Vergnügliches Scheitern: Josef Hader präsentiert in Regensburg seinen neuen Film

Von Peter Geiger · 18. März 2024 um 18:00

„Andrea lässt sich scheiden“: Drama und drastische Komik gehen Hand in Hand. Der österreichische Kult-Autor, Kabarettist und Filmemacher spricht im Garbo-Kino mit seinem Publikum.

Achim Hofbauer, Betreiber des Garbo-Kino, hätte eigentlich gar keine Werbung machen müssen für die Vorpremiere von „Andrea lässt sich scheiden“, der am 4. April anläuft. Das Ticketkontingent für den „neuen Hader“ – so die allseits übliche Verknappung aufs Essenzielle – verkaufte sich eh in Windeseile. Denn ein jeder weiß: Wenn der Josef Hader einen Film vorstellt, läuft nicht nur ein cineastischer Leckerbissen über die Leinwand.

Nach jeder der drei Vorstellungen stellt sich der Kabarettist („in Österreich bin i Mainstream, in Berlin reagieren’s auf mi eher wie auf Kaurismäki“) Fragen aus dem Publikum. Dabei entfaltet er eine Mischung aus Stand-up-Qualitäten und tiefgründiger Interpretation, aus illuminiertem Witz und spirituellem Ernst, aus exaltierter Komödie und philosophischem Existenzialismus. Am Ende hat jede einzelne Kinobesucherin – und erst recht ihr Begleiter, denn laut Frauenmagazin „Donna“ finden den Hader „vor allem Männer“ toll – das Gefühl, noch eine Extraqualität ins Einkaufssackerl hineingepackt bekommen zu haben. Der Begriff „Personalunion“, wurde der nicht eh erst erfunden, für Josef Hader?

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In „Andrea lässt sich scheiden“ – Josef Hader verfilmt als Regisseur sein eigenes Drehbuch – dauert es zwar ein bisschen, bis er auch als Hauptdarsteller Franz die Szenerie betritt. Aber bis dahin ist schon so viel passiert, dass man ums Spoilern kaum herumkommt. Hier also ein Blick auf die Story: Die grandiose Birgit Minichmayr in der Rolle der titelgebenden Polizistin Andrea muss ihren Entschluss, sich vom Andy (grandios: Thomas Stipsits) scheiden zu lassen, gar nicht mehr verwirklichen. Denn es ist etwas passiert, wozu man in Österreich sagt: „Da fährt der Zug drüber.“ Damit ist gemeint, dass vorher Anzweifelbares auf alle Zeit unwiderrufbar feststeht. Andrea hat mit ihrem weißen Golf den Andy nämlich: totgefahren. Bis der Franz mit seinem roten Opel Corsa daherkommt, ein nicht mehr im Dienst befindlicher Religionslehrer und – wie er jeden sogleich wissen lässt – ein trockener Alkoholiker. Er glaubt, die Schuld der Polizistin auf sich nehmen zu müssen. Daraus entwickelt sich ein kurioses Spiel um Sühne, das erst recht Fahrt aufnimmt, als sich der Walter (von Robert Stadlober sensationell spooky gespielt) in die Andrea verliebt. Dass am Ende aber nicht nur die Moral, sondern auch die Justiz siegen wird, ist im Film tatsächlich etwas wolkig formuliert. Eine Zuschauerin im Garbo-Kino meint, ihr sei das zu wenig konturiert. Da aber läuft der Skriptautor zu großer Form auf. Josef Hader verteidigt den von ihm beabsichtigten lakonischen Minimalismus. Er verwickelt die Zuschauerin in einen Dialog, in dem er durch strenge logische Deduktion aufzeigt, dass das Finale eben gar keiner expliziten Ausformulierung bedarf. Weil die Zukunft der straffällig gewordenen Andrea mehr oder weniger ohnehin vorgegebenen ist. Aber „ohnehin“ sagt keiner in Österreich, alle sagen „eh“. Was eine Zuschauerin, die die Gegend um Laa an der Thaya im niederösterreichischen Weinviertel offenbar ganz gut kennt, zu dem fulminanten Satz hinreißt, ihr hätte gefallen, wie das Figurenarsenal des Films, allesamt Landbewohner, porträtiert sei: „Das Überzeichnete, das teilweise gar nicht überzeichnet ist.“

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Später, im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern, bekennt sich Josef Hader ganz ausdrücklich dazu, dass er seine Expertise als Autor und Filmemacher darin sieht, ein Porträt der Menschen vom Land zu zeichnen. Seine Vorbilder seien Regisseure, die das „New Hollywood“ vertreten und die es verstanden haben, Drama und drastische Komik übereinander zu blenden. Interessant, wie im Film die einen den Kitsch der „Paldauer“ und der „Seer“ hören. Die Andrea geht aber auch da ihren eigenen Weg und setzt auf den sanften Pop-Intellektualismus von „Bilderbuch“.

Dem Scheitern von Figuren Ausdruck zu verleihen, das ist Josef Haders Ziel: „Ich hab’ eine Freude daran, Menschen zu zeigen, die unsouverän sind!“ Er seziert sie gern, mit einer Pinzette, und interessiert sich für alle Details. Vorbild für den Franz war ein guter Freund, erzählt Hader. Und der habe viel mit ihm selbst zu tun, damit, „wie ich als Kind war! Zurückgezogen und gutmütig“. Und so offenbart sich Josef Hader am Ende auch noch als gänzlich uneitel, in seinem Streben nach vollkommener Wahrhaftigkeit.