Original im Ruhestand: Wie geht es dem langjährigen Chef der Regensburger Dombauhütte?

Er war bekannt als Chef der Regensburger Dombauhütte. Wie geht es ihm im Ruhestand? Ein Porträt über ein Original der Stadt.
Auf den Putz hat Helmut Stuhlfelder nie gehaut. Musste er auch nicht. Denn am Ende hat er es doch in die Weltpresse geschafft. In einem großen Bericht über den „Regensburger Dom, eine Dauerbaustelle“ stand da zu lesen: „Stuhlfelder ist ein freundlicher Mann mit Rauschebart, mit in den Nacken gekämmten Resthaaren. Ein Regensburger Original, wie man so sagt.“ Recht viel mehr hatte man bis dato nicht über Stuhlfelder lesen können. Er war Chef der Dombauhütte. Punkt.
Die Schlüssel hat er kurz danach an seinen Nachfolger Matthias Baumüller abgegeben, es war „ein kollegialer Übergang“, wie er sagt. In Oberndorf, Donaustraße, sitzt Stuhlfelder am großen Holztisch in der Küche. Zur Feier des Tages trägt er das schwarze T-Shirt mit dem Logo Dombauhütte Regensburg. In der Stube ist es wacherlwarm. Das macht das lustige Feuer, das im Küchenherd prasselt. Das Holz stammt aus seinen eigenen Wäldern.
Doch in seinem Herzen ist es kühler geworden. Nach dem Tod der Frau 2017, dem Tod der Schwiegermutter 2020, fühlt er sich etwas verloren. „Zu sechst sind wir dagesessen, jetzt sitz ich allein da.“ Die Jungen, zwei Söhne und die Tochter, sind ausgeflogen. Nur er stellt noch die Füße unter seinen Tisch. Mit seinen 67 Jahren ist er eine Ausnahmeerscheinung. „Kein Stuhlfelder ist so alt geworden“, sagt er.
„Meine Frau hat mich nie ohne Bart gesehen.“ Ausschlaggebend für Rauschebart und frei wallendes Haar sei ein Bauer aus seinem Geburtsort Matting. Der habe den Buben die Haare geschnitten und „so mit der Schere gezwickt, dass ich aus Protest mein Lebtag keinen mehr an meinen Kopf gelassen hab“.
Die Ahnen waren Fährleute
Fast 50 Jahre waren der Dom und das Donaudorf seine Heimat. In dieser seiner Beständigkeit, der „stabilitas loci“, macht er einem Benediktiner-Mönch Konkurrenz. Geboren in Matting, geheiratet nach Oberndorf. Seine Vorfahren, eingewandert aus Stuhlfelden bei Zell am See, betrieben die Emmeramer Fähre in Prüfening.
Bis zur Säkularisation in Bayern teilten sie sich die Aufgabe mit den Familien Rieger und Hofmeister. Letztere betreiben sie noch heute als Motorfähre. 1820 zogen seine Vorfahren als Fährleute ein Dorf weiter stromaufwärts, exakt an Flusskilometer 2391. Die Gierseilfähre ist heute die einzige ihrer Art weit und breit. Stuhlfelder führt Buch über die Geschichte seiner Heimat und seiner Familie.
Zu 90 Prozent besitzt Helmut Stuhlfelder alle Sterbebilder der Mattinger und Oberndorfer, dazu Grabreden und Hochzeitsbilder, abgelegt in sechs voluminösen schwarzen Kartons. „Damals ging im Dorf jeder jedem auf die Hochzeit.“ Und „z’Matting“ wurde beim alten Fänderl gefeiert.
Wo er herkommt weiß er und wo er einmal hingehen wird auch. Im Friedhof, zwei Häuser weiter, muss er auf dem Grabstein nur noch seinen Namen einsetzen. „Hier ruhen“, steht da in gotischen Lettern, die er selbst geschlagen hat. Vorausgegangen ist seine geliebte Gabriele. Der Grabstein, gemacht um 1900, ist neugotisch und stammt von einem aufgelassenen Grab am Oberen katholischen Friedhof. Wie ein Dom überragt er alle. Fialen und die Kreuzblume krönen die Patronin der Steinmetze, die Heilige Barbara.
Er stand schon Jahre im Domgarten. Seine Leute wussten, das wird der Grabstein vom Chef. Er wird auch, als Foto, sein Sterbebild schmücken. „Es gibt keinen schöneren Baustil auf der Welt als die Gotik.“ Die Geheimnisse des Doms, die er in den Jahren entdeckte, hätten ihn regelrecht „geflasht“, sagt er. Wäre dieser „himmelhohe poetische Gedanke“ (Heinrich Laube) heute noch denkbar? Stuhlfelder: „Die Leute haben an Gott geglaubt. Heute würde man hier wahrscheinlich ein Parkhaus hinstellen.“
Bei aller Begeisterung für die Gotik: Stuhlfelder ist bodenständig. Aus seinem holzbefeuerten Küchenherd kommen der wahrscheinlich beste Schweinsbraten von Oberndorf, dazu alle Arten Strudel und Maultaschen. Das wissen seine ehemaligen Kollegen am besten. Sie lieben ihn dafür. Zu jedem ihrer Geburtstage laden sie ihn in die Dombauhütte ein, vielleicht auch, um ihm etwas zurückzugeben. „Zu jeder Weihnachtsfeier dort hab ich ein Drei-Gänge-Menu gekocht.“
Im Winter hieß es jeden Donnerstag: Heut kocht der Chef. Im Sommer blieb die Küche kalt. Da kraxelte Stuhlfelder mit seinen Leuten auf dem Dom herum. „Der nordöstliche Pfeiler war mein Hauptding“, sagt Stuhlfelder. Doch die Kreuzblume am Nordturm sei seine schönste Arbeit gewesen. Gern erinnert er sich an den 15. November 1999, als auf der Domspitze Regierungspräsident Wilhelm Weidinger ganz exklusiv seinen 60. Geburtstag gefeiert hat.
Vorbei! Zurückgezogen lebt Stuhlfelder zwischen Kirche und Wirtshaus, zwischen Berghammer und Mariae Himmelfahrt. Von seinem Küchentisch aus fällt sein Blick in den verträumten Garten. Skulpturen beseelen ihn und ein Türrahmen aus Stein verleiht Perspektive. Jede volle Stunde schlägt ihm seine einstige Büro-Uhr. Wenn er Kaffee trinkt, lächeln ihm seine Frau Gabriele und die Schwiegermutter Berta aus den Sterbebildern auf dem Sims zu. Gesellschaft leisten ihm auch die beiden Abgüsse von Judith und Erhard, „ein Weihnachtsgeschenk von meinem ehemaligen Chef“. Richard Triebe war bis Ende der 80er Jahre Dombauhüttenmeister.
Bei ihm hatte der Mattinger Bub Anfang der 1970er Jahre angeklopft und wurde sofort genommen. Es gab Leute, die auf ihn einen guten Blick hatten. Das begann im Alten Schulhaus von Matting, das er später mit dem Freundeskreis Matting gerettet hat. Acht Jahre lang wurde er dort in einem Klassenraum unterrichtet – von einem einzigen Lehrer. Dieser Lehrer Rothammer führte ihn 1970 bei einer Ausstellung des Handwerks im Kolpinghaus an eine Vitrine der Steinmetze und sagte: „Helmut, das wäre das Richtige für dich. Du kannst zeichnen, du kannst basteln. Mach das.“
Schmerzhaften Tribut gezahlt
Stuhlfelder scherte aus. Großvater, Vater, Onkel und Freunde hatten in der bayerischen Maschinenfabrik F. J. Schlageter gearbeitet, dem heutigen Druckgusswerk Wolf. „Den Geruch von Öl und Eisen konnte ich nie leiden.“ Geholfen hat Helmut Stuhlfelder Bürgermeister Wolf. „Matting hatte damals noch einen eigenen Bürgermeister. Der Wolf hat mir gesagt, dass die Dombauhütte in Regensburg Lehrlinge sucht.“ Steinmetz Held in Bad Abbach entließ ihn aus dem Vertrag, den er schon unterschrieben hatte.
Bereits in den ersten vier Wochen seiner Lehrzeit musste er schmerzhaften Tribut zahlen. Zwei vordere Fingerglieder seiner linken Hand kamen unter einen Sandsteinquader und waren verloren. „Ich musste auf Rechtshänder umschulen“, sagt Stuhlfelder. Als 1988 die Stelle des Dombauhüttenmeisters frei wurde, bedrängten ihn die Kollegen, seinen Hut in den Ring zu werfen. „40 Leute hatten sich von außen auf die Stelle beworben.“
Stuhlfelder hat dem Geheimnis nachgespürt und erfahren: Seine Biografie ist älter als er selbst. In ihr kulminieren die Geschichten, Talente und Sehnsüchte all seiner Vorfahren. Wie er später durch seine genealogischen Forschungen herausfand, hat er 1970 instinktiv an die Familientradition angeknüpft. „Emmeram, der erste schriftlich erwähnte Stuhlfelder, arbeitete im 16. Jahrhundert in Regensburg als Steinmetz. Er war reich und angesehen“, zitiert der ehemalige Bauhüttenmeister aus einer Urkunde von 1506. Bei aller Bescheidenheit fügt er an: „Wegen seiner Verdienste wurde der Steinmetz von Kaiser Maximilian in den persönlichen Adelsstand erhoben.“ Keine Angst: Dem Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel des Emmeram von Stuhlfelder reicht ein „Helmut von Oberndorf“ völlig.