Zwischen Geburten und Tragödien: Wolfgang Schreiber ist seit 20 Jahren Notarzt im Städtedreieck

Sobald der Piepser schrillt, steht Wolfgang Schreiber auf der Matte – auch am Wochenende und auch dann, wenn viele längst schlafen. Seit mittlerweile 20Jahren ist der Allgemeinmediziner aus Burglengenfeld (Landkreis Schwandorf) neben seinem Praxisalltag als Notarzt für andere da. In dieser Zeit hat er viel erlebt: Von Geburten über Kuriositäten bis hin zu Einsätzen, die unter die Haut gingen.
„Wenn ein Patient am Vormittag mit Husten vor mir sitzt, ist es ihm natürlich egal, ob ich die Nacht zuvor ganz normal im Bett gelegen bin oder im Einsatz war und kaum geschlafen habe“, sagt Schreiber schmunzelnd. Letzteres könne durchaus schon Mal vorkommen, wenn er in Rot und Gelb gekleidet mit dem farblich passenden Kombi unterwegs ist, auf dessen Dach ein Blaulicht mit der Aufschrift Notarzt prangt.
Die Leidenschaft zur Notfallmedizin entwickelte der Burglengenfelder, als er nach seinem Studium als junger Arzt am örtlichen Kreiskrankenhaus (heute Asklepios Klinik) praktizierte. Schreiber war dort in der Inneren Medizin tätig und kam deshalb auch immer wieder mit der Intensivstation in Berührung. Das Kreiskrankenhaus Burglengenfeld stellte damals tagsüber den Notfalldienst. Schreiber sprang immer wieder ein und fand Gefallen daran.
Für den Notarztstandort Burglengenfeld im Einsatz
Nach vier Jahren in der Klinik wechselte er in eine Arztpraxis, um sich als Allgemeinmediziner ausbilden zu lassen. Zusammen mit Dominik Steinbauer betreibt er seit 2010 eine Gemeinschaftspraxis, die 2014 in die Kallmünzer Straße gezogen ist. „Die Notfallmedizin ist mir aber immer geblieben – und das seit mittlerweile 20Jahren“, sagt Schreiber. Durchschnittlich vier Mal im Monat übernimmt er für den Notarztstandort Burglengenfeld eine zwölfstündige Schicht. Sein Einsatzgebiet erstreckt sich über das Städtedreieck, Kallmünz (Landkreis Regensburg) und Schmidmühlen (Landkreis Amberg-Sulzbach).
Der 47-Jährige rückt meistens zu den Randzeiten aus – am Wochenende oder nachts. „Manchmal kann ich das auch in meine Praxiszeiten integrieren. Das funktioniert aber nur, weil wir vier Ärzte sind und mir die Kollegen dankenswerterweise den Rücken freihalten, wenn ich weg muss“, erklärt Schreiber.
Ein eigenes Notarztzimmer im Keller
Meistens steuert der Mediziner, der seit 2008 auch Leitender Notarzt im Landkreis ist, die Einsatzorte aber von zuhause aus an. In seinem Eigenheim hat er sich dazu ein kleines Notarztzimmer im Keller eingerichtet, in dem er während der Abrufzeiten schläft, um seine Familie nicht aufzuwecken. „Da muss dann unser Kater Gismo rutschen, das hilft nichts“, sagt Schreiber.
Wird der Notarzt während seiner Schicht gebraucht, schrillt ein Piepser. Binnen zwei Minuten müsse er sich dann im Auto per Funk bei der Einsatzzentrale melden. „Das klappt bei mir in 98Prozent der Fälle“, so der Mediziner. Über ein Display bekomme er dann schon die ersten Daten zum Einsatz übermittelt.
Unterstützt wird Schreiber immer von zwei Notfallsanitätern, mit denen er sich vor Ort trifft. Diese fahren mit einem Rettungswagen vor. In diesem kann Schreiber den Patienten dann auch noch im Rückraum behandeln, während sich das Fahrzeug schon auf den Weg ins Krankenhaus macht. Die Zusammenarbeit am Einsatzort sei das A und O. „Die Notfallmedizin ist kein Spielplatz für Ego-shooter“, sagt Schreiber. Aber genau das schätzt der 47-Jährige auch so an seiner Nebentätigkeit. Die Floskel Blaulichtfamilie komme nicht von irgendwoher. „Im Städtedreieck funktioniert die Zusammenarbeit wirklich hervorragend. Egal, ob mit dem Rettungsdienst, den Notfallsanitätern, den Helfern vor Ort, oder der Feuerwehr.“
Einige Fälle waren zum Schmunzeln
Und noch ein weiterer Fakt macht die Notfallmedizin für den Burglengenfelder so erstrebenswert: kein Einsatz sei gleich. In seinen 20 Jahren habe der Arzt auch schon den ein oder anderen kuriosen Fall erlebt, über den er auch heute noch schmunzeln könne.
So ist ihm beispielsweise ein 93-Jähriger im Gedächtnis geblieben, der den Notruf wählte, weil seine 35-jährige Pflegekraft Kreislaufprobleme hatte. „Er hat sich bis zum Eintreffen der Rettungskräfte vorbildlich um sie gekümmert“, sagt Schreiber. Einen weiteren außergewöhnlichen Vorfall erlebte der Arzt, als er zu einer 38 Jahre alten Frau alarmiert wurde, die über kolik-artige Bauchschmerzen klagte. „15Minuten später hielt ich dann ihr neugeborenes Kind in den Händen. Sie wusste nicht mal, dass sie schwanger war“, so Schreiber. Dreimal sei der Mediziner schon zur Hebamme geworden – zweimal sei das Kind bei den jeweiligen Patientinnen zuhause zur Welt gekommen und einmal im Rettungswagen.
Doch das Leben schreibt nicht nur lustige und schöne Geschichten. In seiner beruflichen Laufbahn wurde Schreiber auch immer wieder Zeuge von Tragödien. „Es gibt natürlich auch Einsätze, die man zuhause dann nicht einfach mit dem Kittel wieder ablegt“, sagt er.
Auf die eigene Psyche achten
Vor allem wenn Kinder beteiligt seien oder eigentlich gesunde Menschen von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen würden, habe er trotz 20-jähriger Erfahrung daran zu knabbern. „Ich bin selbst zweifacher Vater. Manchmal schaue ich nach einem Einsatz in die Kinderzimmer, ob alles in Ordnung ist“, gibt Schreiber zu.
Der Burglengenfelder hat mit der Zeit gelernt, dass die „Psychohygiene“ enorm wichtig ist. „Man sollte nicht alles in sich reinfressen“, sagt er. Um unschöne Erlebnisse zu verarbeiten, spricht der Mediziner deshalb regelmäßig mit Kollegen. Auch seine Frau Christine, die selbst als Krankenpflegerin in einer Intensivstation tätig ist, sei eine große Stütze für ihn: „Auch wenn sie ab und zu schimpft, warum ich mir den Notarztdienst auch noch ans Bein binde“, sagt Schreiber und grinst.
An ein baldiges Ende seiner Nebentätigkeit denkt der 47-Jährige aber nicht, wie er auf Nachfrage gleich klarstellt. Somit wird im Hause Schreiber auch weiterhin der Piepser schrillen und Kater Gismo in seinem Kellerreich Platz machen müssen – zumindest an vier Tagen im Monat.
Die richtige Nummer wählen
Bereitschaftsdienst: Der Ärztliche Bereitschaftsdienst ist bayernweit über die Rufnummer 116 117 erreichbar. Dieser sollte bei dringenden, aber nicht lebensbedrohlichen Situationen kontaktiert werden.
Rettungsdienst: Rettungsdienst und Feuerwehr sind über die 112 erreichbar. Die Nummer ist einzig für akute Notfälle bestimmt.
Erste Hilfe: Je schneller in einem Notfall Ersthilfemaßnahmen vor Ort ergriffen werden, desto besser. Egal ob Angehöriger oder Augenzeuge – jeder sollte anpacken. „Auch davon hängt das Ergebnis unserer Arbeit ab. Bis wir kommen, dauert es schließlich ein paar Minuten“, sagt Wolfgang Schreiber.

