Landkreis Neumarkt ist wirtschaftlich stark: Dennoch ist mit mehr armen Rentnern zu rechnen

Von Wolfgang Endlein · 16. Januar 2024 um 19:00

Jüngst hat das auf Wirtschaftsforschung spezialisierte Unternehmen Prognos untersucht, wie viel sich die Rentner in Deutschlands Regionen leisten können. Bei der Kaufkraft der Renten landete Neumarkt unter den 400 Landkreisen im unteren Viertel. Wie es um das Thema Altersarmut in der Region steht.

Michael Gottschalk macht sich schon länger Sorgen. Er ist am Landratsamt für die Kreisentwicklung zuständig. Die sieht seit einigen Jahren in vielen Bereichen sehr gut aus. „Wir haben aufgeholt“, sagt Gottschalk. Bei Löhnen und Einkommen viele andere Regionen sogar überholt. Aber es gab auch andere Zeiten.

In jenen verbrachten die geburtenstarken Jahrgänge einen Großteil ihres Arbeitsleben. Bis 2030 werden etwas mehr als 12.000 von ihnen in Rente gehen. Entsprechend des niedrigeren Einkommensniveaus früherer Jahrzehnte wird die Rente geringer ausfallen.

Ab hier geht es in den Statistik-Dschungel, den es beim Thema Rente und Armut gibt. Altersarmut in Zahlen zu fassen, ist nicht einfach. Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) beträgt die durchschnittliche gesetzliche Rente im Landkreis aktuell 1266 Euro. Wobei Monika Ertl vom DGB in der Oberpfalz eines betont: Frauen schnitten besorgniserregend schlechter ab. Ihre durchschnittliche Rente lag bei 772 Euro (Männer: 1137). Zur Einordnung: 2021 war die „Armutsgefährdungsschwelle“ in Deutschland bei 1236 Euro.

Rentenkaufkraft im Landkreis Neumarkt berechnet

Diese Armutsgrenze liegt bei 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens der Bevölkerung in Privathaushalten. Doch der Wert wird kritisch gesehen. Man müsse die regionalen Unterschiede beim Preisniveau beachten, fordern Experten. Das hat Prognos getan und eine Rentenkaufkraft berechnet. Herauskam für den Landkreis ein Wert von 965 Euro im Monat. So viel ist die gesetzliche Rente angesichts des Preisniveaus im Landkreis wert. Zum Vergleich: In den Landkreisen Roth und Eichstätt liegt sie bei 1009 bzw. 1013 Euro. Schlechter als Neumarkt schnitten beispielsweise die Landkreise Schwandorf (911) und Regensburg (956) ab.

Die Studienmacher schränken die Aussagekraft ihrer Studie aber ein. Bei der Berechnung wurde nicht berücksichtigt, ob Rentner noch andere Einkünfte etwa aus privaten Renten haben. Auch mietfreies Wohnen im eigenen Haus floss nicht ein. Im Landkreis sind das aber überdurchschnittlich viele Menschen. Die Studie gebe „allgemeine Hinweise auf potenzielle Vorsorgebedarfe“, schreiben die Autoren, die die Studie im Auftrag des Verbands der Versicherer erstellten.

Altersarmut: Scham bei Älteren ist groß

Altersarmut ist also in Statistiken schwer zu greifen. Das gilt auch für die Statistik der Rentner im Landkreis, die vom Staat Grundsicherung erhalten. Bei ihnen ist ein Anstieg zu sehen: 2022 waren es 545. In den Jahren zuvor meist konstant 100 weniger. Allerdings sind bei diesem Anstieg die Älteren unter den Ukraine-Flüchtlinge mitzubedenken.

Und noch einen Haken gibt es. „Viele Ältere haben eine große Scham, beim Staat Hilfe zu beantragen“, sagt Michael Glasner von der Kreisstelle der Caritas. Zudem schrecke viele der bürokratische Aufwand ab. „Die Mentalität bei dieser Generation ist eine andere“, hat Sonja Schambeck von der Diakonie NAH beobachtet. „Sie will niemandem zur Last fallen und steckt lieber zurück.“ Sich selbst als arm wahrzunehmen, sei für viele nach einem langen Arbeitsleben schwierig.

Im Leb-mit-Laden der Diakonie seien rund 25 Prozent der 900 registrierten Kunden älter als 65 Jahre, sagt Schambeck. Aber: Jenen Älteren, die sich Hilfe beim Staat oder bei Caritas und Diakonie holen, steht eine Dunkelziffer gegenüber, die das nicht tun.

Die Zahlen sind nicht eindeutig, das Gefühl derjenigen, die wie Schambeck beruflich mit Altersarmut zu tun haben, ist klar: „Altersarmut nimmt zu, das spüren wir“.

Armut und ihre Folgen

Aber was ist Armut? Es geht nicht nur um den rein finanziellen Aspekt. In Deutschland und dem Landkreis bedeutet Armut in der Regel nicht Obdachlosigkeit und Hunger. Der Sozialstaat sichert ein Existenzminimum. Armut wirkt sich auf die soziale Teilhabe aus und infolge von deren Mangel möglicherweise auf die seelische Gesundheit.

Die Auswirkungen von Altersarmut auf lokaler Ebene abzufedern, bemühen sich Diakonie und Caritas durch Hilfsangebote. Aber was könnten die politischen Ebenen im Landkreis tun? Das große Rad, an dem man drehen könne, gebe es nicht, sagt Michael Gottschalk. Stattdessen einige kleinere Räder. Beispielsweise, indem die Kommunen ihre Bürger fördern, Gebäude zu energetisch zu sanieren. So sinken die Betriebskosten und von der Rente bleibt mehr übrig. Ein Beispiel für solche Bestrebungen sind die Gemeinden, die zum interkommunalen Bündnis AOM gehören.

Monika Ertl vom DGB wirbt zudem dafür, dass Kommunen bei der Vergabe von Aufträgen berücksichtigen, ob Unternehmen nach Tarif bezahlen. Denn, wer adäquaten Lohn erhält, der kann sich auch über die gesetzliche Rente hinaus besser privat absichern. Es ist ein weiterer Baustein, um später nicht in die Altersarmut zu rutschen.