Unterm Regensburger Bahnhof regnet es virtuelle Blumenblätter

Von Peter Geiger · 28. September 2023 um 16:00

Medienkünstlerin Barbara Herold zeigt bei ihrer Ausstellung im Donumenta Art Lab, was Blütenkelche im Innersten zusammenhält. Das funktioniert per App – aber auch gut ohne.

Die Sache ist so einfach wie kompliziert. Nur so viel: Es schadet nicht, zur Ausstellung im Art Lab am Hauptbahnhof, Titel: „Flowerful Echoes of Transcendent Realms“, ein Smartphone mitzubringen. So lassen sich die „blumigen Echos aus transzendenten Bereichen“ per App am eigenen Bildschirm erleben. Andererseits, Hand aufs Herz: Lassen sich Kunstgenuss und schnödes Downloadgeschäft („Ich hab’ kein Web! Hast Du da drüben Empfang?“) tatsächlich sorgenfaltenfrei vereinbaren?

Man kann also auf die Mitnahme elektronischer Geräte getrost verzichten. Im Art Lab, an diesem mit der Aura des Aufbruchs in die Moderne aufgeladenen Ort, inmitten des Lärms von donnerndem Schwerlast- und Personenfernverkehr, werden all die Fantasieblumen von der Medienkünstlerin Barbara Herold auch projiziert: auf gelben Keramikkacheln, die mit ihrer Patina die Historie spiegeln. Flugs kann man sich zurückversetzt fühlen in die Epoche, in der noch Kutschen durchs Land fuhren, als ein Besucher namens Johann Wolfgang von Goethe hier zu Gast war und Regensburg in seiner „Italienischen Reise“ ins Stammbuch schrieb, dass die „die Gegend eine Stadt herlocken“ musste. Als Goethe längst wieder aus dem Süden zurückgekehrt war und das Industriezeitalter mit Siebenmeilenstiefeln nahte, beschäftigte er sich mit einer Frage, die auch Barbara Herold heute noch umtreibt: mit der „Metamorphose der Pflanzen“.

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Goethe goss seine Erkenntnisse über Botanik und Morphologie in konzentrierter Form in die ihm zur Verfügung stehenden Gefäße der Lyrik. Ganz ähnlich verfährt nun, mehr als 200 Jahre später, Barbara Herold. Sie wendet dazu zeitgemäße künstlerische Ausdrucksweisen an.

Die Künstlerin hat zwei Phantasieblumen im Angebot: die Rose „Belle“ und die Orchidee „Aphrodite“. Sie hat sie als virtuelle Auftragsarbeit für die Villa Merkel in Esslingen gestaltet und zeigt sie nun in Regensburg. Die Einzelteile der Blumen – also Stengel, Blätter, Blütenkelche – vereinigen sich wie in einem Trickfilm zu einem Ensemble. Wie Puzzleteile, die von einem starken Magneten angezogen werden, streben die röhrenhaften Stäbe und die zahnbürstenkopfartigen Blüten einem Zentrum zu, um sich in ihrer farbigen Buntheit und der Verschiedenheit der Zuschnitte zur Gesamtheit der Pflanze zu fügen. Im Gegensatz zu Goethe, der mit der Metamorphose dem „geheimen Gesetz“ und dem „heiligen Rätsel“ des Formenreichtums auf der Spur war, geht es Herold aber darum, uns reine Schönheit vor Augen zu führen.

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Beim Galerienabend war auch DJane Kim Twiddle mit von der Partie. Mit Laptop angereist, spielte sie ihre Sounds eben nicht von Konserve, sondern produzierte alles live. Dabei ist ihr Kompositionsprinzip gar nicht so weit von der Idee der Bilder zusammenfügenden Künstlerin Barbara Herold entfernt: Auch Kim Twiddle verbindet und verknüpft digitale Schnipsel zu einer Gesamtheit. Sie lässt einen technoid grundierten Soundteppich entstehen, der Beats und Melodien zu einem instrumentalen Track verbindet, der kühl und warm zugleich ist. Spricht man Kim Twiddle, die bürgerlich Kim Ramona Ranalter heißt und auch für die Kammerspiele München arbeitet, auf ihre Vorlieben an, glühen bei dem Namen Prince sofort ihre Augen: Die frühen Alben des 2016 verstorbenen Musikers und Produzenten hat sie in der Sammlung ihrer Eltern gefunden, erzählt sie, und bis heute ist Prince in puncto Produktion und Funkiness ihr Leitstern. Damit wäre auch die Frage der Herkunft und der Metamorphose ihres zeitgenössischen Sounds geklärt. Die Ausstellung läuft bis 29. Oktober.