobias Dürrschmidt (25) an diesem strahlenden Frühlingstag die Funktionsweise der leisen E-Karts erklären. Diese wurden umgebaut und können allein mit den Händen, mit Hilfe eines Joysticks, gesteuert werden.
Deutsche Meisterschaft im inklusiven E-Kart-Slalom
Deutschlandweit finden in diesem Jahr mehrere Vorläufe statt, und Teilnehmer mit und ohne Behinderung können sich für das Finale in Garmisch-Partenkirchen im Oktober qualifizieren – nichts Geringeres als die Deutsche Meisterschaft im inklusiven E-Kart-Slalom (iDKSM). Bei Veranstaltungen wie am Samstag in Wackersdorf besteht die Möglichkeit, die Karts zu testen und mit Gleichgesinnten ins Gespräch zu kommen, erklärt Projektleiterin Annabel Hoffmann von „United in Dreams“.
United in Dreams steht zusammen mit dem gemeinnützigen Verein „X4in Experience for Innovation“ für Inklusion, Innovation und Nachhaltigkeit im Motorsport. Ziel ist es, Nachwuchstalente mit und ohne Behinderung im Kartsport zu fördern. Begonnen mit der Vorbereitung und der Konstruktion der Karts wurde unter Mithilfe von Sponsoren 2020, und heuer geht die Deutsche Meisterschaft, die in Zusammenarbeit mit der DMSJ (Deutsche Motorsportjugend) und dem DMSB (Deutscher Motorsportbund) veranstaltet wird, bereits in die zweite Runde.
250 Teilnehmer zwischen acht und 27 Jahren konnten 2023 verzeichnet werden, etwa die Hälfte davon mit Behinderung. Die Teilnahme ist kostenlos und auch ohne lange Trainingszeit möglich. „Die Lernkurve geht steil nach oben. Man hat das Fahren bald raus“, erklärt Annabel Hoffmann. „Es geht darum, den Parcours möglichst genau zu fahren und nicht schnell.“
Voraussetzungen und Chancen sind für alle gleich
Die Umstellung auf die Steuerung über die Hände sei dennoch anfangs nicht einfach, erzählt Sebastian Saigger (18) aus Neuötting, der Deutsche Meister aus dem vergangenen Jahr. Doch man lerne es tatsächlich schnell, und die Möglichkeiten seien groß: Sogar mit einer Hand sei bei einem Handicap das Fahren möglich. Vor allem aber seien die Voraussetzungen für alle gleich: Alle würden bei Null anfangen, betont Saigger, der keine Behinderung hat und von der Meisterschaft vom vergangenen Jahr schwärmt.
Jeder habe die gleichen Chancen auf den Titel und darauf, der Leidenschaft für den Motorsport nachzugehen. „Alle Teilnehmer stehen im Mittelpunkt. Die Behinderung wird nicht mehr wahrgenommen.“ Auch Annabel Hoffmann ist begeistert: „Einige sagten sogar, ein Lebenstraum würde für sie wahr. Es war oft herzzerreißend.“ Manche jungen Menschen mit Behinderung seien zum ersten Mal in ihrem Leben alleine gefahren.
Kinder nicht in Watte packen – Projekt fördert Teilhabe
Inklusion findet also bei diesem Projekt tatsächlich statt – man kann sie im wahrsten Sinn „erfahren“. Am Samstagvormittag war die Nachfrage noch verhalten, und die Veranstalter hofften auf mehr Resonanz im Laufe des Tages. „Das Problem sind oft die Eltern. Sie packen ihre Kinder mit Behinderung in Watte“, weiß René Schymura vom ADAC aus Nürnberg und findet das schade.
Verena Meyer indes hat keinerlei Scheu und dreht bereits die dritte Runde zwischen den Pylonen. Schnell hatte sie den Dreh raus, obwohl bei ihrem eigenen Auto das Fahren mit Joysticks ganz anders sei. Auch Karts mit Lenkrad standen am Samstag zum Ausprobieren zur Verfügung.
Das Projekt, betont Hoffmann, fördere das Kennenlernen der Kinder und Jugendlichen und verankere den Gedanken der selbstbestimmten und gleichberechtigen Teilhabe schon früh im Bewusstsein der jungen Menschen. Und es stärke Menschen mit Behinderung. Verena Meyer findet das großartig. „Ich würde mir wünschen, dass dieses Miteinander in vielen Bereichen des Lebens stattfinden würde, um Berührungsängste abzubauen.“ Weitere Infos gibt es auf www.unitedindreams.de.

