Kampf ums richtige Pronomen: Yara ist weder männlich noch weiblich, sondern nicht-binär

Die Türe des Cafés öffnet sich. Hebt man den Blick, sieht man eine junge Frau eintreten – und das ist der Kern des Problems. Denn Yara sieht sich selbst nicht als Frau. Ihre Identität ist nicht-binär, also weder als weiblich noch als männlich. Besser gesagt: mensch identifiziert sich als nicht-binär.
Mit diesem geschlechtsneutralen Pronomen fühlt sich Yara am wohlsten, darauf soll auch in diesem Text Rücksicht genommen werden. Dabei fällt das richtige Gendern selbst in Yaras Familie nicht allen leicht.
Als mensch 14 ist, outet sich eine Freundin als trans-Frau. Sie wurde immer als Bub gelesen, ihre Identität ist aber weiblich – seitdem lebt sie auch offen als Frau. Für Yara ist das Outing der Freundin ein Schlüsselerlebnis: „Woher weiß sie, dass sie eine Frau ist? Ich spüre das nicht.“ Mensch stört es vielmehr, als Frau wahrgenommen, also gelesen, zu werden.
Papa wird korrigiert
Seit 2021 engagiert sich Yara bei Fridays for Future (FFF). Dort ist es selbstverständlich sich nicht nur mit Namen, sondern auch mit dem gewünschten Verweis vorzustellen. Das führt zu tieferem Nachdenken über die eigene Identität und zu mehr Selbstbewusstsein. „Mein Name ist Yara und mein Pronomen ist ,mensch‘“, so stellte sich die heute 19-jährige Person mittlerweile zumindest im FFF-Kontext vor.
Das führt zu Konflikten. Zu den Eltern hat Yara ein gutes, vertrautes Verhältnis. Im vergangenen November outet sich mensch als nicht-binär, die Eltern reagieren verständnisvoll, bieten Unterstützung an. „Das sind voll die coolen Leute“, sagt Yara. Aber gerade dem Papa fällt es nicht leicht, auf das „sie“ zu verzichten, wenn er über sein Kind spricht. Yara stammt aus einem 200-Seelen-Nest. Dort wird bairisch gesprochen und der Dialekt macht es nicht leichter. „Papa, sag nicht d’Yara, sag nur Yara“, ermahnt das Kind den Vater.
Zwischen Verständnis und „Mikro-Aggressionen“
Mensch will verständnisvoll sein, dass dem Papa die Umstellung nicht leicht fällt, hat aber auch „Mikro-Aggressionen“, wenn falsch gegendert wird. „Von außen wirkt es vielleicht nicht schlimm, aber es nervt schon, wenn man andauernd wieder darauf hinweisen muss.“ Außer den Eltern und dem Bruder weiß im Heimatdorf nur eine enge Freundin um Yaras Gender. Ansonsten schluckt mensch es runter, wenn jemand das weibliche Pronomen benutzt oder mensch als Frau bezeichnet.
„Ich mache mich verletzlich dadurch“, sagt Yara zum Thema Gendern. Schließlich mache es einen großen Teil der Identität aus, dass mensch sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert. Das sei schade, schließlich bestehe mensch aus viel mehr Charakterzügen und Interessen, wie Löten und Bouldern, die in den Hintergrund rücken.
Stadt kennt drei nicht-binäre Menschen, Yara kennt 15
Drei Menschen sind bei der Stadt als nicht-binär erfasst, teilt Stadtsprecherin Katrin Butz auf MZ-Anfrage mit. Ein einziges Ausweisdokument mit der Geschlechtszuweisung „divers“ wurde bislang ausgestellt. Das dürfte nicht einmal annähernd die tatsächliche Zahl nicht-binärer Menschen in Regensburg abbilden. Alleine Yara kennt – sich eingeschlossen – mindestens 15. Eine Geschlechtsänderung im Ausweis war für mensch noch kein Thema. Neben den bürokratischen Anforderungen sorgt mensch der gesellschaftliche Wandel: „Ich will nicht, dass die AfD an Listen kommt, mit Menschen, die ihr Geschlecht geändert haben.“ Grundsätzlich seien alle städtischen Angebote auch für non-binäre Personen zugänglich, informiert Butz, bei Problemen helfe die Antidiskriminierungsstelle. Sie weist sie auf Jugendzentren, explizit nennt sie das Mädchen* und Flinta* Musikcamp Ende März.
Yara hat vergangenes Jahr das Abi gemacht, ist momentan als Studienbegleitung eines Studenten mit Behinderung tätig und investiert viel Zeit und Energie bei Fridays for Future. Bald will mensch anfangen zu studieren. „Es ist schon so, dass ich mir Gedanken mache, in welchem Studiengang ich mein Pronomen dazusagen kann.“ Yara beschreibt sich grundsätzlich als schüchtern. Mensch will nicht misgendert werden, aber auch nicht andauernd den Zeigefinger heben und berichtigen. „Ich sage vielleicht in zehn Prozent der Fälle was.“
Jeder macht mal Fehler
Als Yara die Schule besucht, denkt mensch selbst noch in sexistischen Kategorien. Bin ich als Mädchen, als das mensch sich damals noch identifiziert, gut genug, um den technischen Zweig zu wählen. „Ich hatte eine 1 in Mathe, offensichtlich war ich gut genug“, sagt Yara heute. Doch klassische Rollenzuschreibungen führten zu solchen Unsicherheiten.
Angefangen zu gendern, hat Yara 2019. Das richtige Schreiben sei etwa bei Kurzgeschichten und Poesie, die mensch verfasst, noch ab und an schwierig, beim Sprechen sei es aber bereits in Fleisch und Blut übergegangen, Und beim Denken? Yara lächelt milde. Wenn eine männlich gelesene Person durch die Cafétür eintritt, denkt mensch dann: Mann? „Ja“, gibt Yara zu. Mensch wäre gerne weiter, aber auch als betroffene Person unterteilt mensch beim ersten Eindruck noch oft in den Kategorien Mann und Frau.
Anmerkungen zum Gendern:
Lesehilfe: In diesem Text wird Yaras Wunsch entsprochen und auf genderneutrale Verweise geachtet. Das bedeutet, dass nicht mit dem Pronomen „sie“ auf Yara verwiesen wird, sondern mit „mensch“, dem neutralen Pronomen, das die 19-jährigen Person am liebsten für sich verwendet.
Vergleich: In Deutschland gibt es keine einheitliche Bezeichnung nicht-binärer Menschen. Neben dem von Yara bevorzugten „mensch“ kursieren etwa „dey“, „xier“, „hen“ und „em“. Andere Länder sind in der Beziehung weiter. In den USA hat sich beispielsweise das genderneutrale Pronomen „they“ durchgesetzt.