Claus M. stand am Abgrund, bis er bei den Anonymen Alkoholikern zurück ins Leben fand

Von David Salimi · 6. April 2024 um 15:00

„Ich bin Alkoholiker" sagt Claus M. und das obwohl er seit 30 Jahren keinen einzigen Tropfen mehr angerührt hat. „Früher war ich Säufer, heute bin ich Alkoholiker", schiebt er nach. Der Unterschied: Heute weiß er, dass er krank ist. Sich das einzugestehen, hat ihn Jahre seines Lebens gekostet. Inzwischen ist der 60-Jährige aus dem Landkreis Cham trocken und empfiehlt Menschen mit ähnlichem Schicksal, sich den Anonymen Alkoholikern anzuschließen.

Als er das erste Mal mit Alkohol in Berührung kommt ist Claus, der in Wirklichkeit anders heißt, zehn Jahre alt. Er wächst in stabilen Verhältnissen auf. Dennoch ist der Ton in der Familie oftmals rau. Mit Alkohol wird offen umgegangen – draußen in der Gesellschaft aber auch innerhalb der Familie. „Bei Papa und Opa durfte ich immer wieder mal am Bier nippen“, erinnert er sich. Eierlikör im Wohnzimmerschrank, Bierkästen im Keller – all das ist für das Kind jederzeit in greifbarer Nähe. „Wenn es Streit in der Familie gab, griff ich einfach zu“, erzählt er. Dass das der Anfang vom Ende ist, weiß der Bub zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Stück für Stück rutscht er in die Sucht, ohne es zu merken. Mit 18 Jahren bekommt er zum ersten Mal die Konsequenzen zu spüren: Sein Ausbildungsbetrieb schmeißt ihn raus. Die Mutter ist es, die zu diesem Zeitpunkt den Ernst der Lage zu erkennen scheint. Sie schickt Claus wider Willen in eine Entzugsklinik. Zweimal ist er dort. Zweimal haut er von dort auch wieder ab. Unter den anderen Patienten ist der gerade erst volljährig Gewordene mit Abstand der jüngste. Dass er alkoholsüchtig ist, davon will er zu diesem Zeitpunkt nichts wissen. Und das soll auch noch lange so bleiben.

Auch in den folgenden Jahren kreist das Damoklesschwert der Sucht über Claus. Er macht weiter, versucht sich nebenbei ein Leben aufzubauen. Die Spirituosen werden derweil immer härter. „In den Jahren danach habe ich zwei Ehen und zwei Arbeitsstellen versoffen“, sagt er. Er bekommt zwei Kinder und schafft es, sich in den 20ern seines Lebens irgendwie über Wasser zu halten. Die Jahre beschreibt er als „eine Achterbahnfahrt“. Einige Wochen schafft er es, ohne Alkohol auszukommen. Darauf folgen Wochen, in denen er täglich zur Flasche greift. Mehrere Male wacht er in der Ausnüchterungszelle auf und verübt schwere Körperverletzung. Um nicht ins Gefängnis zu müssen, wird er zu gemeinnütziger Arbeit in einer Einrichtung für Obdachlose verdonnert und findet in der Arbeit dort sogar Bestätigung. „Es hat gut getan, das Gefühl zu bekommen, dass es Menschen gibt, die in der Rangfolge der Gesellschaft noch weiter unten stehen als man selbst“, erklärt er, wie er sich seine Sucht weiter schönredete.

Dennoch zieht sich die Schlinge weiter zu. Seine zweite Ehefrau, auch alkoholsüchtig, stürzt ab. Claus wird mit Anfang 30 zum alleinerziehenden Vater. Um seine Tochter nicht zu verlieren, versucht er mit Lügen und Tricks das Sorgerecht zu behalten. Vom Arzt lässt er sich sogenannten „Trockensprit“ verschreiben. Das sind Medikamente, um die Entzugserscheinungen zu verhindern.

Angst vor Verlust der Tochter

Dass er ein Problem hat, ist ihm zu diesem Zeitpunkt zumindest bewusst. Dass das Problem den Namen „Alkoholsucht“ trägt, hingegen nach wie vor nicht. Noch immer wehrt er sich vehement dagegen, sich seine Abhängigkeit einzugestehen. So zieht es ihn zunächst in einen offenen Treff für Menschen mit psychischen Erkrankungen. „Ich ging lieber dorthin, weil ich meine Sucht noch immer nicht wahrhaben wollte“, sagt er. „Eher hätte ich mich damals sogar in die Psychiatrie einweisen lassen, als zu den anonymen Alkoholikern zu gehen.“ Dass Claus im offenen Treff nicht richtig ist, merkt er dennoch schnell.

Indes wird die Angst, seine Tochter und sein eigenes Leben zu verlieren, immer größer. Tief im Sog der Sucht gefangen bangt er um sein Leben. „Ich hatte Angst, sterben zu müssen“, sagt er. Letztlich ist es diese Angst, die ihm sein Leben rettet.

Zwei Wochen später geht er den Schritt, der ihm den Weg zurück ins Leben ebnen soll: Er besucht ein Treffen der Anonymen Alkoholiker. Zu diesem Zeitpunkt trägt er die Kontaktkarte der Selbsthilfegruppe bereits Jahre in der Jackentasche mit sich herum. Sein Bruder, selbst schwer alkoholabhängig, hatte sie ihm zugesteckt. Doch Claus’ Verzweiflung ist mittlerweile so groß, dass er keinen anderen Ausweg weiß. „Ich war an dem Punkt angelangt, an dem ich keine Bedingungen mehr gestellt habe“, beschreibt er seine damalige Gefühlslage.

Fortan gehören die Treffen der Anonymen Alkoholiker zum festen Bestandteil seines Lebens – drei bis fünfmal pro Woche in den ersten zehn Jahren. Die anderen Teilnehmer setzen ihm den Spiegel vor. Claus entdeckt Gemeinsamkeiten mit ihnen, fühlt sich das erste Mal verstanden. „Die Treffen sind der Platz für die Ereignisse, die man erlebt hat“, sagt er. Sie sind der Ort, wo man gemeinsam mit den anderen seine Meilensteine feiern kann. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Dennoch steht jeder von ihnen an einer anderen Stelle seiner Suchtbekämpfung. Das oberste Gebot während der Treffen: „Wen Du hier siehst, was Du hier hörst und wenn Du gehst, bitte lass’ es hier“. Der erste Ratschlag, denn die erfahrenen Teilnehmer Claus mit auf den Weg geben: nicht das dritte oder vierte Glas Alkohol stehen zu lassen, sondern bereits das erste, ist entscheidend, um es zu schaffen, von ihm loszukommen. „Das war etwas, was mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war“, sagt er. Heute weiß er, dass schon ein Glas eines zu viel ist. „Der Abstieg in die Sucht geht blitzschnell. Das Gleiche ist es mit dem Rückfall“, weiß er.

Zwölf Schritte sind Grundlage

Was Claus fortan als besonders wohltuend in der Gemeinschaft erlebt, sind die Gruppendynamik, der Zusammenhalt untereinander und dass alle im gleichen Boot sitzen. Die Menschen in den Treffen lernen voneinander. „Im Grunde erzählen wir uns Heilsgeschichten.“ Dennoch habe jedes Treffen einen eigenen Schwerpunkt. Ausgangspunkt der Weltsicht der Anonymen Alkoholiker ist die Diagnose des Alkoholismus als chronische Krankheit. Grundlage für die Arbeit in der Gruppe bildet das Programm der zwölf Schritte. Die ersten drei Schritte behandeln dabei Kontroll- und Machtthemen. Die folgenden sechs Schritte umfassen Vorschläge, mit diesem Kontrollverlust umzugehen. Die letzten drei Schritte zielen letztlich auf eine Festigung der moralischen Konversion und des Abstinenzverhaltens ab. Im Kern steht dabei das Abgeben des eigenen Problems an eine höhere Macht, erklärt Claus. Dazu zähle, sich einzugestehen, krank zu sein und das Verlangen nach eigener Kontrolle abzugeben. „Ich wusste von da an, dass ich dieses Problem nicht alleine lösen kann, denn ich bin nicht Gott“, sagt der 60-Jährige, der heute mit Haus, Frau, Kind und der Leidenschaft für seinen Beruf fest im Leben steht. „Im Kern stehen bei den Treffen immer drei Fragen im Vordergrund: Wo komme ich her? Was ist passiert? Wie mache ich es anders?“

Enge Vertrautheit in der Gruppe

Wenn Claus heute, 30 Jahre später, von seiner Zeit bei den Anonymen Alkoholikern erzählt, spricht er von „Freunden“. Das gemeinsame Schicksal schweißt zusammen, sagt er. „Die Menschen dort sind heute meine Familie“, beschreibt er die Vertrautheit.

Obwohl ihn der Alkohol fast das Leben gekostet hätte, hadert er nicht mit ihm. „Rauschmittel gab es schon immer“, sagt er. „Trotzdem ist jeder für sich und sein Leben selbst verantwortlich.“ Und trotzdem: „Alkohol ist die meist verbreitetste, aber auch die gefährlichste Droge“, findet er. Für ihn ein wahres „Nervengift“. Das hat er am eigenen Leib erfahren. Das hat er auch während seiner Reisen beim Besuch von Treffen der Anonymen Alkoholiker in anderen Teilen der Erde, wie etwa in Thailand, Peru oder auf den Philippinen, gesehen.

Mittlerweile hat Claus seit gut 30 Jahren keinen Tropfen mehr angerührt. Dennoch haben die Anonymen Alkoholiker auch in seinem neuen Leben einen festen Platz. Regelmäßig besucht er die Treffen der Selbsthilfegruppe in Bad Kötzting. Aus eigener Erfahrung weiß er: „Trocken werden ist nicht das Problem, trocken bleiben hingegen schon.“ Daneben möchte der 60-Jährige Familienvater weiter anderen Betroffenen in der Selbsthilfegruppe beistehen. Sein Credo: „Ich kann nur behalten, was ich selbst an andere weitergebe“.

Demnächst Informationsveranstaltung

Seit 70 Jahren gibt es weltweit die Anonymen Alkoholiker. Zu diesem Anlass organisiert die Gruppe in Bad Kötzting am Samstag, 4. Mai, um 16 Uhr eine Informationsveranstaltung in den Räumlichkeiten der Evangelischen Kirchengemeinde in der Lichteneggerstraße. Ob Interessierte, Betroffene, Angehörige, Fachleute, Ärzte, Suchtberater oder Personalverantwortliche – jeder ist willkommen.

Im Jahr 2016 gründeten Anonyme Alkoholiker aus der Region die AA-Gruppe Bad Kötzting, die sich jeden Montag um 19 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in der Lichteneggerstraße 4 trifft. An jedem ersten Montag im Monat sind auch Angehörige und Freunde bei einem offenen Meeting willkommen.