Lehrer, Rektor, Schulamtsdirektor: Am 15.April geht Christoph Weigert in den Ruhestand

Lehrer, Rektor, Schulamtsdirektor: Am 15.April geht Christoph Weigert in den Ruhestand. Im Interview-ABC spricht er mit MZ-Redakteurin Katrin Böhm über den Lehrplan, die Zerreißprobe für Lehrkräfte zwischen Unterricht und Sozialarbeit und den Wert musischer Fächer.
A wie auswendig lernen: Was können Sie aus Ihrer Schulzeit selbst noch auswendig?
Meine erste Zeugnisbemerkung: „Christoph neigt zu Schabernack, sein Fleiß wechselt.“ Von Balladen oder Gedichten nur noch Fragmente.
B wie Büchertasche: Ich habe gestern eine Schultasche gewogen: Sie war 9,2 Kilo schwer. Warum müssen Kinder so viel schleppen?
Angesichts dessen, dass kleine Körper nicht auf solche Taschen ausgelegt sind, sollte man schon überlegen, was die Kinder wirklich tragen müssen. Wenn man Bergwandern geht und hat zehn Kilo hinten drauf: Das ist ein ganz schönes Gewicht. Ich würde mich freuen, wenn man stärker darüber nachdenkt, was man Kindern zumuten möchte. Auch durch digitales Arbeiten gibt es viele Möglichkeiten.
Große Unterschiede bei digitaler Ausstattung
C wie Corona: Es war der wohl größte Einschnitt ins Schulleben in den letzten Jahrzehnten. Was lief rückblickend gut, was nicht?
Es war ein Schub dahingehend, dass die Digitalisierung einen Riesenschritt nach vorne gegangen ist. Unterschätzt wurde, wie stark die Auswirkungen der Schulschließungen waren. Natürlich ist man hinterher immer schlauer und wenn man die Bilder von den ganzen Särgen gesehen hat, kann man nachvollziehen, dass da vorsichtig agiert wurde. Wir haben allerdings schon bei den Kindern, deren Eltern sie nicht testen lassen wollten, erkennen können, dass sie riesige Verluste einfahren werden. Da wurde sehr deutlich, was das für Folgen haben wird und zwar in allen Schularten. Das war ein schleichender Prozess, bei dem plötzlich klar wurde: Da ist so viel im Stillen passiert. Das wird uns noch über Jahre hinweg beschäftigen.
„Gezieltes Einsetzen kann sehr gewinnbringend sein und man muss es auch tun, es führt kein Weg daran vorbei.“ Christoph Weigert, ehemaliger Schulamtsdirektor
D wie Digitalisierung: Wie ist es um die multimediale Arbeit bestellt?
Es ist wahrscheinlich sehr unterschiedlich. Wir haben Schulen, die sehr gut ausgestattet sind und intensive Fortbildungsarbeit betreiben. Vielerorts ist digitales Arbeiten selbstverständlich. Momentan wirft es aber Fragen auf, dass manche Länder die Digitalisierung zurückfahren und sich auch Wissenschaftler zurückhaltend äußern. Lehrkräfte befinden sich in einem Zwiespalt. Ich denke: Gezieltes Einsetzen kann sehr gewinnbringend sein und man muss es auch tun, es führt kein Weg daran vorbei. Die Wirtschaft wünscht es und man muss auch die Lebenswelt der Jugendlichen kennen. Wichtig ist: Wir alle brauchen digitale Kompetenz.
E wie Englisch: Wie wichtig ist Englisch in der Grundschule?
Ich halte es für sehr sinnvoll und eine gute Vorbereitung auf das spätere Lernen von Sprachen. Je eher, desto besser. Früher hat man sich im Englisch-Unterricht wenig unterhalten. Wenn ich jetzt beobachte, welche Freude die Kinder daran haben: Das ist eine tolle Sache, die etwas für den Selbstwert und die sprachliche Entwicklung bringt.
Personelle Stabilität im Ganztag nicht immer gewährleistet
F wie Federmäppchen: Was fand man in Ihrem Mäppchen immer?
Chaos. Bei uns hat das ja aber auch Schlampermäppchen geheißen. Und es waren oft Tauschbildchen drin.
G wie Ganztag: Wie wichtig ist der Ganztag – und wie kann ein gewisses Niveau gesichert werden?
Ich bin Vertreter der Ganztags-Schule, meine (Weinbergerstraße, hier war Weigert früher Rektor, Anm. d. Red.) war die zweite in der Oberpfalz, die einen Ganztag hatte, das war schon vor 20 Jahren. Grund war die Vorstellung, Kinder umfänglich fördern zu können. Die Kinder wollen das auch, die sind gern in der Schule, wenn es stimmig ist und die Aufenthaltsqualität passt. Personelle Stabilität wäre hilfreich, ist leider aber nicht immer gewährleistet. Für Schulleitungen ist das sehr schwierig.
H wie Hassfach: Welches Fach wollten Sie als Schüler abschaffen?
Englisch. Das war für mich Stress pur, da kann ich mich heute noch gut erinnern. Es war aber sehr lehrerabhängig.
I wie Inklusion: Funktioniert die Integration von Kindern oder bräuchte es mehr Unterstützung?
Wir haben zwei Schulen mit inklusivem Schulprofil, die Mittelschule West und die Schule in Deining, die sehr erfahren ist und wo alles wirklich gut verzahnt ist. Unterschiede machen nicht die Schüler, sondern die macht die Gesellschaft. Schwierig wird es, wenn man zu sehr separiert. Es ist schon herausfordernd, wenn Konflikte in Schulen hereingetragen werden, wenn es darum geht, mit Andersartigkeit umzugehen. Aber ich brauche die Ressourcen, wenn ich das wirklich schaffen will.
Beziehungsarbeit in den Mittelpunkt rücken
J wie Jugendliche: Können Schulen es schaffen, alle Jugendlichen im Blick zu haben?
Es ist immer die Frage, auf welchem Level. In der Regel wissen Lehrkräfte selbst in großen Klassen genau, wen sie vor sich haben, und analysieren deren Lernvoraussetzungen. Sie versuchen, individualisierend zu arbeiten. Es ist aber schwierig, das in der Intensität durchzuführen, die notwendig wäre, angesichts der Probleme, die manche Jugendliche mit sich herumtragen. Wir müssen Beziehungsarbeit in den Mittelpunkt rücken, nur so können wir Einfluss nehmen. Es wäre vermessen, zu behaupten, dass wir Probleme lösen können, aber man kann zumindest unterstützen und lindern. Die Kinder nehmen das auch wahr und wissen das zu schätzen.
„KI muss mit werteorientiertem Arbeiten verbunden sein.“ Christoph Weigert, ehemaliger Schulamtsdirektor
K wie KI: Wie wird Künstliche Intelligenz die Arbeit an Schulen verändern, wenn Schüler ihre Hausarbeiten von ChatGPT schreiben lassen?
KI wird die Schullandschaft sehr verändern. Wenn ich nicht mehr davon ausgehen kann, dass das, was vor mir liegt, urheberrechtlich sauber ist, ist das schwierig. Wir müssen uns ganz intensiv damit beschäftigen und auch mit den Schülern darüber sprechen. KI muss mit werteorientiertem Arbeiten verbunden sein.
L wie Lehrplan: Was gehört ausgemistet?
Der Lehrplan bietet mehr Freiheiten als man denkt. Ich empfinde ihn als Orientierung mit der Verpflichtung, ihn umzusetzen. Ich habe aber die Freiheit, Schwerpunkte zu setzen. Ich kann mir zum Beispiel überlegen: Muss ich jede Revolution einzeln durchkauen oder erfasse ich stattdessen die Strukturen von Revolution? Man kann auch auf aktuelle Situationen eingehen und zum Beispiel den Schwerpunkt auf demokratische Aspekte legen. Der Lehrplan ist nicht unser größtes Problem.
Keine Overhead-Projektoren mehr im Landkreis Neumarkt
M wie mobile Reserven: Wie sieht es damit aus?
Ich versuche, dass an jeder Schule eine mobile Reserve im Einsatz ist. Das funktioniert in der Regel und Schulen können besser planen. Es ist immer noch schwierig, Personal zu finden, aber wir konnten durch externe Kräfte nachbessern, damit Notfälle kompensiert werden können. Aktuell haben wir 64 Lehrkräfte und 20 bis 25 außerschulische Kräfte, die aber nicht alle Vollzeit arbeiten.
N wie Nutellabrot: Das hätten viele Kinder gern in ihrer Pausenbrotbox – was soll in Ihre rein?
Gummibärchen. In meinem Bereich ist ein gewisser Grad an Zucker unentbehrlich. Ich habe aber auch nichts gegen Karotten oder Äpfel. Heute habe ich Nüsse und Datteln dabei.
O wie Overhead-Projektor: das Gerät, über das sich schon viel Häme ergossen hat. In wie vielen Schulen wird er noch benutzt?
Null. Ich erinnere mich noch, wie ich gelernt habe, wie man Folien motivierend gestaltet und diese durch spannendes Auf- und Abdecken präsentiert. Da meine ich, ich bin in einem anderen Jahrhundert ausgebildet worden.
„Unsere Lehrkräfte machen wirklich einen guten Job.“ Christoph Weigert, ehemaliger Schulamtsdirektor
P wie Privatschulen: Es gibt bei Eltern, die es sich leisten können, einen gewissen Trend zu Privatschulen. Wie beurteilen Sie das?
Ich habe während meiner Studienzeit ein Seminar zu reformpädagogischen Konzepten besucht und mir schon damals gedacht: Wieso kann man das nicht auch an staatlichen Schulen umsetzen? Auch heute sage ich: Vieles, was Privatschulen auszeichnet, hindert nicht daran, es an staatlichen Schulen einzusetzen, etwa Montessori-Elemente. Allerdings haben Privatschulen oft gewisse andere räumliche Möglichkeiten.
Q wie Qualität: Studien zeigen: Viele Kinder haben Probleme mit Deutsch und Mathe – wie gesichert ist die Qualität des Unterrichts?
Das kann man auf keinen Fall pauschal sagen. Man muss die Rahmenbedingungen anschauen. In einem Gebiet, in dem Deutsch bei vielen keine Muttersprache ist, sind die Voraussetzungen völlig andere. Außerdem haben Defizite Gründe verschiedener Art: die Spätfolgen von Corona, die Medienflutung, die Leere, die manche Kinder in sich tragen. Wir versuchen, Kinder so gut wie möglich mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu fördern. Unsere Lehrkräfte machen wirklich einen guten Job.
R wie Referendariat: Ist es zu schwer beziehungsweise wird es jungen Lehrern zu schwer gemacht?
Ich kann nur von uns sprechen, ich kenne alle unsere Seminarleiter und kann nur Unterstützung und Wohlwollen erkennen. Wir versuchen, in Prüfungen für positive Stimmung zu sorgen, denn wir wissen, was wir an jungen Kollegen haben und wollen ihnen einen guten Start ermöglichen. Oft trauen sich Referendare nicht, eine eigene Idee umzusetzen, weil sie meinen, andere Erwartungen erfüllen zu müssen. Aber es geht um Impulse, um Weiterentwicklung und Austausch. Ich bin ja auch immer ein Lernender und total beeindruckt, wenn ich im Unterricht bei jungen Lehrkräften bin.
Schullandheim: Neue Seiten und Stärken bei Schülern entdecken
S wie Schullandheim: Wie wichtig sind Schullandheim-Aufenthalte?
Sie sind elementar, gerade weil sie im außerschulischen Kontext stattfinden. Die neue Umgebung schafft neue Möglichkeiten, vor allem auf der Beziehungsebene. Da kann ich neue Seiten und Stärken bei Schülern entdecken und komme ganz anders mit ihnen ins Gespräch. Und die Kinder brauchen dieses Erleben, den Kontakt zu Menschen und Natur, das Zulassen von Emotionen. Schullandheim-Aufenthalte sind auch eine Chance für Außenseiter, integriert zu werden, weil Schüler ihre Mitschüler besser kennenlernen.
T wie Tafel: Braucht es die grüne Tafel noch?
Es geht nichts über ein gut aussehendes, strukturiertes Tafelbild. Wenn eine Lehrkraft etwas vorbereitet und dann die Tafel aufklappt: Da geht immer noch ein Raunen durchs Klassenzimmer. Es ist anders als ein reiner Bild-Impuls über die Technik. Unterm Strich: Die Mischung macht’s.
U wie Unterricht: Was ist das Schöne am Unterrichten?
Wenn die Kinder Freude daran haben, über sich hinauswachsen und sich über sich selbst freuen. Wenn man das hinbekommt, ist das pures Lehrerglück.
V wie Veränderung: Was war in Ihrer Zeit als Schulamtsdirektor die größte Veränderung, Corona ausgeklammert?
Der Abstand zu den Schülern. Der ursprüngliche Grund, warum man Lehrer geworden ist, ist weg, wenn man nicht mehr in einer Klasse steht. Eigentlich bräuchte ich ein Schild, auf dem steht: Kommt das, was du tust, auch bei den Kindern an?
Musikunterricht: Unentbehrlich für die Persönlichkeitsentwicklung
W wie WLAN: Wann gibt’s endlich WLAN in allen Schulen?
Ich hoffe, dass ich es in meiner Lebensspanne noch in der Zeitung lesen kann.
X wie Xylophon: Wie beurteilen Sie musische Fächer, gerade im Hinblick auf geplante Streichungen?
Sie sind ein ganz wesentlicher Bestandteil zur Persönlichkeitsentwicklung und unentbehrlich, auch für die seelische und psychische Gesundheit. Ich kann mir einen Veränderungsprozess nicht aussuchen, aber ich kann Freiheiten nutzen und auch in anderen Fächern Musik oder Kunst einbinden.
Y wie Yoga: Wie wichtig ist Sportunterricht?
Ich hatte selbst Sport als Schwerpunktfach und mache Yoga. Für mich war Bewegung als Kind und Jugendlicher ein Segen. Über Sport kann man viel Selbstwert und Autonomie ziehen.
Z wie zeitgemäß: Es gibt viel Kritik an der Behäbigkeit des Schulsystems – passt es noch in die Zeit?
Die Grundstrukturen haben sich über die letzten Jahrzehnte gehalten und werden vermutlich auch in Zukunft bleiben. Aber wir werden selbst für die Zeitgemäßheit sorgen. Es ist Aufgabe eines jeden einzelnen, der an einer Schule tätig ist, zu erfassen, was zeitgemäß ist und über Schularten hinweg zu diskutieren: Was brauchen Schüler, um im Leben klar zu kommen? Das herauszufinden, ist elementar und muss im Zentrum stehen. Wenn ich hier einen guten Weg finde, bin ich auch zeitgemäß.