Friseurdienste und Tanzeinlagen mitten in der Kreuzung: Klimaprotest 2.0 in Regensburg

Die „Ungehorsame Versammlung“ der Letzten Generation am Samstag hat vor nicht einmal einer Minute begonnen, da sitzen die ersten Menschen schon auf der Kreuzung an der Mittelbayerischen. Auf einem Banner fordern sie „Hand aufs Herz – Zeit für Ehrlichkeit“. Sie werden die Straße erst drei Stunden später wieder verlassen – dann allerdings in Begleitung der Polizei.
Oskar ist einer der Aktivisten, der an der Ampel auf der nassen Fahrbahn sitzt. „Unsere Zukunft wird in den Sand gesetzt“, sagt der 23-Jährige. „Und unsere Bundesregierung ist nicht bereit, zu handeln.“ Die Lösungen seien da, betont er. „Wir müssen der Wissenschaft folgen.“ Wenig später stehen Oskar und seine Mitstreiter auf und gehen in die Mitte der Kreuzung, wo rund 50 Aktivisten demonstrieren. Weitere 100 Menschen stehen auf dem Gehsteig. Die Versammlung hat den Verkehr zum Erliegen gebracht, die Polizei leitet Autos um.
„Nährboden für Faschismus“
Die Beamten machen immer wieder Durchsagen, sie bitten die Demonstranten darum, die Straße zu räumen. Die Aktivisten denken nicht daran. Schlussendlich genehmigen die Beamten den Protest auf der Straße – allerdings nur bis 14 Uhr.
Aktivist Andi steht mitten in der Kreuzung, er hebt ein Banner hoch: „Demokratie braucht Ehrlichkeit. Klimakatastrophe, soziale Ungerechtigkeit, Faschismus – Es steht alles auf dem Spiel.“ Er habe ein kleines Kind, sagt der 33-Jährige. „Die bisherigen Anstrengungen der Klimapolitik reichen überhaupt nicht aus. Es braucht jetzt ein Zeichen aus der Mitte der Gesellschaft.“
Auf dem Gehsteig tritt Simon Lachner an das Mikrofon. Er ist das wohl bekannteste Gesicht der Letzten Generation in Regensburg. Er liest eine Erklärung der Klimaaktivisten vor. Sie fordern, dass sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihren Forderungen anschließt. Demokratie und Rechtsstaat seien durch den Klimawandel gefährdet. „Eine Welt der Krisen und widrigen Lebensbedingungen bietet den Nährboden für Faschismus.“
Der Sekundenkleber bleibt in der Tasche
Lachner fordert, soziale Ungerechtigkeit und die Klimakatastrophe gemeinsam anzugehen. Auf der Straße klatscht Achim. Er ist 56 und extra aus Nürnberg gekommen, um hier zu demonstrieren. „Es ist erbärmlich, was unsere Regierung gegen die Klimakatastrophe tut.“ Deshalb stehe er heute hier. Die neue Protestform findet er angemessen. „Das Kleben hat mir aber auch gefallen. Ich stehe selbst vor Gericht deswegen.“Achim trägt einen selbstgenähten Rucksack in Form einer Tube Uhu auf dem Rücken. „Wenn es nötig ist, ich habe einen Kleber dabei.“ Der bleibt an diesem Tag allerdings im Rucksack. Die Letzte Generation hatte vor einigen Wochen einen Strategiewechsel angekündigt. Seit Jahresbeginn ist Schluss mit dem Kleben. Stattdessen soll mit „Ungehorsamen Versammlungen“ auf die Forderungen aufmerksam gemacht werden. Dabei soll es „bunt, fröhlich und widerständig“ werden, wie die Letzte Generation im Vorhinein ankündigte. In der Tat wird es bunt auf der Kreuzung. Teilnehmer streifen sich Dinosaurier-Kostüme über, spielen Karten und schneiden sich die Haare. Allerdings mit einer kleinen Anmerkung: „Das ist kein Protest, das ist nur Zeitvertreib. Und meine Haare sind zu lang.“
Laut wird es auch. Die Band SvenskaFamosa spielt auf dem Gehsteig. Auf der Straße tanzen Demonstranten im Kreis dazu. „Wir haben eine Abmachung in der Band“, sagt Sängerin Sandra. „Wir spielen nur für Themen, für die wir uns auch selbst starkmachen.“ Vor dem Auftritt hätten sie sich allerdings schon Gedanken gemacht, wie es wird, sagt Gitarrist Sven. Es sei allerdings super gelaufen. „Es war aber definitiv anders als unser Auftritt auf dem Bürgerfest“, wirft Sven ein.
Polizei löst Versammlung auf
14 Uhr rückt näher. Noch immer sitzen rund 40 Menschen auf der Straße. Einsatzleiter Bernhard Huber tritt an das Mikrofon. Im Umfeld sei es zu Verkehrsstörungen gekommen, deshalb müsse er darum bitten, die Fahrbahn zu verlassen. „Wenn Sie sich dann wieder auf die Straße setzen, werden wir leider in Richtung Gefangenensammelstelle fahren müssen.“
Kommunikationsbeamte der Polizei gehen herum und bitten die Demonstranten, die auf der Straße sitzen, mehrfach, zu gehen. Marisa blickt den Polizisten an – und bleibt auf der Straße sitzen. „Ich habe zwei Kinder“, sagt die 41-Jährige. „Viele meiner Bekannten haben sich aber dazu entschieden, keine Kinder in diese Welt zu setzen.“ Es müsse sich beim Klimaschutz endlich was tun, fordert sie. Angst vor der Polizei habe sie heute nicht. „Sie scheinen umgänglich zu sein. Zumindest haben sie angekündigt, keine Schmerzgriffe einzusetzen.“
Demonstranten werden weggetragen
Rund eine halbe Stunde nach Auflösung der Veranstaltung tragen Polizeibeamte die rund zwei Dutzend verbliebenen Aktivisten von der Straße. Darunter ist auch Marisa. Ihre Füße schleifen über den Boden. Die Beamten wenden keinen Schmerzgriff an. Manche ihrer Mitstreiter kommen der Polizei wieder aus und setzen sich erneut auf die Straße.
Am Rande der Versammlung zieht Polizeisprecherin Corinna Wild Bilanz. Zwei Demonstranten habe man in die Gefangenensammelstelle bringen müssen. Das Wegtragen werde die Polizei allen Aktivisten in Rechnung stellen. Zudem habe man eine Ordnungswidrigkeit festgestellt: Ein Teilnehmer hat Flyer ohne Impressum verteilt.
Gegen 15 Uhr lösen die Veranstalter die Demo auf – allerdings nicht ohne einen Hinweis. „Die nächste ungehorsame Versammlung findet am 20. April statt.“ Ein Polizeibeamter stöhnt leise auf.
