Vermisste Chiara im Iseosee: Eltern setzen letzte Hoffnung auf besondere Hundestaffel

Von Isolde Stöcker-Gietl · 6. April 2024 um 12:15

Im September ertrank die 20-Jährige aus Hemau (Landkreis Regensburg) bei einem Bootsunfall im italienischen Iseo-See. Ihre Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Jetzt rückt eine besondere Hundestaffel an – für deren ehrenamtlichen Einsatz bitten die Eltern um Unterstützung.

Im Februar haben Familie und Freunde im Gedenken an Chiara deren 21. Geburtstag gefeiert. Mit Kuchen, mit ihren Lieblingsgerichten und mit T-Shirts, die sie mit einem Foto der hübschen jungen Frau bedruckt haben. „Team Kiki“ steht darauf. Kiki, so haben sie die lebenslustige, angehende Studentin der Philosophie immer genannt. Im September starb Chiara bei einem Bootsunglück auf dem Iseo-See in Italien. Bis heute wurde ihre Leiche nicht gefunden. Jetzt möchten ihre Eltern Irena und Markus Lindl aus Hemau (Landkreis Regensburg) noch einen letzten Versuch unternehmen, um sie zu bergen und zu beerdigen. Dafür brauchen sie Unterstützung.

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Die Lindls haben schreckliche Monate hinter sich. Nach dem tödlichen Unfall von Chiara starben zwei weitere Familienangehörige innerhalb weniger Wochen. „Schlimmer kann es kaum noch werden“, sagt Irena Lindl und schaut auf die Erinnerungsfotos, die sie auf dem großen Esstisch aufgestellt hat. Unter Chiaras Foto liegen ihre Ohrringe. „Glitzer hat sie geliebt“, sagt ihre Mutter. Daneben steht eine Kerze. Freunde haben sie mitgebracht. Auf der Kerze sind alle Dinge, die der jungen Frau wichtig waren, mit Wachsplättchen dargestellt: Tiere, ihr Auto, ihr Interesse an Themen zwischen Himmel und Erde, die nicht erklärbar sind. „Sie hat sich viel mit spirituellen Themen beschäftigt und sie hatte keine Angst vor dem Tod“, sagt Irena Lindl. Kikis Lieblingssong stammte von Makko: „Das Leben ist zu kurz, um Angst zu haben.“ Darin heißt es: „Wieso red' ich so mit dir, Baby? Wieso bin ich so fies? Ich nehm' nichts für selbstverständlich – vor allem nicht Leute, die ich lieb'.“

Sie starb, als sie glücklich war

Für die Eltern ist es ein Trost, dass die 20-Jährige in einem Moment starb, in dem sie besonders glücklich war. Chiara hatte mit Freunden auf dem Campingplatz in Pisogne Urlaub gemacht. An jenem 1.September 2023 machte die Gruppe von sechs jungen Leuten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren – darunter auch Kikis Schwester – in Begleitung des Sohns des Schnellbootes-Besitzers eine abendliche Tour über den See. Es gab auch Alkohol. Chiara, die am Bug stand, verlor plötzlich das Gleichgewicht und ging über Bord. Dabei, so die Vermutung der Einsatzkräfte, schlug sie wohl mit dem Kopf gegen das Boot. In der Dunkelheit suchte die Gruppe verzweifelt nach ihr. Doch Chiara tauchte nicht mehr auf. „Sie war wohl sofort bewusstlos und hat nichts mehr mitbekommen“, sagt Markus Lindl. Auch dieser Gedanke hilft der Familie in der schweren Zeit. Die ältere Tochter mache sich jedoch große Vorwürfe, dass sie nicht besser aufgepasst habe, sorgen sich die Eltern.

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Bei der Regensburger Staatsanwaltschaft wurde in der Sache ein Vorermittlungsverfahren angelegt, um die italienischen Ermittlungen gegebenenfalls zu begleiten, teilte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher auf Anfrage mit. Ein Rechtshilfeersuchen der italienischen Behörden liege aber derzeit noch nicht vor. Die Ermittlungen in dieser Sache führen weiterhin die Carabinieri in der Lombardei. Es sei aber beabsichtigt, in den kommenden Tagen die Kollegen um Informationen zum Stand des Verfahrens zu bitten, so Rauscher. Kikis Eltern geben niemandem die Schuld an der Tragödie. Die Gruppe habe gefeiert. Es sei Schicksal gewesen. Die Lindls haben sich inzwischen therapeutische Hilfe gesucht und auch die Gespräche beim Verein „Verwaiste Eltern“ seien eine große Unterstützung, sagen sie.

Doch was ihnen fehlt, ist ein Grab. Wochenlang hatten italienische Suchmannschaften der „Gruppo Volontari del Garda“ mit Tauchrobotern und Sonargeräten das Gelände durchkämmt, auch Hubschrauber waren im Einsatz, doch wettberbedingt mussten sie nun pausieren. Der See ist an der Unglücksstelle bis zu 120 Meter tief und wird zudem vom Fluss Oglio gespeist. Das bedeutet, dass dicke Äste und sogar Baumstämme angeschwemmt werden, die die Suche erschweren, sagt Chiaras Mutter. „Vielleicht hat sie sich in diesen Naturmaterialien verfangen.“

In den kommenden Wochen werden die Lindls noch einmal eine Suche auf dem Iseo-See initiieren. Unterstützt werden sie dabei von der Technischen Hundestaffel aus dem oberbayerischen Starnberg. Deren Hunde haben eine spezielle Ausbildung und können auch im Wasser Witterung aufnehmen. Vier bis sechs Hunde und bis zu acht Ehrenamtliche werden anreisen. Die Kosten für den mehrtägigen Einsatz trägt Chiaras Familie, sie hofft aber, dass eine ins Leben gerufene Spendenaktion auf der Internet-Plattform „Gofundme“ die ehrenamtliche Arbeit der Hundestaffel zusätzlich unterstützen wird. Sie ist unter dem Namen „Wassersuchhunde suchen nach Chiara. Letzte Hoffnung“ zu finden. „Für uns wäre es eine besondere Form der Anerkennung der Helfer in Italien und jetzt auch in Deutschland“, sagt Markus Lindl.

„Der letzte Versuch“

Es sei der letzte Versuch, betonen die Eltern. Danach wollen sie abschließen. Mit einer Trauerfeier in Hemau und in Irena Lindls Heimat Tschechien. Mit dem Bürgermeister von Pisogne, Frederico Laini, hat die Familie besprochen, dass sie, sollte Chiaras Leiche nicht gefunden werden, eine Erinnerungstafel am See errichten darf. „Wenn wir es nach Kikis Wunsch gestalten, dann muss da ganz viel Glitzer drauf“, sagt ihre Mutter. „Und dann besuchen wir unsere Tochter jedes Jahr am Iseo-See.“

Info: So arbeitet die Technische Hundestaffel:

Suche: Die Hunde der Technischen Hundestaffel in Starnberg werden zu Vermisstensuchen gerufen. Elf Leichen konnten sie bislang in Gewässern orten. Laut Sprecher Kai Einfeldt war auch eine Person darunter, die über zwei Jahre im Wasser lag.

Mantrailing: Die Mantrailing-Hunde absolvieren ein Spezialtraining für Wassersuchen. Sie fokussieren sich dabei auf den menschlichen Geruch. Die Methode widerlege, dass nach gewisser Zeit nur Leichengeruch wahrnehmbar sei, sagt Einfeldt.

Methode: Am Iseo-See werden die Hunde täglich zwei Mal 20 Minuten vom Boot aus arbeiten. Ziel sei, einen Kegel einzugrenzen, in dem weitere Absuchen stattfinden sollen. Windstille und leichter Regen würden den Hunden bei der Suche helfen.

Spenden: Die Eltern von Chiara haben für die Hundestaffel auf Gofundme eine Spendenaktion gestartet. Das Spendenkonto lautet: Irena Lindl, IBAN: DE57 2004 1111 0845587500, BIC:COBADEHDXXX, Verwendungszweck: Iseo Spende.

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