Regensburger Photovoltaik-Experte befürchtet Tod der deutschen Solarindustrie

Von Bernhard Fleischmann · 12. April 2024 um 11:00

In Deutschland werden nur noch wenige PV-Module hergestellt. Der Regensburger Unternehmer Peter Knuth, Chef des Photovoltaik-Anbieters Enerix, befürchtet, dass es damit sogar bald ganz vorbei sein könnte.

Es ist ein sperriges Wort: Resilienzbonus. Gemeint ist damit in der aktuellen Diskussion eine um drei bis vier Cent höhere Einspeisevergütung für Photovoltaikanlagen mit heimischen Solarmodulen, um die Nachfrage nach diesen zu steigern. Denn die Solarindustrie in Deutschland droht nach dem heftigen Einbruch 2012 nun vollständig zusammenzubrechen und hofft auf genau diesen Bonus, um überhaupt eine Chance zu haben, hierzulande noch Photovoltaikanlagen herstellen zu können. Politisch ist der Bonus umstritten – und vermutlich bald vom Tisch. Das befürchtet zumindest Peter Knuth. Er ist Geschäftsführer des Regensburger Anbieters von Solaranlagen Enerix, der bundesweit und auch an einigen Standorten im benachbarten Ausland über ein Franchise-System mit mehr als 100 Betrieben vertreten ist.

FDP lehnt Resilienzbonus ab

Die Ampel-Fraktionen SPD, Grüne und FDP ringen, man kann es auch streiten nennen, um eine staatliche Unterstützung für die Solarindustrie. Die FDP lehnt den Resilienzbonus ab, die Grünen sind dafür. Hintergrund ist, dass immer weniger Solarmodule in Europa hergestellt werden, auch weil China und die USA die Ansiedlung solcher Fabriken gezielt fördern. Mittlerweile stammen mindestens 90, eher sogar 95 Prozent der in Deutschland verbauten Module aus China, sagt Knuth. Bei Wechselrichtern seien es auch schon 70 Prozent, bei Speichern stammten immerhin die Hälfte von inländischen Herstellern – allerdings mit stark fallender Tendenz.

Aus Grünen-Sicht hätte das Solarpaket I längst verabschiedet werden müssen. Man setze sich für grüne Jobs unter anderem in Sachsen ein, wo die Wind- und Solarbranche großes Potenzial hätten. Doch Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat mittlerweile die Förderung der heimischen Produktion für unnötig erklärt. Solarmodule gebe es auch auf dem Weltmarkt. „Das ist keine Hightech-Technologie“, betonte Lindner. Wenn er mit Geld der Steuerzahler einzelne Branchen fördern würde, dann wirke sich das weder auf die Sicherheit des Wirtschaftsstandortes noch auf das Gelingen der Energiewende aus. Der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Reinhard Houben, hatte dem ARD-Hauptstadtstudio in Berlin gesagt: „Der Resilienzbonus wird nicht kommen.“

Beispiel Meyer Burger zeigt: PV-Firmen machen ernst

Zwei Tage später besiegelte der Schweizer Solarhersteller Meyer Burger das endgültige Aus für seinen Standort im sächsischen Freiberg. Die rund 500 Mitarbeiter haben ihre Kündigung erhalten, sagte eine Unternehmenssprecherin. Mehr als 400 Menschen verlören damit ihre Arbeitsplätze. Meyer Burger hatte die Zukunft des Standorts vom Resilienzbonus abhängig gemacht. Die Produktion stand bereits seit Mitte März still.

Das Unternehmen hatte im vergangenen Jahr einen deutlichen Verlust verbucht und die starke Konkurrenz durch billige Solarmodule aus China als Grund angeführt.

Knuth hat dazu Zahlen parat. In der Branche werde bei Modulen der Preis je Watt/Peak (Spitzenleistung) genannt. Die Unterschiede waren demnach zuletzt gewaltig: Meyer Burger habe als teuerster Anbieter 45 Cent je Watt aufgerufen. Chinesische Module seien aktuell wegen der Überproduktion und der sinkenden Nachfrage in Deutschland bereits für weniger als zehn Cent zu haben. Meyer Burger habe sehr viele Komponenten zur Modulherstellung selbst im Inland hergestellt. Andere deutsche Anbieter montierten zwar auch im Inland, bezögen aber einen deutlich höheren Anteil der Bauteile aus Fernost.

Peter Knuth: Ohne deutsche Herstellung auch keine Forschung

Chinesische Module, hoch subventioniert vom Staat in Peking, verbilligen somit erst einmal die Energiewende in Deutschland und Europa. Das hilft einerseits – vorerst. Aber Knuth stellt die Frage: „Wollen wir die deutsche Energiewende ausschließlich mit chinesischen Produkten verwirklichen?“ Er will sein Anliegen nicht mit dumpfem Nationalbewusstsein verwechselt sehen. Vielmehr gehe es ihm darum, dass ohne deutsche Herstellung langfristig auch keine Forschung mehr hier stattfinden werde. Man gebe (wieder einmal) eine wichtige Technologie aus der Hand. Damit widerspricht er klar Finanzminister Lindners Argument, Module seien nicht förderwürdig.

Außerdem sei nicht garantiert, dass Chinas Module so günstig bleiben. Knuth ist sich sicher, dass sich das Angebot von dort wieder ändern wird. „Die Nachfrage im privaten Einfamilienhausbereich ist wieder auf das Niveau von vor der Energiekrise zurückgegangen. Wenn China wieder weniger Module liefert, dann sind bis dahin die deutschen Hersteller komplett raus.“ Sprich, die Produktionen dann eingestellt, die Abhängigkeit von Importen langfristig fixiert. Eben deshalb solle ja der Bonus die Resilienz stärken, also die Widerstandsfähigkeit. Österreich stecke übrigens in einer ganz ähnlichen Situation. Die dortige schwarz-grüne Regierung hat soeben verkündet, einen Resilienzbonus einführen zu wollen.

Wer kennt Lindner gut?

Kommt diese Hilfe nicht, sieht Knuth schwarz. Er erinnert an das Jahr 2012, als auch damals die FDP der seinerzeit boomenden deutschen Solarindustrie die Fördermittel drastisch zusammengekürzt und damit die Branche heftig geschrumpft habe. Heute gebe die Partei den Solarherstellern den Todesstoß, wenn sie sich – wahrscheinlich – durchsetzt.

Übrigens sind nicht alle Solarinstallateure für den Resilienzbonus. Mit extrem viel Investorengeld ausgestattete Start-ups wie das Berliner Unternehmen Enpal sind strikt dagegen. Sie beziehen laut Knuth ihre Komponenten fast ausschließlich aus China. Jüngst waren Fotos im Umlauf: Enpal-Manager bei einem Treffen mit Lindner in Berlin.

Enerix-Geschäftsführer Peter Knuth erwartet für 2024 keinen erneuten Rekord. Foto: Enerix