Landkreis übernimmt das Gymnasium Rohr – mitsamt einer teuren Sanierung

Das kirchliche Gymnasium Rohr wird künftig eine staatliche Einrichtung. Die Trägerschaft übernimmt der Landkreis Kelheim. Das beschloss der Kreistag am Montag, 18. März 2024. Mit der Übernahme geht auch eine fast 50 Millionen Euro teure Sanierung einher, die in zehn Jahren ansteht. Teils Kritik gab es am Benediktinerorden.
„Ich bin wahnsinnig erleichtert.“ Mit diesen Worten verließ Schulleiterin Carola Reim den Sitzungssaal. Wie sie saßen auch Eltern, Lehrkräfte und Schüler in den dicht gefüllten Besucherreihen. Es ging um die Zukunft des Johannes-Nepomuk-Gymnasiums (JNG), das bis dato unter der Trägerschaft des Benediktinerordens steht, der aber wie mehrfach berichtet aussteigen wird. Ohne eine „verlässliche Perspektive“ werde es schon für 2024/25 keine Einschreibung mehr geben, hatte Abt Markus Eller, zuständiger Präses für Rohr, in Vorgesprächen deutlich gesagt.
„Es ist mir ein Anliegen, dass es weiter geht“, so der Abt als Gast in der Kreistagsversammlung. Landrat Martin Neumeyer präzisierte, wie das aussehen würde und nach den Beschlüssen auch wird: „In diesem Herbst werden die Schüler noch kirchlich eingeschult, ab 2025/26 wird es ab den fünften bis siebten Klassen ein staatliches Gymnasium geben.“
Dies sei dann eine „Neugründung“. Neben der bisherigen musischen und sprachlichen Ausrichtung wird es auch einen naturwissenschaftlich-technologischen Zweig geben. Dazu bedarf es weiterer Räume – deren Bereitstellung noch der Orden finanziert.
Aktuell noch gut in Schuss
Die gute Nachricht an die Kreisräte war: Aktuell besteht kein Sanierungsbedarf. Doch in gut zehn Jahren steht eine Generalsanierung samt Neubau einer Dreifach-Turnhalle (aktuell zwei Einfach-Turnhallen) für 49,7 Millionen Euro an. Auf diese Kosten kommt das noch von der Abtei beauftragte Ingenieur-Büro Huber aus Mainburg. Dem gegenüber stünden 93,9 Millionen Euro für einen Neubau am Standort Neustadt, der im Vorfeld ins Spiel gebracht wurde.
Übereinkunft herrschte im Kreistag, dass der Landkreis angesichts steigender Schülerzahlen ein drittes staatliches Gymnasium benötige. Dieser Punkt wurde mit 57:1 Stimmen befürwortet.
Diskussionen um den Standort
Umstrittener war die Standortfrage. Thomas Memmel, CSU-Kreisrat und Bürgermeister von Neustadt, sprach beim Rohrer Gebäudekomplex von einem „finanziellen Abenteuer“ und pries die Vorzüge von Neustadt mit Schwimm-, geplanter Dreifachturn-Halle sowie Forschungszentrum und Technologie-Campus an. Die Stadt würde ein 3,5 Hektar großes Areal zur Verfügung stellen. Ihm sprang SPD-Kreisrat Thomas Reimer bei, der eine genaue Untersuchung von Sanierung und Neubau forderte.
Dafür brauche es mehr Zeit, so CSU-Fraktionssprecher Michael Raßhofer, die aber nicht vorhanden sei. Der „erzeugte Zeitdruck“, sagte er an den Abt gewandt, schränke den Handlungsspielraum ein. Neustadt habe ein „gutes Angebot“ gemacht. „Die Mehrheit unserer Fraktion ist aber für Rohr.“
Zeitdruck missfällt einigen Kreisräten
Auch Christian Nerb (FW) sprach seitens seiner Fraktion „mit guten Gewissen für eine Fortführung“. Willi Dürr (SPD) fehlte die „freie“ Entscheidung angesichts des engen Zeitkorsetts. Richard Zieglmeier von den Grünen wies auf die ansteigende finanzielle Belastung des Landkreises hin, „aber wir sympathisieren mit Rohr“.
Für Andreas Fischer (SLU) wäre es „nicht vermittelbar, wenn wir ein funktionierendes Gymnasium in Frage stellen würden“. Er sprach eine „Mitgift“ der Benediktiner an. Der Orden wird das Schulgebäude – der West- und Südflügel der Klosteranlage – noch bis 2029 selbst halten und dann zu einem symbolischen Preis an den Landkreis übergeben. Diese Zusage war auch Bestandteil der Beschlussvorlage.
Neustadt „hat uns den Mund wässrig gemacht“
Stimon Steber (Junge Liste) hob als ehemaliger Rohrer Schüler „Herz und Seele“ der Einrichtung hervor. Auch die AfD schlug in Person von Georg Bergermeier („ein Neubau wäre ein größeres Abenteuer“) den Rohrer Weg ein. Diesen beschritt auch Heinz Kroiss für die FDP, „auch wenn Bürgermeister Memmel uns den Mund wässrig gemacht hat“. Florian Geisenfelder von der Bayernpartei warnte vor einem „leer stehenden Gebäude“ und war ebenso „klar fürs JNG“.
Mehr finanzielle Beteiligung vom Orden eingefordert
Kritik am Benediktinerorden kam von Benedikt Grünewald (CSU), der dem Schulträger vorwarf, „sich einer Last zu entledigen“. Auch Parteikollege Herbert Blascheck sagte an den Abt gerichtet: „Sie haben sich zur Schließung entschlossen.“ Die Kritik teilten auch Christiane Lettow-Berger (Grüne) und Ferdinand Hackelsperger (ÖDP), die mit Verweis auf den angespannten Haushalt größere finanzielle Beteiligung der Abtei einforderten. Uwe Brandl (SLU) enttäuschte die Rolle der Diözese, die sich nicht eingebracht habe.
Bei der Abstimmung zum Standort Neustadt gab es im Kreistag 15 Ja-Stimmen (43 dagegen). Das Votum für Rohr fiel mit 46:12 klar aus. Mit der Trägerschaft geht auch die Übernahme der Generalsanierung einher. Dazu wird 2025 eine Machbarkeitsstudie beauftragt.
Die Zukunft des JNG-Lehrpersonals
Ausgangslage: Stimmt der Freistaat einem dritten staatlichen Gymnasium zu, werden Lehrkräfte benötigt, hält das Kultusministerium in einer Antwort auf eine Anfrage der Mediengruppe Bayern fest.
Übergang: Der Freistaat werbe aber keine Lehrkräfte von Privatgymnasien ab. Einer Lehrkraft des JNG Rohr bleibe es selbstverständlich unbenommen, sich auf eine staatliche Stelle zu bewerben.
