Ein Regensburger Original in Schieflage: „Der beste Kiosk der Altstadt braucht Hilfe“

Das Aus des Brook Lane Hostels in der Oberen Bachgasse in Regensburg ist besiegelt. Nun kämpft Inhaberin Nina Gundel um die Zukunft des dazugehörigen Böller Altstadtmarktes – mit Herzblut, neuen Öffnungszeiten und einer Spendenaktion.
Vormittags im Böller. Die Tür zum Kiosk hakt, aber das seit Monaten. Drückt man nur fest genug, bimmelt die Türglocke. Drin sitzt Michi. Er wohnt im Hostel über dem Laden. Zu ihm gesellen sich Hündin Püppi und Stammkunde Peter, aber erst lässt er sich einen Espresso aus der Siebträgermaschine, die hinter dem Verkaufstresen steht. Inhaberin Nina Gundel ist natürlich auch da. „Die Hälfte meiner Kunden kann selber kassieren, damit ich mein Strickzeug nicht weglegen muss“, erklärt sie und lacht. Wer hier einkauft, wird auch mal als Schätzchen oder Hase begrüßt. Das ist Kundennähe im Millimeterbereich. Doch in der Wohlfühloase kriselt es. „Ich hab’ nix mehr“, sagt Gundel. „Bis zum Erbrechen“ habe sie sich verschuldet. Eine Spendenkampagne soll ihren Laden retten.
Seit rund 20 Jahren gibt es den Kiosk an der Ecke zur Obermünsterstraße. Er ist eine Institution im Viertel. Vor knapp drei Jahren übernahm Nina Gundel den Laden – zusammen mit dem Brook Lane Hostel in den Räumen darüber. Und genau da liegt das Problem. Die Unterkunft habe sich nach Corona nicht mehr erholt, sagt die 34-Jährige. Mittlerweile vermietet sie die drei Zimmer dauerhaft an Freunde. Das Gewerbe will Gundel abmelden. „Ich habe so viel Geld ins Hostel gesteckt, dass ich den Böller kaum noch halten kann.“
Regensburg: Spendenaktion für den Böller Kiosk – 7000 Euro sind das Ziel
Anfang des Jahres stand die Kioskbetreiberin vor leeren Regalen. „Ohne Umsatz kann ich keine Ware kaufen, ohne Ware kann ich keinen Umsatz machen. Es war wirklich grausam“, berichtet die Regensburgerin. „Scheiß drauf“, dachte sich Gundel und startete auf der Plattform GoFundMe eine Spendenkampagne. „Der beste Kiosk der Altstadt braucht Hilfe“, so der Titel. 1850 Euro sind Stand jetzt zusammengekommen, 7000 Euro das Ziel.
Was hat es gebracht? „Viel fehlt nicht mehr“, sagt Gundel – meint damit aber nicht die Schuldenfreiheit, sondern ein mögliches Aus ihres Kiosks. „Es ist schon ziemlich mies.“ Privatinsolvenz anmelden, das kommt für die 34-Jährige nicht in Frage – auch mit Blick auf ihre Gläubiger. „Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Lieber stottere ich das zehn Jahre lang ab. Ich habe die Schulden angesammelt, ich zahle sie auch ab.“
Ab April passt Gundel die Öffnungszeiten an. Statt um 8 will sie um 10 Uhr aufsperren, abends um 18 statt 20 Uhr Schluss machen. „Das ist ein bisschen schade. Ich muss vorerst mal vom Gas runter, in der Hoffnung, dass sich alles ein bisschen erholt.“ Gundel, die bisher 50 bis 60 Stunden pro Woche in ihren Laden gesteckt hat, steigt auf eine Viertagewoche um. Dafür hat sie sich einen Nebenjob gesucht.
Böller Altstadtmarkt in Regensburg: „Kiffer-Sortiment“ zur Cannabis-Legalisierung geplant
Einmal die Woche soll es künftig „Spiele, Spaß und Spenden“ in geschlossener Runde geben. Zudem will Gundel ihr „Kiffer-Sortiment“ pünktlich zur Cannabis-Legalisierung erweitern und Regale ins Schaufenster stellen, auf denen Dritte ihre Produkte gegen eine kleine Miete verkaufen können. Raus kommt dafür die „dicke Lottosäule“. Das Geschäft mit dem Glücksspiel habe nicht viel eingebracht, erklärt Gundel. Auf den Verkauf offener Lebensmittel will die 34-Jährige auch weiterhin verzichten – um Tiere nicht aussperren zu müssen. Es kann schon mal vorkommen, dass Katze Minos – sie gehört einem der Hostel-Dauermieter – auf dem Verkaufstresen Platz nimmt.
Ihren Laden beschreibt Gundel als „Jugendzentrum für Erwachsene“. „Wenn du einen schlechten Tag hast, dann kommst du vorbei, kaufst dir eine Schachtel Kippen, hockst dich hier mit hin. Ich mach dir einen Kaffee und wir reden darüber“, erklärt sie die Kultur. „Das ist mehr als ein Kiosk“, sagt sie. Er sei wichtig für das Viertel. Sie und die „Mädels“, wie Gundel ihre beiden Mitarbeiterinnen nennt, liebten den Laden. „Der Böller ist unser Headquarter.“
Einen Lichtblick gibt es: Mit jedem Tag, an dem das Wetter frühlingshafter wird, steige der Umsatz im Böller ein bisschen, freut sich Gundel. „Vielleicht, vielleicht, mit ganz viel Glück“ könne sie im Sommer wieder zu den gewohnten Öffnungszeiten zurückkehren, sagt sie. Aufgeben sei keine Option. „Ich habe so viel Liebe für meine Jungs, die oben wohnen, für meine Stammkunden, für meinen Laden.“