Strampeln für die Verkehrswende: Das bewegt Teilnehmer der Regensburger Rad-Demo

Von Philip Hell · 1. März 2024 um 20:48

Andrea Buchner schiebt ihr Rad über den Rasen vor der OTH. Als sie ihre Mitstreiter sieht, huscht ihr ein Lächeln über die Lippen. Die 70-Jährige ist eine von rund 450 Regensburgern, die sich am Freitag auf ihr Rad geschwungen haben, um für eine Verkehrswende zu protestieren.

Sie demonstriere oft, sagt Buchner, während immer mehr Menschen auf dem Rasen vor der OTH eintrudeln. „Wir müssen schließlich etwas tun, für unsere Kinder und Enkel.“ Buchners optimistisches Lächeln rutscht ihr kurz vom Gesicht. „Auch wenn einem das alles schon ein wenig Angst machen kann.“ Wenig später rollen die rund 50 Personen von der OTH los. Zeitgleich tun es ihnen Gruppen an der Zeißstraße und in der Prüfeninger Straße gleich. Ihr gemeinsames Ziel: der Hauptbahnhof.

Argumente für Stadtbahn

Dort begrüßt Sophia Weigert von Fridays for Future die Teilnehmer. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Klimaschutzgruppen hat sie die Demo organisiert. Auf einer kleinen Bühne spricht Weigert über mehrere Radfahrer, die im vergangenen Jahr auf den Straßen Regensburgs ihr Leben verloren haben. Das Auto werde viel zu oft bevorzugt, sagt Weigert. „Ich bin nicht bereit, das hinzunehmen!“ Clara und Mathilde stehen auf dem Bahnhofsvorplatz und klatschen. „Ich fahre alles mit dem Rad“, sagt Clara. „Es nervt, dass in der Stadt alles auf das Auto ausgelegt ist.“ Ihre Freundin Mathilde ergänzt: „Alles, was die Leute vom Auto wegbringt, ist gut.“ Auf der Bühne geht es nun um die Regensburger Stadtbahn – auch für dieses Projekt wird am Freitag demonstriert.

Auf der Bühne steht Tim Peter. Der Regensburger studiert Mobilitätsmanagement in Wiesbaden – und ist großer Befürworter der Stadtbahn. Diese sei schneller und leistungsfähiger als Busse. „Also eine echte Alternative zum eigenen Auto!“ Er rief insbesondere junge Regensburger auf, sich bei einer möglichen Bürgerbefragung zu beteiligen. „Es geht um unsere Zukunft!“ Tim Peter drückt seinem Nachredner Lukas Zeidler das Mikrofon in die Hand. Der Klima-Blogger spricht über die anstehende Europawahl, ihre Bedeutung für die Umweltpolitik und das EU-Emissionshandelssystem, das den Ausstoß von Treibhausgasen in Europa senken soll. Drei junge Männer gehen an der Demonstration vorbei in Richtung Busbahnhof. Sie halten alle Eistee in der Tüte in ihren Händen. Einer ruft: „Kein Grün, kein Grün!“ Sein Freund lacht und packt ihn am Arm, um ihn wegzuzerren.

Um kurz nach 16 Uhr setzt sich die Demo in Bewegung. Von der D.-Martin-Luther-Straße geht es über die Eiserne Brücke und die Wöhrdstraße zur Nibelungenbrücke. Genau hier soll irgendwann einmal auch die Stadtbahn rollen. Auf der Nibelungenbrücke sagt eine junge Teilnehmerin zu ihrer Nebenfrau: „Es ist so cool, hier mal zu fahren!“ Aus einer Box schallt der Queen-Klassiker „Bicycle Race“ über die Straße.

Die Demonstration rollt am Donau-Einkaufszentrum vorüber – sehr zur Belustigung vieler Teenager, die dort an den Bushaltestellen stehen und den seltenen Anblick auf Videos festhalten. Die Nordgaustraße entlang geht es bis zur Kreuzung mit der Amberger Straße. Dort findet die Abschlusskundgebung statt.

Wolfgang Bogie, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland in Regensburg, klettert auf die Bühne. Ein paar Schritte weiter klettert auch eine Aktivistin der Letzten Generation – allerdings auf einen Laternenmast. Bogie spricht über die Sallerner Regenbrücke – auch gegen dieses Großprojekt wird demonstriert. Die Idee sei Wahnsinn, betont Bogie. „Kein Regensburger will doch ernsthaft mehr Autoverkehr in der Stadt, besonders hier im sowieso schon stark belasteten Stadtnorden.“ Bogie geht auf das Verfahren vor dem Verwaltungsgerichtshof in München ein, spricht sich für eine Stadtbahn aus und fordert: „Wir wollen eine echte und nachhaltige Verkehrswende.“

Probleme mit Radverkehr

Jürgen klatscht mehrfach energisch, während Bogie spricht. Auch der 47-Jährige fordert eine Verkehrswende. Dazu brauche es starke Konzepte für ÖPNV und Radverkehr. Und ganz grundsätzlich: „Das Rad ist das Beste in der Stadt. Es ist emissionsfrei und man kommt genauso schnell wie mit dem Auto durch die Stadt.“ Ein paar Meter dahinter füttert gerade Rudi seinen Enkelsohn. Warum er hier mitdemonstriert? „Ich fahre seit 50 Jahren mit dem Rad in Regensburg. Das ist in der Stadt einfach gschissn.“ Er streicht seinem Enkel über den Kopf. „Schau hin, der schreibt was auf“, sagt er, deutet auf den Reporter und gibt dem Kleinen ein Stück Kuchen.

Auf der Bühne dankt Benedikt Benz, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, gerade Fridays for Future für die Organisation, da hat die Aktivistin der Letzten Generation ihr Ziel auf dem Laternenmast erreicht. Sie entrollt ein Plakat mit dem Slogan „Who‘s streets? Our streets!“ Auf der Straße dahinter fährt ein schwerer Mercedes los. Sein Fahrer lässt den Motor laut aufheulen.

Es geht bergauf: die Demonstration auf der Nordgaustraße
Bärig: Ein Teilnehmer streifte extra ein Kostüm über.