Josef Hader im Audimax: Ein brillant gespielter Alptraum

Der österreichische Kabarettist Josef Hader seziert in Regensburg sein Bühnen-Ich. Eine schwarzhumorige Show, irgendwo zwischen katholischem Beichtstuhl und Dr. Freud.
Von Peter Geiger
Regensburg. Dabei steht gar keine Couch auf dieser Bühne. Und auch kein Beichtstuhl. Sondern nur ein höhenverstellbarer Barhocker, auf dem dieser Josef Hader sich dreht und windet und so vor rammelvoller Bude sein Innerstes nach außen kehrt. Und ein recht niedriges Beistelltischchen, das aussieht, als trüge es ein Baströckchen. Wohnen wir einer Redekur bei, nach der Methodik des Dr. Freud? Oder einer Beichte nach katholischem Ritus? Gar nicht so leicht zu beantworten, diese Fragen. Und warum eigentlich steht „dieser“ Josef Hader hier zu lesen?
Ja, weil man nach dem Besuch von „Hader on Ice“ über eine Sache ganz bestimmt grübeln muss: Ob der hier in Realpräsenz erschienene Josef Hader, der sein Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft hat, durch gelbe Brillengläser schaut und permanent mit dem Rumglas in der Hand rumspielt, der „echte“ ist? Also einer, der zwar genau heißt wie jener Josef Hader, der ganz am Ende in seiner unkostümierten Variante noch einmal erscheint, fürs Foto für den Reporter der Mediengruppe.
Bruder im Ungeist
Was übrigens – kleiner Exkurs – dafür spricht, dass er keiner jener Stars ist, denen jede Bodenhaftung abhanden gekommen wäre, während ihrer Jahrzehnte währenden Karriere im Kabarett (die beiden letztgenannten Begriffe bitte jeweils französisch auszusprechen, dann trifft’s den österreichischen Hader-O-Ton!). Sondern eine ehrliche Haut, einer, der sich an Zusagen seines Managements hält. Und trotz abgelegter Klamotte, umgebauter Bühne und „laarem Schädel“, wie er bekennt, nach diesem zweistündigen Kraftakt, zum vereinbarten Porträttermin erscheint.
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Aber zurück zum Bühnen-Hader. Ganz bestimmt ist der ein Mr. Hyde, Bruder des braven Dr. Jekyll im Ungeiste, emporgeklettert aus irgendeinem obskuren Paralleluniversum. Er verleiht dem dunklen „Es“ seines Namensspenders eine Stimme, er ist seine Horror-Variante, die Edition des Grauens, die mit der Wasserpistole auf uns, das Publikum, zielt. Dieser Bühnen-Hader verbringt seinen Lebensabend im Weinviertel, dort, wo‘s billigen Alkohol gibt, die Nachbarn sich mit Gewehren bewaffnen, sein Sklave Jimmy für ihn arbeitet und sich nicht nur Fuchs und Hase „gut Nacht“ sagen, sondern auch Wölfe an die Tür klopfen und um Einlass bitten. Der heißt „Rudel“ (vielleicht aber auch: „Rudl“, also Rudi) und wird im Laufe der zwei Stunden zu einem von Bühnen-Haders steten Begleitern. Natürlich hat das Ganze magisch-fantastische Züge – und dann vielleicht auch wieder doch nicht, wenn er drüber fantasiert, dass er am liebsten an Universitäten spielt, weil sich da weibliche Erstsemester im Publikum finden, die Geschichte studieren und denen er als Erlebnisgeneration etwas erzählen kann, über ihre Lieblingsepoche, das 20. Jahrhundert.
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Ja, ja – immer wieder jubelt dieser ungeschützt drauflosschwadronierende Bühnen-Hader uns Fragmente einer vermeintlichen Ernsthaftigkeit unter, in seinem dunkel-fantastischen Konfettihaufen, bläst seine Witztüte prall auf und stellt nicht nur die Gretchenfrage („Wann Sie glauben, i glaub nix – ein riesen Missverständnis!“), sondern auch die nach dem Ende seines Lebens und dem der Geschichte. Und lässt anschließend laut vernehmbar die Luft raus, so, als würde er einen fahren lassen, und konterkariert damit jedes Bedürfnis nach spiritueller Orientierung.
Haders Lachen
Schon eine Stunde vor Beginn waren die Reihen dicht gefüllt, mehr als einmal war zu hören, man wolle angesichts der freien Platzwahl möglichst weit vorne sitzen, um „seine Mimik“ sehen zu können. Ja, ja – dieses sardonische Lachen des Josef Hader. Es baut jene Brücke, die hinüberführt, vom echten Hader zum Bühnen-Hader. Das diebische Freude ebenso zum Ausdruck bringt wie Erstaunen über all die Unfassbarkeiten unserer Tage. „Ich glaube an Toleranz und an Solidarität!“, sagt er irgendwann in der zweiten Hälfte. Der echte Hader hätte hier vielleicht einen Punkt gesetzt. Der Bühnen-Hader dreht’s munter weiter, sein Spiel. Lacht und lacht und zersingt ganz am Ende seinen Seelenstriptease mit „Over the Rainbow“. Dieser Bühnen-Hader, ja: ein brillant gespielter, wahr gewordener Alptraum!