Peter Burnickl aus Velburg berichtet von seiner Firmeninsolvenz und dem Leben danach

Von Markus Rath · 2. April 2024 um 17:00

Peter Burnickl aus Velburg galt als Vorzeigeunternehmer. Die Unternehmensgruppe Burnickl Ingenieure wuchs – doch im April 2023 kam der große Knall. Insolvenzantrag, Investorensuche, am Ende das Aus. Im Gespräch erzählt Burnickl nun von seinem Leben nach der Insolvenz, wie es dazu kam und wie er den Neuanfang wagt.

Herr Burnickl, die Meldung von Ihrer Insolvenz im April 2023 war für viele Menschen eine absolute Überraschung, ich möchte sogar sagen ein Schock. Was ist schiefgelaufen?

Peter Burnickl: Das ist wahrscheinlich die Frage, die ich in den letzten zehn Monaten am öftesten gehört habe. Am Ende liegt die Antwort, so unlogisch das klingt, in unserer Erfolgsgeschichte. Wir sind ein Stück weit unter die Räder gekommen.

Inwiefern?

Burnickl: Wir waren ja immer total erfolgsverwöhnt. Deswegen sind wir auch so stark gewachsen. Angefangen haben die Probleme mit Corona, wobei ich die Insolvenz jetzt nicht darauf schieben möchte. Das wäre zu einfach. Unsere Branche arbeitet nach der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure. Das bedeutet: Unsere Leistungen werden pauschal nach der Bausumme und der Komplexität ermittelt. Wir wissen aber nicht, wie ein Auftrag läuft. Wird er gut oder schlecht? Dauert das Bauvorhaben zwei oder vier Jahre oder wird es bei einem öffentlichen Auftraggeber einfach noch mal verschoben. Und auf einmal habe ich ein Honorar von zum Beispiel 500.000 Euro nicht nicht mehr auf zweieinhalb Jahre, sondern auf vier Jahre. Das bedeutet aber im Wesentlichen nicht, dass man nichts mehr arbeitet, sondern es dauert halt einfach länger.

Und die Corona-Jahre haben diese eh schon gefährliche Ausgangslage verschärft.

Burnickl: Richtig. Am Ende war es ein Sammelsurium an gemeinsamen Ereignissen: Preissteigerungen, immense Bauzeitverzögerungen und der plötzliche Stopp des KfW-55-Programms haben in der ganzen Baubranche eine Kettenreaktion ausgelöst. Und wir waren das erste Glied in der Kette.

Kleine Rücklagen als junges Unternehmen

Was haben Sie getan, als Sie dieses Unglück quasi auf das Unternehmen zukommen sahen?

Burnickl: Wir haben natürlich versucht, das Unternehmen noch zu sanieren, aber uns ist einfach die Zeit ausgegangen. Zünglein an der Waage waren dann immense Zahlungsausfälle, die verhindert haben, dass wir das Ruder herumreißen. Denn als relativ junges Unternehmen hat man natürlich nicht so große Rücklagen. Und damit stand für mich der schwere Gang an, wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anzumelden. Wir haben trotzdem noch alle fälligen Rechnungen bezahlt, wir waren nicht zahlungsunfähig.

Die Investorensuche im Insolvenzverfahren war nicht erfolgreich. Warum?

Burnickl: Wir hatten mehrere Interessenten. Aber, was natürlich auch verständlich ist: In dem Moment, an dem ich den Insolvenzantrag stelle, fangen die Mitarbeiter – natürlich von Angst getrieben – an, Bewerbungen zu schreiben. Und da wir ja das erste Glied in der Kette waren, haben die Leute sofort gute Jobangebote bekommen. Ich kann sagen, dass die wenigsten, die weggegangen sind, sich verschlechtert haben. Gleichzeitig ist es aber so, dass wir als Dienstleister keine besonderen Werte wie Maschinen, Anlagen oder einen Fuhrpark haben, sondern nur Mitarbeiter.

Genug Arbeit , aber kein Geld und keine Leute

Und die waren eigentlich unfassbar schnell weg.

Burnickl: Genau. Und dann stehst du halt irgendwann da und musst 200 Bauvorhaben, die früher auf 100 Mitarbeiter verteilt waren, mit 50 schaffen. Und dadurch wird halt eine Sanierung irgendwann schwierig. Obwohl es ja nicht so war, dass wir keine Arbeit hatten. Das ist ja das Verrückte. Das Problem war einfach, dass einigen Kunden das Geld ausgegangen ist. Wir haben keinen Zahlungseingang verbucht oder nicht genug.

Wann war Ihnen klar, es ist vorbei?

Burnickl: Wir haben am 26. April Insolvenz angemeldet. Ende Juni war klar, die Investoren, die Interesse bekundet hatten, ziehen sich zurück. Das war der absolute Tiefpunkt. Dann weiß man, es geht nicht weiter.

„Man hat jahrelang zusammen an etwas Großem gearbeitet. Wenn das zusammenbricht, ist man am Boden.“ Peter Burnickl, Unternehmer

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Burnickl: Ich bin ja grundsätzlich ein total optimistischer Mensch. Ich weiß ja, was ich kann. An Selbstvertrauen mangelt es mir nicht. Aber natürlich ist das beruflich das Schlimmste, was passieren kann. Wenn man sieht, wie die Mitarbeiter weggehen, die einem wirklich ans Herz gewachsen sind. Man hat jahrelang zusammen an etwas Großem gearbeitet. Wenn das zusammenbricht, ist man am Boden.

Sie sprechen jetzt viel über die berufliche Seite. Hatte die Situation auch Auswirkungen auf den privaten Bereich?

Burnickl: Immense. Wenn Sie jemanden aufs Oktoberfest einladen zum Feiern, geht jeder mit. Wenn man auf einmal ein Problem hat, wird es schon dünn. Zudem ist man natürlich Gesprächsthema Nummer eins, gerade im ländlichen Raum.

Ängste um die Zukunft der Familie

Und man kann nicht abtauchen.

Burnickl: Nein. Mein Name steht im Firmennamen, ich bin verantwortlich, wer auch sonst. Dazu kommt, dass die Familie, wenn ich der Ernährer bin, darauf angewiesen ist, dass ich wieder ein Einkommen habe. Also spürte ich durchaus auch Ängste. Aber das Schlimmste war, glaube ich, einfach zu sehen, dass das, was man jahrelang aufgebaut hat, am Ende zerschlagen wird.

Sie selbst sprechen von einer „Achterbahnfahrt“, wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken. Wie meinen Sie das?

Burnickl: Weil es neben den vielen wirklich negativen Erlebnissen auch viele solche gab, die unheimlich viel Mut gemacht haben. Es sind in dem Moment irrsinnig viele Menschen auf mich und meine Familie zugekommen und haben mir ihre Hilfe angeboten. Obwohl viele, ähnlich wie bei einem Trauerfall, vielleicht nicht gewusst haben, wie sie jetzt damit umgehen sollen, oder wie sie uns ansprechen sollen. Es sind zum Beispiel alte Freunde von mir wieder auftaucht, die ich schon 20 Jahre nicht mehr gesehen habe, und haben gesagt: „Ich hab das in der Zeitung gelesen, ich bin da.“ Auch deshalb habe ich mir gesagt, ich stecke jetzt nicht den Kopf in den Sand.

Das führt uns dann zu dem Tag, als die ganze Geschichte vorbei war. Zu dem Moment, als Sie wussten, es wird kein Happy End mehr geben. Was haben Sie gemacht?

Burnickl: Ich werde das nie vergessen, das war an einem Montag in der Früh. Da war ein potenzieller Investor bei mir und dann war einfach klar, der zieht sich zurück. Erst einmal war ich in so einem Nirwana, in so einem luftleeren Raum. Aber ich bin im Wesentlichen ein sehr rationaler Mensch. Und dann habe ich mir sofort die Frage gestellt: Was mache ich jetzt?

Urlaub, durchschnaufen, ein Sabbatical. Welche Antwort haben Sie gefunden?

Burnickl: In Wahrheit habe ich nicht einen Tag Pause gemacht. Auch, wenn mir das in meinem Umfeld viele geraten haben. Aber das stand nicht auf dem Programm. Das wäre falsch gewesen. Ich bin auch nicht eine Woche lang in Melancholie verfallen. Ich war gleich im Arbeitsmodus und habe versucht, alles, was um mich herum passiert, ein bisschen auszublenden. Mir war klar: Ich habe eine Verantwortung meiner Familie gegenüber. Ich bin 43 Jahre alt und ich werde auf die Beine kommen. Ich habe ja keinen Chef, der sagt: „Peter, mach das jetzt mal.“ Ich habe nur meine Frau, eine tolle Frau, das muss ich sagen, und unsere zwei Kinder.

Gemeinsame Entscheidung mit der Ehefrau

Und mit ihr zusammen haben Sie die Zukunft geplant?

Burnickl: Ich habe es – diesmal mit ihr gemeinsam – im Prinzip genauso gemacht wie 2011, als ich meine Firma gegründet habe. Damals habe ich mich an einen Tisch gesetzt und habe eine Liste gemacht mit Dingen, die ich will, und Dingen, die ich nicht will. Genau das habe ich wieder gemacht. Meine Frau und ich haben uns in Ruhe zusammen hingesetzt und haben gesagt: Okay, was machen wir denn jetzt?

Sie haben sich trotz der Pleite mit Burnickl Ingenieure dafür entschieden, wieder ein Unternehmen zu gründen und nicht die Sicherheit einer Festanstellung, zum Beispiel im öffentlichen Dienst, gesucht. Warum?

Burnickl: Einmal Unternehmer, immer Unternehmer. Dass ich irgendwo in ein Amt gehe oder in eine Bauabteilung bei irgendeiner Firma, das war für mich kategorisch ausgeschlossen. Außerdem bin ich ja jetzt bei meiner Frau angestellt. Sie hat die Pro Bauherr GmbH gegründet, bei der ich als Geschäftsführer arbeite.

„Ich habe durch meine eigene Insolvenz erlebt, welche Schwierigkeiten Bauherren haben, wenn ihnen die Kosten davonlaufen. Damit das nicht passiert, wollen wir als Berater helfen.“ Peter Burnickl über seine neue Firma

Was genau tut dieses neue Unternehmen?

Burnickl: Für mich und meine Frau war sofort klar: Es wird nicht ein Ingenieurbüro. Das Werkvertragsrecht, Vorleistung, lange Laufzeiten, schwere Kalkulierbarkeit – damit wollte ich mich nicht abplagen. Ich war aber – was die wenigsten Leute wissen – in den vergangenen Jahren auch als Projektentwickler und Bauträger aktiv. Und ich habe durch meine eigene Insolvenz erlebt, welche Schwierigkeiten Bauherren haben, wenn ihnen die Kosten davonlaufen. Damit das nicht passiert, wollen wir als Berater helfen.

Wie genau muss ich mir das vorstellen?

Burnickl: Es gibt ein Bauvorhaben und das ist eigentlich auf zehn Millionen Euro budgetiert. Aber plötzlich soll es 15 Millionen Euro kosten. Hier setzen wir an, hier ist unsere Spielwiese. Wir gehen dann in die Planung rein und stellen fest: Wo können wir einsparen, wo gibt es Normen, Richtlinien oder Anforderungen, die dem Bauherren keinen Mehrwert bringen?

Viel Menschenverstand und Quantität

Wie das 20. Sonderprogramm der Waschmaschine, das am Ende eh keiner benutzt.

Burnickl: Das ist ein gutes Beispiel. Oder, vereinfacht gesagt: Brauche ich da eine Dreifachsteckdose oder reicht mir eine Doppelsteckdose? In Wahrheit ist das, was wir machen, natürlich deutlich komplexer. Wir unterstützen die Bauherren, damit die Kosten runterkommen. Und, wenn ich etwas spare, kann ich auch überlegen, ob ich vielleicht mehr in die Qualität investiere. Unser Ansatz ist ein Stück weit gesunder Menschenverstand und Quantität. Wir fragen: Braucht es die Dinge wirklich? Brauche ich zwingend einen Natursteinboden? Da gibt es tausend Möglichkeiten.

Wer nutzt diese Beratungsleistung, die Sie anbieten?

Burnickl: Vor allem Projektentwickler. Oder Investoren, die ein größeres Bauvorhaben umsetzten wollen.

Auch der kleine Häuslebauer?

Burnickl: Nein. Die Bauvorhaben, die wir betreuen, fangen, wie vorher beim Ingenieurbüro, beim Sonderbau an. Da muss die Investitionssumme schon sieben- oder achtstellig sein. Denn darunter fehlt auch das Verständnis dafür, dass das, was wir machen, auch etwas kostet. Außerdem ist der Häuslebauer auch deshalb die falsche Zielgruppe, weil die meisten ja ihr Lebenswerk errichten. Da will man nicht sparen und verzichten. Deshalb gehen wir in erster Linie auf größere Wohnungsbauten und solche Objekte, wo man eine hohe Multiplikation hat. Zum Beispiel bei Hotels oder Pflegeheimen macht unser Ansatz richtig Sinn. Und das ist echt erstaunlich, was da möglich ist.

Dann war der Neuanfang für Sie der richtige Schritt?

Burnickl: Das empfinde ich so. Das, was wir machen, trifft den Nerv der Zeit. Außerdem gibt es keinen nennenswerten Wettbewerb. Denn unsere Beratungsleistung gibt es am Markt fast nicht. Aber vor allem bringt mir die Arbeit positiven Stress. Der Bauherr freut sich, wenn wir kommen, weil dann sinken seine Kosten.

Warum ist Ihnen dieser Effekt Ihrer Arbeit so wichtig?

Burnickl: Ich habe durch die Insolvenz auch viel Negatives erlebt und möchte, dass andere davon verschont bleiben. Es gibt ja im Moment viele Insolvenzen bei Projektentwicklern und Bauträgern. Viele haben natürlich früher viel Geld verdient, sie haben aber auch Wohnraum geschaffen. Und wir haben einen Wohnungsnotstand. Wenn ich da einen Beitrag leisten und den einen oder anderen von einer Insolvenz verschonen kann, weil sein Bauvorhaben um 20 Prozent günstiger wird, dann habe ich da eine riesige Positivwelle. Zu wissen, dass ich einen Mehrwert schaffe, bringt mir einfach tagtäglich ein schönes Arbeitsumfeld.

„Unser neues Büro ist mein Elternhaus. Ich bin quasi ein bisschen zu meinen Wurzeln zurückgekehrt.“ Peter Burnickl, Unternehmer

Sie klingen wahnsinnig zufrieden mit dem Neustart. Ist damit die Insolvenz vergessen und alles wieder gut?

Burnickl: Man muss das Ganze schon sacken lassen. Mir ist wichtig, dass inzwischen etwas Ruhe eingekehrt ist. Wir beschäftigen auch nicht mehr 100 Mitarbeiter. Heute sind es acht, die sehr dezentral arbeiten. Unser neues Büro ist mein Elternhaus. Ich bin quasi ein bisschen zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Für mich als Velburger, der ich aus ganzem Herzen bin, ist wichtig, dass unsere ehemalige Firmenzentrale inzwischen verkauft ist und eine tolle Nachnutzung bekommt. Dann habe ich trotzdem, trotz des Scheiterns des Unternehmens oder der Bruchlandung, in Velburg etwas Positives bewirkt. Weil dieser Ort war früher ein Schandfleck, jetzt ist dort ein schönes Büro. Das war jahrelang quasi unsere Heimat, sieben Jahre lang. Und wenn jetzt da eine schöne Nachnutzung reinkommt und das Gebäude einen Mehrwert für die Bevölkerung und für neue Eigentümer stiften kann, dann gehe ich trotzdem mit einem Lächeln vorbei. Und wenn es wieder eröffnet wird, kann ich mit einem Geschenkkorb hingehen und Glück wünschen und viel Erfolg. Dann ist der Nächste dran.