Regensburg: Fast jeder Alex-Zug nach München ist verspätet – Der Grund liegt an der Grenze

Von Philip Hell · 26. Februar 2024 um 12:00

Julian S. studiert seit sieben Jahren in Regensburg. Wenn er zu seinen Eltern nach Oberbayern will, muss er zunächst einen Zug in Richtung München nehmen. Theoretisch wird die Verbindung einmal jede Stunde angeboten – praktisch sieht es anders aus. „Der Alex ist nie pünktlich“, sagt S., der seinen ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Inzwischen hat er beschlossen, auf das Angebot der Länderbahn gänzlich zu verzichten. Doch stimmt das? Ist der Alex wirklich nie pünktlich?

Tatsächlich kommt das der Wahrheit ausgesprochen nahe. Rund 95 Prozent der Alex-Züge von Prag nach München verlassen Furth im Wald mit einer Verspätung, wie Katerina Hagen, Pressesprecherin der Länderbahn mitteilt. Die Zahl bezieht sich auf den Zeitraum seit dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember. Die Verspätung betrage in der Spitze zwischen 20 und 30 Minuten. „Aufgrund der Gleisbelegungen mit anderen Zügen und der geringen Streckenkapazität erreichen die Züge ihr Endziel München mit deutlich höheren Verspätungen.“ Das heißt: Fast jeder Alex-Zug passiert Regensburg mit Verspätung.

Betreiber hat keinen Einfluss

Der Grund dafür liegt laut Länderbahn an der Grenze: „Seit Oktober des vergangenen Jahres werden in Furth im Wald wieder Grenzkontrollen in haltenden Zügen durchgeführt.“ Erst wenn die Beamten grünes Licht geben, darf der Alex weiterrollen. „Wie lange die Kontrollen dauern, ist unterschiedlich und kann auch mal eine halbe Stunde dauern. Damit kann der Fahrplan nicht eingehalten werden, weil der fahrplanmäßige Halt in Furth im Wald nur zwei Minuten betragen dürfte.“ Auf der Fahrt könne der Alex die Verspätung nicht mehr einholen, weil pünktliche Züge Strecken im Regelfall zuerst passieren dürfen. Laut Länderbahn nimmt die Verspätung des Zuges normalerweise auf der Fahrt weiter zu.

Dabei scheint es derzeit keine Aussicht auf Besserung zu geben. Länderbahn-Sprecherin Hagen: „Wir haben auf die Grenzkontrollen keinen Einfluss. Solange diese in haltenden Zügen durchgeführt werden, besteht keine Möglichkeit, nach Fahrplan zu fahren.“

Die Bundespolizei ist für die Kontrollen verantwortlich. Sylvia Hieninger, Pressesprecherin der Behörde, sagt, dass das Bundesinnenministerium im Oktober 2023 vorübergehend Grenzkontrollen angeordnet habe. „Die Zugverbindung Prag-München hat sich im Zusammenhang mit der irregulären Migration als eine besonders relevante Strecke herauskristallisiert.“ Deshalb habe die Bundespolizeidirektion im Oktober 2023 einen außerplanmäßigen Zug-Halt am Bahnhof Furth im Wald verfügt. Dabei seien die Beamten stets bemüht, die erforderlichen Standzeiten auf das „unabdingbare Maß“ zu beschränken, teilt Hieninger mit. „Die Weiterfahrt der Züge nach dem Ende der Kontrollmaßnahmen in Furth im Wald verzögert sich zudem häufig aus rein bahnbetrieblichen Gründen.“ Aus einsatztaktischen Gründen sei eine Grenzkontrolle im fahrenden Zug nur in Ausnahmefällen möglich. Inzwischen hat das Bundesinnenministerium eine Verlängerung der Grenzkontrollen notifiziert. Das heißt: Diese werden bis zum 15. Juni 2024 weitergehen. Bis dahin hat auch der Alex kaum eine Chance, pünktlich abzufahren.

DB deutlich pünktlicher

Wie sieht es eigentlich mit der zweiten Verbindung von Regensburg nach München aus? Diese startet in Hof und wird von der DB Regio betrieben. Für die Planung , Finanzierung und Kontrolle ist wiederum die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) zuständig. Dort teilt ein Sprecher auf Anfrage mit, dass im Januar dieses Jahres 32 Prozent der DB-Regio-Züge auf der Strecke von Regensburg und München und zurück verspätet waren. Die BEG wertet einen Zug als unpünktlich, wenn er mehr als sechs Minuten zu spät ist. Die durchschnittliche Verspätung auf der Strecke Regensburg-München betrug im Januar exakt sieben Minuten und sechs Sekunden, wie ein BEG-Sprecher mitteilt.

Gründe für die Verspätung können laut Bayerischer Eisenbahngesellschaft grundsätzlich nur für das gesamte Streckennetz ermittelt werden. Wie der BEG-Sprecher mitteilt, sorgen sowohl bei der Verbindung von Prag über Regensburg nach München, als auch beim Zug von Hof über Regensburg nach München, Zugumbildungs- und Rangiervorgänge in Regensburg für Verspätungen. Dazu kommen laut BEG Fahrbahnmängel und Langsamfahrstellen, die zu unpünktlichen Zügen führen.

Ein Großteil – rund 70 Prozent – der Verspätungen sind allerdings Folgeverspätungen, diese können keinem konkreten Ereignis zugeordnet werden, erklärt der BEG-Sprecher. Es lasse sich aber durchaus sagen, dass Zugfolgeverspätungen beispielsweise aufgrund von Rückstaueffekten, verspätete Wenden oder Zugkreuzungen zustande kommen. „Insgesamt ist die Bahninfrastruktur in Deutschland zu alt, zu störanfällig und den heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen – das gibt mittlerweile auch der DB Konzern als bundesweiter Infrastrukturbetreiber offen zu.“

Julian S. hat sich nun dazu entschieden, ein Auto zu leasen. Zum einen, um seinen neuen Job besser zu erreichen. Zum anderen, um nicht mehr auf die Bahn angewiesen zu sein.