Neumarkter Experten stellen fest: „Es ist viel zu einfach, Schulden zu machen“

Von Heidi Bauer · 19. März 2024 um 11:00

Laut Schuldner-Atlas sind die Menschen im Landkreis Neumarkt fast schuldenfrei. Die Realität, die Michaela Kirk und Peter Bestle von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas in Neumarkt erleben, sieht anders aus. Sie sprechen darüber, warum so viele Leute in die Schuldenfalle geraten.

Vier Prozent im Landkreis Neumarkt sind dem Schuldner-Atlas zufolge ver- oder überschuldet. Die Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas bietet Menschen, die sich nicht mehr aus eigener Kraft von ihren Schulden befreien können, kostenfreie Hilfe an. Peter Bestle ist seit 2001 in der Schuldnerberatung tätig, seit 2019 in Neumarkt. Michaela Kirk ist seit 2020 hier tätig, Larissa Biehl verstärkt das Team seit Juni 2023.

Neumarkt gilt als wohlhabende Stadt. Wie erleben Sie die Lage in Neumarkt?

Peter Bestle: Von der Anzahl der Schuldnerberatungen her wirkt sich das nicht aus. Wir haben genügend Anfragen – 2023 haben wir 550 Schuldner beraten. Zum Teil sind da auch welche dabei, die schon seit Jahren bei uns sind.

Wann suchen Menschen Hilfe bei Ihnen?

Peter Bestle: Sie kommen zu uns, wenn sie Probleme mit ihren Schulden haben und nicht mehr alleine damit klarkommen, in der Regel, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist: wenn sie ihre Miete nicht mehr zahlen können, das Konto gesperrt ist, sich nicht mehr genügend Lebensmittel kaufen können. Wenn die Leute zu uns kommen, haben sie ihre Rücklagen bereits aufgelöst.

Übergang in Rente bringt Menschen in Bedrängnis

Was sind die häufigsten Auslöser, die Menschen in die Überschuldung treiben?

Peter Bestle: Ursachen, die in die Schuldenspirale führen, sind Arbeitslosigkeit, Scheidung, Trennung, Krankheit und Sucht. Aber auch Familiengründungen können dazu führen. Da steigen die Ausgaben und oft ist es so, dass ein Partner erstmal nicht mehr arbeiten kann, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Auch der Übergang in die Rente bringt Menschen in Bedrängnis. Wenn sie plötzlich nur noch die Hälfte der gewohnten Einnahmen habend. Die Zahl der Rentner, die in die Schulden geraten, nimmt tendenziell sogar zu.

Michaela Kirk: Mir fällt auf, dass insbesondere Alleinerziehende ohne familiäre Unterstützung gefährdet sind, weil sie nicht mehr Vollzeit arbeiten können. Dann wird das Geld knapp, vor allem wenn sie keine staatlichen Leistungen wie Kindergeldzuschlag, Wohngeld oder Bürgergeld beantragen. Ich stelle auch fest, dass sich vermehrt Klienten aufgrund psychischer Erkrankungen oder Sucht melden, die sich nicht mehr um ihre Angelegenheiten kümmern und nicht mehr arbeiten können.

Energiekrise, Inflation: Hat die Zahl der Menschen, die zu Ihnen kommen, allgemein zugenommen?

Peter Bestle: Das können wir nicht feststellen. Wir sind selbst überrascht, dass das bisher nicht so durchgeschlagen hat. Aber das kann noch kommen, denn jetzt trudeln bei vielen Leuten die Nebenkostenabrechnungen für das vergangene Jahr ein.

Michaela Kirk: Mittlerweile sind die Preise bei Neuvermietungen in Neumarkt enorm gestiegen. Ich hatte vor Kurzem einen Klienten, der eine Wohnung für seine Familie suchte und ein Angebot für 1550 Euro Warmmiete mangels Alternativen annehmen musste. Dazu addieren sich die Kosten für Strom.

Auch die Schulen könnten zur Prävention beitragen

Lässt sich das Vorurteil bestätigen, dass sich Menschen überschulden, weil sie nicht mit Geld umgehen können? Oder ist es ein Leben am Existenzminimum, das die Leute in die Schuldenfalle treibt?

Peter Bestle: Das würde ich so nicht bestätigen. Aber ich fände es sinnvoll, wenn Schulen zur Prävention vermehrt Aufklärung zum Umgang mit Geld anbieten würden und Lehrkräfte als Mediatoren über das existenziell wichtige Thema informierten.

Michaela Kirk: Der Lohn bei einem Großteil meiner Ratsuchenden liegt im Bereich von Mindestlohn bis Niedriglohn (ca. 12,40 bis 15 Euro brutto pro Stunde). Damit kann man unvorhergesehene Kosten und Lebensumstände schlecht ausgleichen. Dazu kommen einfach verfügbare Bezahlmethoden wie „Buy now – pay later“ (kauf’ jetzt, zahl’ später), die für viele verführerisch sind. Jedoch nehmen die daraus entstehenden Zahlungsverpflichtungen schnell überhand und man verliert den Überblick.

Wen sehen Sie da in der Verantwortung?

Michaela Kirk: Ich denke, dass generell der Konsum erhöht werden soll und deshalb die Hürden für das Aufnehmen von Schulden und Krediten für Konsumgüter niedrig sind – es ist viel zu einfach, Schulden zu machen.

Erleben Sie viel Verzweiflung? Welche Ängste treiben die Menschen um, die zu ihnen kommen?

Peter Bestle: Wir erleben in fast jedem Gespräch große Verzweiflung. Die meisten sind sehr angespannt, wenn sie das erste Mal kommen. Sie haben existenzielle Sorgen, wie dass sie sich nichts mehr zu essen kaufen können.

Michaela Kirk: Oder sie haben Angst, weil sie fälschlicherweise annehmen, dass bald der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht und Dinge pfändet, die sie für ihr tägliches Leben brauchen. Die Menschen kommen in der Regel erst zu uns, wenn der Leidensdruck schon sehr groß ist; etwa wenn sie von einer Stromsperre oder Räumungsklage bedroht sind oder der Briefkasten voll mit Inkassoschreiben ist.

Wartezeit auf einen Termin beträgt bis zu vier Wochen

Wie läuft ein Termin bei Ihnen ab?

Peter Bestle: Die Leute rufen wegen eines Termins bei uns – die Wartezeit beträgt etwa zwei bis vier Wochen. Sie bekommen vorab Informationsmaterial, Infos über Unterlagen, die sie mitbringen müssen und einen Haushaltsplan, den sie schon vorher ausfüllen sollen. Wir versuchen zunächst, den Klienten näher kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und eine Bestandsaufnahme zu machen.

Michaela Kirk: Dazu beleuchten wir die wirtschaftliche und soziale Situation, das nähere Umfeld, wie hoch die Schulden sind und wie sie entstanden sind. Wir stellen Einnahmen und Ausgaben gegenüber und prüfen den Anspruch auf soziale Leistungen wie Wohngeld oder Bürgergeld. Nach der Auswertung können wir einen Ausblick über die Möglichkeiten der Schuldenbereinigung geben: Privatinsolvenz, Schuldenvergleich oder das Leben mit einem Pfändungsschutzkonto. Letzteres gewährleistet einen Freibetrag von aktuell 1410 Euro für einen Alleinstehenden und erhöht sich je nach unterhaltspflichtigen Angehörigen.

Wie komme ich denn aus den Schulden raus? Wo gibt es konkrete Ansatzpunkte, die Ausgaben zu reduzieren?

Peter Bestle: Wir geben konkrete Ratschläge, wo Einsparungen möglich sind, welche Abonnements, Versicherungen, Verträge Sie lieber kündigen, oder dass Sie ihr Freizeitverhalten ändern – weniger auswärts essen, Fitness-Studio und so weiter.

Michaela Kirk: Secondhand einkaufen, Konto nicht überziehen, Zigaretten selbst drehen.

Verbraucherinsolvenz ist immer die letzte Lösung

Rufen Sie auch mal Gläubiger an und wie lange begleiten Sie die Menschen?

Peter Bestle: Wie lange wir die Klienten begleiten, hängt ganz vom Einzelfall ab. Es gibt Klienten, die brauchen nur eine Kurzberatung und kommen nur ein bis zwei Mal.

Michaela Kirk: ...aber in der Regel dauert es etwa ein halbes bis ein Jahr.

Ist Verbraucherinsolvenz ein guter Weg, um aus der Schuldenfalle herauszukommen? Wie wirkt sich das auf die finanzielle Zukunft, Kreditwürdigkeit aus?

Peter Bestle: Wenn es notwendig ist, ist sie ein guter Weg, zumal die Verbraucherinsolvenz sich nur noch über drei Jahre erstreckt und die Betroffenen danach schuldenfrei sind und von vorne anfangen können. Aber es ist immer die letzte Lösung.

Michaela Kirk: Vorher muss ein außergerichtlicher Einigungsversuch mit allen Gläubigern durchgeführt werden. Erst wenn dieser gescheitert ist, können wir den Antrag auf Insolvenz stellen. Nach Erteilung der Restschuldbefreiung wird auf Antrag des Klienten der Schufa-Eintrag nach sechs Monaten gelöscht.

Ärgern Sie sich manchmal? Große Firmen verkaufen Forderungen an Inkassounternehmen und so werden schnell hohe Schulden daraus…

Peter Bestle: Man muss nicht für gerecht halten, was da abläuft. Es gibt mittlerweile eine Schuldenindustrie, die nur davon lebt. Dadurch haben Schuldner ohne Unterstützung kaum eine Chance, wieder herauszukommen.

Tipps der Schuldnerberatung, um Ausgaben im Griff zu behalten

Haushaltsbuch führen: Regelmäßige Einnahmen und Ausgaben sollten notiert werden. Ohne einen kompletten Überblick verschenkt man die Chance auf Einsparungen.

Verträge überprüfen: Alle monatlichen Verträge wie Mietvertrag, Strom, Gas, Versicherungen, Abos, Mitgliedschaften sollten auf Einsparmöglichkeiten und Notwendigkeit überprüft werden. Auch wenn überall nur ein geringer Betrag gespart wird, macht es am Ende die Gesamtsumme.

Freies Budget: Das monatliche Budget ist, was nach Abzug aller laufenden Kosten bleibt. Wer clever einkauft, einen Essensplan erstellt, vermeidet Spontankäufe.

Bargeld: Wer bar bezahlt, behält den Überblick und verhindert ungeplante Ausgaben.

Notfallreserve: Langfristig sparen kann nur, wer auch langfristig am Ende des Monats noch Geld übrig hat. Vor dem Sparen braucht es eine Notfallreserve.

Zahlungsschwierigkeiten: In diesem Fall rät die Schuldnerberatung, zunächst die wichtigsten Schulden zu bezahlen – erst Miete, Strom, Gas, Wasser, Telefon, Unterhalt, Lebensmittel und Medikamente. Sie empfiehlt, den Dispositionsrahmen nicht auszureizen, denn dadurch entstünden hohe Zinsen und weitere Kosten. Die Schuldnerberatung warnt davor, ungeprüft Kredite aufzunehmen. Besser sei es, sich rechtzeitig professionelle Beratung zu holen, die beispielsweise bei Caritas, ASB und Verbraucherzentrale kostenfrei angeboten werde.

Kontakt: Caritas-Kreisstelle Neumarkt, Schuldner- und Insolvenzberatung, Friedenstraße 33, Tel. (09181) 511270, Mail: kreisstelle@caritas-neumarkt.de, www.caritas-kreisstelle-neumarkt.de.