Pendler führten Tagebuch über Verspätungen und Zugausfälle bei der Neumarkter S-Bahn

Von Wolfgang Endlein, Katrin Böhm · 13. April 2024 um 11:00

Verspätet sich die Neumarkter S-Bahn öfter und fällt häufiger aus? Von den offiziellen Stellen gibt es dazu wenig belastbare Zahlen. Was bleibt, sind die Erfahrungen der Fahrgäste. Zwei langjährige Pendler aus der Redaktion schildern, was sie in einer Woche erlebt haben. Sie brauchten starke Nerven.

• Montag: Die Arbeitswoche beginnt mit einer pünktlichen S-Bahn um 7.31 Uhr von Nürnberg Hauptbahnhof ab. Seit die S-Bahn 2010 erstmals Neumarkt ansteuerte, ist sie eine enorme Verbesserung für Pendler. Nicht nur der Takt verbesserte sich, auch die durchgesessenen Lederbänke der Regionalbahn ersetzte die S-Bahn durch komfortable Waggons. Bequem sitzend geht es morgens nach Neumarkt. Abends geht es enger zu. Der Bahnsteig ist voller Wartender, denn die S-Bahn um 16.52 Uhr wird erst für 16.57 angekündigt, schließlich fällt sie aus. Der Zug darauf kommt ebenfalls verspätet. Als Grund dafür nennt die Bahn Gleisunebenheiten, die kurzfristig repariert werden müssen. Die marode Infrastruktur ist das große Problem der Bahn.

• Dienstag: Die S-Bahn um 9.34 Uhr ab Hauptbahnhof Fürth fährt planmäßig ab. Gegen Abend sieht es anders aus: Pendler, die um 17.31 Uhr in die S-Bahn am Nürnberger Hauptbahnhof mit Ziel Neumarkt einsteigen erfahren während der Fahrt, der Zug ende bereits in Postbauer-Heng. Wenig später die Überraschung: Nein, der Zug verkehre doch planmäßig bis nach Neumarkt. Allerdings dauert die Fahrt statt 33 Minuten fast eine Stunde. Auch wer abends von Neumarkt nach Nürnberg fahren will, braucht Geduld. Die S-Bahn um 18.52 Uhr entfällt komplett, die nachfolgende um 19.12 kommt erst um 19.28 Uhr. Herrlich, so ein Feierabend im Wind auf Gleis 2. Wer will für den Heimweg schon eine Stunde brauchen, wenn es auch fast zwei sein können.

• Mittwoch: Okay, heute wird es besser. Bestimmt. Immerhin pünktlich fährt die S-Bahn um 7.20 Uhr am Hauptbahnhof Fürth ab – dafür mit einem Wagen weniger, also nur einem statt zweien. Ist aber kein großes Problem. Die treten erst während der Fahrt auf. Irgendwo muss ein Güterzug vorbei, dann noch einer und dann noch einer und wir stehen. Ankunft in Neumarkt mit 21 Minuten Verspätung um 8.25 Uhr statt um 8.04 Uhr. Mit der S-Bahn um 17.32 Uhr soll es abends zurückgehen – „heute um 17.48“ heißt es auf der Anzeigetafel am Neumarkter Bahnhof. Warum überrascht das hier nur keinen? Los geht es dann schon drei Minuten früher um 17.45 Uhr. Und der Zug fährt auch planmäßig alle Haltestellen an – muss ja nicht immer so sein. Nicht in dieser Woche, aber erst vor kurzem gab es in der S-Bahn beim Stopp am Nürnberger Hauptbahnhof die Durchsage, die S-Bahn sei schon so spät dran und halte deswegen bis nach Forchheim gar nicht mehr – wer einen Zwischenhalt nutzen wolle, der solle bitte aussteigen und die nächste S-Bahn nehmen.

Auf Verspätung folgt der Zugausfall

• Donnerstag: Morgens verläuft alles reibungslos. 7.31 Uhr: Die S-Bahn fährt pünktlich in Nürnberg ab. Abends das entgegengesetzte Bild: Der Zug um 16.52 Uhr wird als verspätet angekündigt, dann fällt er ganz aus. Der Zug um 17.12 Uhr fährt ebenfalls deutlich verspätet ab. Die Menschen, die sich eigentlich auf zwei Züge verteilt hätten, drängen in einen. Diesmal kann die Bahn nichts dafür. Der Grund sind laut Durchsage „Unbefugte Personen auf der Strecke“. In früheren Jahren war das gemeinsam mit „Notfalleinsatz“ meist der einzige Grund, wenn es zu einem der seltenen Zugausfälle kam. Inzwischen verspäten sich oder fallen S-Bahnen regelmäßiger aus. Der Klassiker unter den Begründungen lautet inzwischen „Verspätung aus vorheriger Fahrt“. Häufig gibt es aber auch gar keine Begründung.

• Freitag: Am Morgen läuft alles nach nach Fahrplan. Vor der Rückfahrt am Abend lassen die relativ vielen wartenden Menschen an Gleis zwei zunächst nichts Gutes erwarten. Doch prompt und pünktlich fährt die S-Bahn ein. Offenbar sind es nur ungewöhnlich viele Fahrgäste, die ins Wochenende starten wollen. Sie können es diesmal pünktlich tun. So geht eine unruhige Pendel-Woche mit der S-Bahn immerhin etwas versöhnlich zu Ende.

Das sagen Deutsche Bahn und Bayerische Eisenbahngesellschaft

Mehr verspätete Züge und Ausfälle: Fahrgäste bemängeln, dass sich die Leistung der Linie S1 seit einiger Zeit verschlechtert habe. Insbesondere seit die Linie im Dezember bis Bamberg ausgeweitet wurde. Doch lässt sich das in Zahlen belegen?

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) vergibt die Strecken von Regionalzügen und S-Bahnen an Bahnunternehmen. Jährlich veröffentlicht sie Statistiken unter anderem zu Pünktlichkeit und Zugausfällen. Das Problem: Laut BEG liegen ihr keine Werte für einzelne Linien vor, sondern nur für das gesamte Netz der S-Bahn Nürnberg. Dieses lag 2023 mit 94,8 Prozent an pünktlichen Zügen im oberen Bereich unter allen Regional- und S-Bahn-Netzen. Laut Deutscher Bahn liegen die Pünktlichkeitswerte für die S-Bahn Nürnberg in 2024 auf ähnlichem Niveau wie 2023. Zum Vergleich: Das S-Bahn-Netz München hatte 2023 einen Wert von 90 Prozent, der bayernweite Durchschnitt war 87 Prozent. Für die BEG gilt ein Zug als pünktlich, wenn er weniger als sechs Minuten später kommt.

Marode Infrastruktur des Bahnnetzes ist das große Problem

Auch die Zahl der ausgefallenen Züge nimmt im bayernweiten Durchschnitt seit Jahren zu. 2023 waren es laut BEG 6,3 Prozent. Im Gesamtnetz der S-Bahn Nürnberg waren es vier Prozent (München: 8,4 Prozent). Auch hier hat die BEG keine detaillierten Zahlen für die Linie S1.

Als Ursache für die Probleme sieht die BEG vor allem die marode Infrastruktur. Sie nimmt die Deutsche Bahn in die Pflicht. Der Bund hat im Februar ein Gesetz geändert, um künftig selbst mehr direkt in das Bahnnetz investieren zu können.