Kampf um eine Regensburger Familien-Erinnerung: Mediziner will sich Ladenschild sichern

Von Marion Koller · 10. April 2024 um 12:00

Bernhard Keil will den „Stahlwaren“-Schriftzug seines Urahnen vom Regensburger Haidplatz kaufen – doch die Versteigerung droht.

Bernhard Keil schwingt sich am Haidplatz vom Fahrrad und greift in die rote Satteltasche. Auf dem Kaffeehaus-Tisch im Goldenen Kreuz breitet der Arzt aus, was er zuhause verwahrt hat: einen Stammbaum seiner Familie, mehr als 200 Jahre alte Schreiben der Stadt an einen Urahnen, den Gründer des Stahlwarengeschäfts Keil, und fünf Messer. Drei davon sind solide Schneidewerkzeuge mit handlichen Holzgriffen. Die anderen beiden, ein Stilett mit Elfenbeingriff und ein elegantes Taschenmesser mit Perlmutteinsatz, zeigen die Kunstfertigkeit des Vorfahren Johannes Keil.

Im Februar hat das älteste Geschäft der Stadt, das 1906 an einen Kollegen verkauft wurde, geschlossen. Seitdem treibt Bernhard Keil ein Wunsch um. Der 73-Jährige möchte das historische Ladenschild „Keil Stahlwaren seit 1806“ kaufen. „Ich bin stolz, Regensburger und Landkreisbürger zu sein“, argumentiert er. „Ich muss das haben.“ Der Anästhesist hat vor, das Familienschild in seinem Reifenthaler Garten aufzustellen.

Gegenüber ist Opa geboren

Doch es wird zusammen mit dem Inventar versteigert werden. Die Stadt ist die Vermieterin im Thon-Dittmer-Palais. Sprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt, Dr. Keil sei darüber informiert worden, auf welchem Wege er das Schild erwerben könne. Die Stadt sei nicht die Eigentümerin.

Anästhesist Keil fühlt sich Regensburg und seiner Familie eng verbunden. „Es ist meine Heimatstadt, hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich mich immer wohlgefühlt.“ Er deutet auf das blaue Haus gegenüber des Goldenen Kreuzes mit der Aufschrift „Friseur Justh“. „Dort wurde 1879 mein Großvater Hans August Christian Keil geboren.“

Bernhard Keils Vater unterrichtete am Neuen Gymnasium – heute Albrecht-Altdorfer-Gymnasium – Deutsch und Geschichte. Der Sohn ging dort zur Schule. Verweise wurden dem Papa ins Fach gelegt. Das Studium an der Kunstakademie untersagten die Eltern, die einen Brotberuf bevorzugten. Eine Lehre bei der Deutschen Bank langweilte Bernhard Keil. Er brach ab und nahm ein Psychologiestudium auf, denn für Medizin reichte der Notenschnitt nicht aus. „Für zehn Euro warm habe ich in der Engelburgergasse gewohnt“, erinnert er sich.

Regensburg als „inneres Bedürfnis“

Im fünften Semester erhielt der junge Mann die Zusage für den Medizinstudienplatz in Regensburg. Mit einer Sondererlaubnis studierte er beide Fächer. 42 Jahre lang arbeitete und lebte der Narkosearzt dann in München. Die Heimatstadt ließ ihn nie los. „Ich musste mindestens einmal im Monat nach Regensburg. Das war mir ein inneres Bedürfnis. Ich wollte Leute treffen, dann war Bürgerfest, mit dem Ruder-Klub habe ich Wanderfahrten gemacht – und die Eltern waren auch da.“

Bernhard Keil blättert im amtlichen Schriftwechsel. Auf 28 Seiten geht es um die Ansiedlung des Messerschmieds Johann Keil in der Domstadt. Der 26-Jährige eröffnete im Jahr 1806 das Stahlwaren-Geschäft. Die Aufnahme in Regensburg als Bürger und Handwerksmeister genehmigte das sogenannte Kurfürstliche Hansgericht, weil Johann Keil nicht nur Messer, sondern auch dringend benötigte chirurgische Instrumente herstellte. Die erste Werkstatt war in der Keplerstraße 13. 1829 kaufte die Familie ein Haus im Taubengässchen 2, später in der Krebsgasse 1 bis 3.

Ein Jahrhundert lang betrieb die Familie die Messerschmiede und den Laden, belieferte Bürger, Militär und Adel. 1906 verkaufte Großvater Hans August Christian das Geschäft an einen Kollegen. Sein Sohn studierte Jura und wurde der erste Akademiker der Familie.

Es gibt noch einen Grund, warum Bernhard Keil das Ladenschild erwerben möchte. In Pettendorf, zu dem sein Wohnort Reifenthal zählt, tobte ein Streit um den geplanten Bau eines Edeka-Markts, mehrerer Blocks für Betreutes Wohnen und um 40 neue Bauplätze. Keil war dagegen. „Wenn Edeka kommt, ist der Dorfladen tot.“ Bei einem Bürgerentscheid setzten sich die Gegner klar durch. Doch Pettendorfer befürchten, dass die Gemeinde langfristig nicht aufgeben wird.

Kein zugezogener Münchner

Mit dem Schild möchte Bernhard Keil demonstrieren, dass er ein echter Regensburger und zugleich Landkreisbürger ist – „und nicht irgendein zugezogener Münchner Mediziner“. Er hofft, dass er den „Stahlwaren“-Schriftzug ersteigern kann. Der Gerichtsvollzieher hat jedenfalls gemeint: „Das kriegen wir hin.“

Der Termin steht noch nicht fest. Das Geschäft am Haidplatz muss erst einmal saniert werden. Nutzungsvarianten prüft die Stadt.

Perlmutt und das heute verbotene Elfenbein haben die alten Messerschmiede verarbeitet. Foto: Koller