Aufregende Projekte mit prickelnden Namen: Die Donumenta fliegt aus

Von Marianne Sperb · 10. April 2024 um 19:00

In Regensburgs Zentrum pulsiert das Leben, in den Vierteln rundum tut sich wenig: Das Dilemma ist altbekannt und viel beklagt. Der Donumenta e.V. steuert gegen und zieht in Quartiere – nur eins der vielen Vorhaben 2024.

In Regensburgs Zentrum pulsiert das Leben, in den Vierteln rundum tut sich wenig: Das Dilemma ist altbekannt und viel beklagt. Der Donumenta e.V. steuert gegen. Er verlässt das Art Lab unter dem Hauptbahnhof, das fünf Jahre seine Adresse für Ausstellungen war. „Beim Einzug tropfte an zwei Stellen Wasser durch, beim Auszug war es umkehrt: zwei Stellen waren trocken“, spitzt Hans Simon-Pelanda zu.

Aus der Not wird Neues. Die Donumenta geht in die Viertel. „Baupolitik macht sich, wenn sie großartige Hochhäuser oder auch Hasenställe schafft, keine Gedanken über Kultur im Wohnumfeld. Die Menschen dort sind verdammt zu Fernsehen und Internet“, sagt Donumenta-Gründerin und künstlerische Leiterin Regina Hellwig-Schmid.

Ein mobiler gläserner Kunstraum wird von wechselnden internationalen Künstlerinnen bespielt und zieht alle paar Monate um, als „Art Lab on the Move“. Immer samstags (11 bis 13 Uhr) will man bei Buttersemmel und Tee mit Menschen vor Ort ins Gespräch kommen. „Vielstimmigkeit“, sagt Hellwig-Schmid, „ist ja, was unsere Gesellschaft ausmacht.“

Den Auftakt bestreitet Patricia Westerholz aus Dresden mit „Zu denken wie ein Berg“, einer Arbeit aus beschnittenen, mit Botschaft aufgeladenen Pa-pierstapeln: in Königswiesen (Theodor-Heuss-Platz, 3. Mai, 11.30 Uhr). Weitere Interventionen folgen im Dörnbergforum, später in Burgweinting.

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Die Donumenta sagt dem Art Lab Bye-Bye, den Namen nimmt sie als Souvenir mit – für neue Projekte wie „Art Lab Mixed Reality“. Die Reihe reagiert auf die digitale Revolution, balanciert auf dem Grat zwischen Kunst und KI und wird ein Schwerpunkt im Programm. Einer der interessantesten Köpfe des Genres ist Patrick Tresset, international gefragt, vielfach preisgekrönt und berühmt für Installationen, in denen Roboter als zeichnende Maschinen auftreten. Hellwig-Schmid jagte ihm Jahre lang nach, bis sie ihn jetzt für Regensburg gewinnen konnte. Seine selbst entwickelte Kunstmaschine belegt den Pop-up-Raum im Degginger (ab 4. Juni, 18 Uhr), wo sie ein Stillleben mit Pfau und Totenschädel zeichnet – und zwar exakt, als wär’s ein Werk von Patrick Tresset. Verblüffend: Der Pionier simuliert schon seit 2006, seit bald 20 Jahren also, computergestützt die Ausdrucksformen von Kunst.

Ein anderer aufregender Name der Szene: Betty Mü, Lichtkünstlerin aus München, lange in New York unterwegs. 2021 verzauberte sie das Kunstareal München, wo sie Museumsobjekte mit Licht neu arrangierte. Sie entwickelt für „Art Lab Mixed Reality“ im Oktober/November eine Arbeit im Regensburger Stadtraum. Bewegte Bilder verschmelzen mit Oberflächen und Objekten. Betrachter tauchen per Handy in eine überraschende, manchmal wankende Welt ab. Der Schlüssel zu Betty Müs virtuellen Geschichten sind Dinge und Orte, die für Regensburg stehen.

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Überhaupt die aufregenden Namen: Die Donumenta hat eine ganze Reihe an Bord. Róny Kopeczky etwa, die gerade die Biennale Venedig vorbereitet, wo sie den Ungarn-Pavillon verantwortet, kuratiert in Regensburg die Reihe „Artists in Residence“. Oder Antonie Angerer, Sinologin aus Regensburg, die in Peking eine Forschungs- und Kunst-Plattform aufbaute und heute in Frankfurt/Main lebt. Sie führt im September mit Anna Eschbach aus Wien im mobilen Kunstraum Regie. Außerdem hat die Donumenta ihr Team vergrößert; die Honorare zahlt sie mit Geld der Stadt. „Aber unsere größte Einnahmequelle“, sagt Hellwig-Schmid ironisch, „ist das Ehrenamt.“ Der geballte kreative Output, den eine Gruppe weitgehend unbezahlter Kunst-Bewegter jedes Jahr präsentiert, könnte viele gestandene öffentliche Kunsthäuser neidig machen.

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Die Vorsitzende selbst hat sich ebenfalls neu orientiert. Nach dem Erfolg der Ausstellung „Reset Now“ in München, die sie 2023 kuratierte, wurde sie zur Präsidentin des Künstlerverbands im Haus der Kunst gewählt. Beide Seiten dürfen auf schönste Synergien hoffen.

„Art Lab on Screen“, dritte Säule im Programm, bringt von September bis November Filmkunst am Puls der Zeit in die Stadt. Zehn Studierende, ausgewählt von Bewerbern aller deutschen Filmhochschulen, präsentieren an Monitoren einer Dreieck-Stele an wechselnden Plätzen ihre Werke.

Jeden Sommer hat die Donumenta Künstler aus Donauländern zu Gast, die das Welterbe erkunden und Konzepte entwickeln, um es mit dem Blick von außen zu spiegeln – oft verblüffend, erfinderisch, witzig und gesellschaftskritisch – und immer Aufsehen erregend. Drei „Artists in Residence“ von 2023 setzen ihre Ideen-Ernte nun um. Start ist am 28. Juni, dem Internationalen Donau-Tag.

Danilo Milovanovic (Slowenien) setzt Stadtmöbel in mittelalterlichen Maßeinheiten um. Eine putzige Laterne sitzt so tief, dass sie nur die Fugen des Pflasters ausleuchtet. Eine Bank ragt so hoch, dass kein Mensch sie besitzen kann, eine andere dehnt sich zur Streckbank aus. Loránd Bögös (Ungarn) baut am Beschlächt an der Steinernen Brücke ein Mühlenwerk; die gegenläufigen Propeller setzen Besucher per Handkurbel in Bewegung. Und Stano Masár (Slowenien), schenkt den Menschen der alten Reichsstadt eine neue Perspektive auf das feudalistische Reiterstandbild von Ludwig I. auf dem Domplatz: Ein Treppenaufbau macht es möglich, dass der Bürger dem Herrscher auf Augenhöhe gegenüber tritt. Dieses Werk freut den königskritischen Hans Simon-Pelanda ganz besonders: „Das wird eine Genugtuung!“