Das Ausland als Ausweg: Deshalb investieren immer mehr Unternehmen lieber anderswo

Von Christian Eckl · 6. April 2024 um 19:00

Zuletzt stiegen Investitionen regionaler Unternehmen in anderen Ländern. Doch was bedeutet das? Ein Volkswirt sagt, Investitionen im Ausland können auch den Standort Deutschland stärken. Eine Studie belegt, dass vor allem die schlechte Stimmung im Land Anreize für Auslandsinvestitionen sorgt. Das bestätigt ein Amberger Unternehmer.

Das, was die Herding an Filtertechnik herstellt, ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: Das Amberger Unternehmen reinigt mit ihren Produkten Partikel aus Luft und Gasen. „Das ist einerseits aktiver Umweltschutz“, sagt Vorstand Urs Herding. „Andererseits können Partikel aber nicht nur – wie man auf den ersten Blick meinen könnte – Schadstoffe sein“, so der Amberger Unternehmer. Partikel können auch Produkte ihrer Kunden sein: Lebensmittel wie Mehl, Blumensamen, Farbstoffe, aber auch Medikamente. „Wir sind dort dann Teil des Produktionsprozesses unserer Kunden und steigern somit deren Produktivität.“

Etwa 380 der 450 Mitarbeiter sind zwar am Standort Amberg tätig, doch mit Gesellschaften in Belgien, Polen, Frankreich und Italien kennen die Oberpfälzer nicht nur den europäischen Markt – sie sind auch in China präsent. Und investieren.

Herdings Unternehmen ist wie tausende Teil der „Deutschland AG“, dem Motor, der über Jahrzehnte hinweg die abwechselnd dritt- oder viertgrößte Volkswirtschaft der Welt am Laufen hält. Laut einer Studie der Deutschen Industrie- und Handelskammer haben sich die Auslandsinvestitionen im vergangenen Jahr erstmals seit längerer Zeit wieder erhöht. Die Auswertung macht deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen in Deutschland nach Ansicht vieler Unternehmer verschlechtert haben.

Politik ist zu unzuverlässig

„In unserem Umfeld hat sich das Geschäftsklima in diesem Jahr teilweise eingetrübt“, sagt Unternehmer Herding. Es gebe Licht und Schatten: „So sind beispielsweise die USA ein Land, in dem Investitionen aktiv getätigt werden – für uns ist das somit ein Land, das viel Freude im Geschäftsleben bereitet“, sagt Herding. In Deutschland hingegen „verspüren wir eine deutliche Zurückhaltung bei Investitionen. Die Gründe dafür mögen vielschichtig sein“. Zuversicht, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit der Politik würde aus seiner Sicht „aber immens helfen, eine Stimmung zu erzeugen, in der eine positive wirtschaftliche Entwicklung stattfinden kann. Das wäre mein erster Wunsch an die Politik“, so der Amberger Unternehmer.

Sein zweiter wäre ein Abbau von Regularien und Bürokratie. „Warum müssen immer neue Verordnungen geschaffen werden? Leben wir nicht in einem Land, in dem so vieles schon echt gut geregelt ist“, fragt Herding. Komplizierte Verfahren, immer mehr Berichtspflichten: All dies würde Unternehmertum abwürgen und den Blick ins Ausland eher schärfen. „Mein Vorschlag dazu an die Politik: für jede neue Verordnung, jede neue Statistik muss mindestens eine, besser zwei alte abgeschafft werden“, so der Amberger.

Investitionen im Ausland können Deutschland stärken

Wenn Unternehmen aber tatsächlich im Ausland investieren, kann das auch dem Standort Deutschland nutzen. „Unternehmen investieren ja immer mit Blick auf zukünftige Aktionsfelder und Gewinnmöglichkeiten, egal ob sie das im In- oder Ausland tun“, sagt Jürgen Jerger, Professor für Volkswirtschaft an der Uni Regensburg. „Und das ist positiv für die deutsche Wirtschaft insgesamt, auch dann, wenn diese Aktionsfelder im Ausland liegen.“ Eine Regel, wann eine Investition am Standort Deutschland besser ist und wann im Ausland, gibt es für Unternehmen nicht, sagt Jerger: „Forschung und Entwicklung kann in Deutschland attraktiver sein, einfach weil hier die entsprechend qualifizierten Kräfte verfügbar sind. Und die Produktion gut eingeführter Produkte kann woanders billiger sein wegen niedrigerer Löhne“, erklärt der Volkswirt.

Günstigere Löhne im Ausland, qualifizierte Kräfte hierzulande

Je nach Produkt und Serviceintensität spiele natürlich auch die Nähe zum Endkunden eine Rolle, „sodass eine Markterschließung ohne Investitionen vor Ort gar nicht vorstellbar ist“. Regionale Global Player wie etwa Krones wissen das. „Auslandsinvestitionen führen eben nicht dazu, dass im Ausland eine Kopie des inländischen Standorts entsteht, vielmehr ist die Definition konkreter Aufgaben an den verschiedenen Standorten die zentrale Managementaufgabe“, so Jerger.

Zusätzliche Impulse durch Erschließung neuer Märkte

Das sieht man auch bei der DIHK auf Grundlage der Studie so. „Die Erschließung neuer Märkte sorgt grundsätzlich für zusätzliche Impulse bei Investitionen und Beschäftigung im Inland. Über lange Jahre kommen und kamen Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen immer auch dem Standort Deutschland zugute”, sagt Ilja Nothnagel, Mitglied der DIHK-Hauptgeschäftsführung. „Doch das Blatt ist dabei, sich zu wenden: Immer mehr Betriebe investieren mittlerweile im Ausland, weil für sie der Standort Deutschland zu teuer und kompliziert ist“, sagt der DIHK-Vertreter. „Die wandern auf Kosten des Standorts Deutschland ab. Das ist ein alarmierendes Signal und zeigt, dass Deutschland als Produktionsstandort wieder attraktiver werden muss.“ Von den Industrieunternehmen mit Plänen fürs Ausland nannten 35 Prozent „Kostenersparnis“ als Hauptmotiv. „Einen solch hohen Wert gab es zuletzt im Jahr 2008“, so Nothnagel.

Standort Deutschland stand schon besser da

„Der Standort Deutschland stand in der Tat schon besser da“, sagt auch Volkswirt Jerger. Die relevanten Stichworte seien „Bürokratie, Abgabenlast, Planungsunsicherheit gerade auch in der Automobilindustrie und Energiekosten sowie das allerdings politisch nur schwer an der Wurzel zu packende Problem der demografischen Entwicklung“, so der Experte. Aber Auslandsinvestitionen würden nicht getätigt, weil im Inland schlechte Bedingungen herrschen, „sondern weil sich auch im Ausland Möglichkeiten auftun“.

Auto- statt Zuckerfabrik

‚Selbst wenn konkrete Tätigkeiten etwa wegen geringerer Lohnkosten vom Inland ins Ausland abwandern würden, sei das nicht per se ein Nachteil. „Gerade in Zeiten eines hohen Beschäftigungsgrades wird dadurch Arbeitskraft von weniger produktiven in produktivere Felder gelenkt und so die wirtschaftliche Situation verbessert“, so Jerger. In Regensburg war dafür laut dem Volkswirt das Ende der Zuckerfabrik im Stadtosten ein Beispiel. „Die dort Beschäftigten hatten größtenteils keine Mühe, zum Beispiel in den Automobilsektor abzuwandern“.

Unternehmer Herding sagt, Deutschlands Wohlstand basiere auch auf dem internationalen Erfolg. Doch die Rahmenbedingungen müssten wieder besser werden. „Dann brauchen wir auch keine Subventionen. Dann kann die Wirtschaft sich entfalten.“