Von München bis New York: Chamer Behindertenwohngruppe bastelt Karten, die auf Reisen gehen

Von Antonia Zuruev · 28. März 2024 um 11:00

Inmitten von Cham, in der Wolfgang-Spießl-Wohnstätte entsteht Großes: Senioren mit Behinderung werden zu Weltenbummlern, ohne ihre Heimat zu verlassen. Mit Liebe und Sorgfalt gestalten sie Karten, die sie „Wanderkarten“ nennen. Diese kleinen Kunstwerke sind mit schönen Bildern und motivierenden Sprüchen versehen und sollen Menschen auf der ganzen Welt vernetzen.

Die Wanderkarten beginnen ihre Reise an öffentlichen Plätzen und laden Finder dazu ein, Teil einer globalen Gemeinschaft zu werden. Jeder, der eine solche Karte entdeckt, wird ermutigt, ein Foto in der entsprechenden Facebook-Gruppe zu teilen, wodurch die Mitglieder der Rentnergruppe die Möglichkeit erhalten, die Reisen ihrer Kreationen aus der Ferne zu verfolgen.

Die Idee entstand mitten in der Corona-Krise. „Unsere Bewohner haben schon immer gerne gemalt und gezeichnet – auch Karten, von denen wir irgendwann einen ganzen Schuhkarton voll hatten. Als die Pandemie kam, mussten sie in ihren Zimmern bleiben und wir wollten ihnen eine Beschäftigung und eine Aufgabe geben“, erinnert sich Betreuerin Andrea Vogl, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Monika Seidl das Wanderkarten-Projekt ins Leben rief. „Eine ehemalige Kollegin hat unseren Bewohnern Wandersteine von einer ihrer Reisen mitgebracht. Da dachten wir uns, dass wir statt Wandersteinen auch selbst Karten mit Bildern und Sprüchen machen könnten – Wanderkarten eben“, so Vogl.

Die weiteste Reise ging nach Kalifornien

Gesagt, getan: Seither zeichnet die Betreuerin gemeinsam mit Melanie, einer Bewohnerin der Wohnstätte, die Bilder vor, die die Mitglieder der Seniorengruppe liebevoll ausmalen. Unter den Motiven finden sich lustige Tiere, schräge Vögel und Blumen. Vor dem Laminieren werden die Unikate mit Zitaten versehen. „Für uns ist es wichtig, dass die Leute ein Lächeln im Gesicht haben, wenn sie die Karten finden“, sagt Vogl.

Schon bald gingen die kleinen Kunstwerke auf große Reisen. Am 19. April 2022 riefen die Betreuerinnen die Facebook-Gruppe „Wanderkarten aus der Oberpfalz“ ins Leben und begannen, die Karten an Bekannte und Interessierte zu verteilen. Inzwischen hat die Gruppe über 300 Mitglieder, die die Wanderkarten auf ihre Reisen mitnehmen und auf dem gesamten Globus verteilen – darunter Schottland, Ägypten, Kroatien, Großbritannien und die USA. „Die weiteste Reise ging unserem Wissen nach nach San Diego in Kalifornien“, zeigt sich Vogl stolz.

Auch die Hobbykünstler der Wolfgang-Spießl-Wohnstätte verfolgen die Reisen ihrer Wanderkarten mit großer Begeisterung. „Einige unserer Bewohner haben selbst Facebook und freuen sich jedes Mal, wenn jemand ein neues Foto in die Gruppe postet“, so Vogl.

Karten mit Oster-Motiven sind in der Produktion

Mittlerweile hat die Rentnergruppe rund 2000 Wanderkarten gestaltet und in Umlauf gebracht. Doch damit ist noch lange nicht Schluss. Aktuell arbeiten die Senioren bereits an neuen Motiven. Passend zu Ostern können sich die Finder über Bilder vom Osterhasen, Frühlingsblumen und Schafen freuen.

„Es kommt häufig vor, dass den Leuten die Motive auf unseren Karten so gut gefallen, dass sie die Wanderkarten gar nicht mehr hergeben wollen. Damit haben wir kein Problem. Dann reisen sie eben mit ihren neuen Besitzern durch die Welt, werden als Lesezeichen benutzt oder auf Kühlschränke gehängt“, erklärt Andrea Vogl. „Ein Mann bekam beispielsweise eine Karte in die Hände, auf der ein Bärchen drauf ist. Er wollte diese Karte unbedingt selbst behalten“, erinnert sich Vogl. Inzwischen war das niedliche Tier sogar bei der Freiheitsstatue in New York zu Besuch, was zur großen Freude der Urheber mit einem schönen Erinnerungsfoto in der Facebook-Gruppe verewigt wurde.

„Manche Wanderkarten, die wir an die Leute bringen, tauchen erst nach einem oder zwei Jahren ganz plötzlich in unserer Facebook-Gruppe auf. Hauptsache die Finder haben Spaß und behandeln die Karten mit Respekt“, sagt Monika Seidl.

Wer ebenfalls eine einzigartige Wanderkarte im Landkreis ergattern möchte, wird unter anderem in der Chamer Klosterapotheke, im Radlcafé in Arnschwang und im Mehrgenerationenhaus Waldmünchen fündig.

Monika Seidl und Andrea Vogl (v. li.) sind stolz auf die Kreationen der Wohngruppe. Foto: Antonia Zuruev
Diese Wanderkarte ging auf Reise und wurde neben dem Münchner Rathaus verewigt. Foto: Kathrin Ifftinger
Die Hobbykünstler haben bereits neue Karten gebastelt, die schon bald auf Reisen gehen Foto: Antonia Zuruev