Zwischen Blockaden, Farbe und Prozess: Der Kampf der Klimakleber

Von Philip Hell · 1. Januar 2024 um 05:00

Keine Protestgruppe ist so umtriebig wie die Letzte Generation. Beinahe täglich sorgt sie mit Aktionen für Schlagzeilen – auch in Regensburg. Dabei lässt sich aus den Protesten in der Domstadt viel darüber lernen, wie die Letzte Generation funktioniert – und was sie besser machen sollte. Einordnende Beobachtungen aus einem bewegten Jahr.

• Schläge im Gerichtssaal: Ein Prozess wird zur Bühne

Der Mann schlägt sich mit der flachen Hand auf die Backen. Erst rechts, dann links, dann wieder rechts. Er atmet tief durch. Richterin Andrea Costa blickt den 48-Jährigen an. „Wollen Sie eine Pause machen?“ Der Angeklagte schüttelt den Kopf, atmet tief durch, nimmt einen Schluck Wasser und fährt fort. Über Stunden hat der Aktivist wissenschaftliche Studien zitiert, um zu begründen, was er getan hat. Es ist Mai 2023. Rund ein Jahr zuvor hatte sich der Mann an die Frankenstraße geklebt. Es war die erste Aktion der Letzten Generation in Regensburg – und die führte zum ersten Prozess gegen die Umweltaktivisten in der Domstadt. An den fünf Verhandlungstagen im Frühsommer wird deutlich, dass für die Gruppe nicht nur die Straße Schauplatz ihres Protests ist. Die Aktivisten nutzen den Gerichtssaal als Bühne. Inszenieren ihren Widerstand gegen angebliches Staatsversagen. Und die Justiz? Sieht meist zu, gebietet bisweilen Einhalt – lässt sich aber kaum beeindrucken. Am Ende werden die Angeklagten der Letzten Generation allesamt zu Geldstrafen verurteilt.

• Barfuß über den Boden: Die Macht der Bilder

Simon Lachner lehnt lässig in der Tür seiner Wohnung. Es ist Mitte Juni. Die Hände hat der Regensburger Klima-Aktivist in seiner kurzen Hose. Er trägt keine Socken und spricht direkt in die Kamera. „Jetzt kommt die Polizei bei mir zuhause vorbei und interessiert sich schon sehr für einen Protest der heute Nachmittag stattfinden soll.“ Schnitt. Nächste Sequenz: Ein Zivil-Polizist kommt auf Lachner zu. „Also, wir nehmen Sie jetzt mit. Wir machen einen präventiven Gewahrsam mit Ihnen, einen kurzfristigen.“ Schnitt. Die Polizisten schleifen Lachner aus seinem eigenen Haus. „Au.“ Schnitt. Gefesselt sitzt Lachner vor einer Gartenmauer. „Heute um 16.30 Uhr wird ein Protest in Regensburg stattfinden.“ Schnitt. Die Polizisten ziehen Lachner zu zweit in ein Auto. Dieses Video ist in den Mittagsstunden des 12. Juni entstanden. Um kurz nach 16 Uhr hat es die Letzte Generation auf Twitter hochgeladen. Bis heute haben es sich rund drei Millionen Menschen angesehen. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich die Letzte Generation nach außen hin präsentiert. Sie arbeiten mit martialischen Bildern, zeigen, wie Aktivisten von Polizisten weggeschleift werden. Sinnbildlich für die Ohnmacht, die die Protestgruppe einem angeblichen repressiven Staat gegenüber empfindet. Das Video bedient die Macht der Bilder und zeigt: Die Letzte Generation ist wohl die erste Protestgruppe, die ihren Widerstand konsequent digital denkt. Ihr Aktivismus wird die Blaupause künftiger Proteste sein. Das Video zeigt auch: Die Taktik geht auf. Dreieinhalb Stunden nach Veröffentlichung des Videos protestierten rund 50 Menschen vor der Polizeiinspektion Regensburg Süd für eine Freilassung Lachners. Die Beamten fahren ihn gegen 19 Uhr von der Zelle direkt zu einer Veranstaltung mit Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer.

Lesen Sie hier ein Pro und Contra zur Letzten Generation von MZ-Chefreporter Christian Eckl und MZ-Redakteur Philip Hell: Sind die Blockaden der Klima-Kleber gerechtfertigt?

• Farbe an der Kugel:Werben um Studenten

Farbe tropft vom Zentralen Hörsaalgebäude. Langsam bildet sich eine orange Lache vor dem Eingang zur Universität Regensburg. Es ist Mitte November, nur Minuten zuvor haben hier Mitglieder der Letzten Generation die Pforte zur Uni mit Farbe besprüht. Immer wieder kommen die Aktivisten hierher, verteilen Flyer, halten Vorträge. Sie versuchen damit, studentische Kreise für ihre Sache zu gewinnen. Die angeblich so sektenartige Gruppe öffnet sich. Das schlägt sich auch auf der Straße nieder. Neben den Klebe-Aktionen versucht es die Letzte Generation immer wieder mit niedrigschwelligen Protestformen – Demonstrationsmärsche zum Beispiel. Neu ist das sogenannte „Swarming“: Aktivisten blockieren Kreuzungen, ohne sich festzukleben. In Regensburg war diese Protestform erstmals Mitte Dezember zu beobachten. Die Letzte Generation versucht damit, zugänglicher zu werden. Sie will damit von einer versprengten Gruppe Klima-Radikaler zur Protestbewegung aufsteigen.

• Die gescheiterte Blockade: Kampf gegen die Falschen

Anja Windl stützt sich mit ihrer rechten Hand auf ihre linke und presst sie auf den Boden. Vor ihr liegt eine Tube Sekundenkleber. Im vergangenen Jahr machte sie immer wieder Schlagzeilen, avancierte zur Reizfigur des Boulevard, da sie Pop-Star Shakira gleicht. An diesem frühen Dienstagmorgen im August sitzt sie auf der Herbert-Quandt-Allee vor dem Regensburger BMW-Werk. Neben ihr zehn weitere Aktivisten der Letzten Generation. Die Blockade des Autobauers ist Teil einer großangelegten Tour der Aktivisten durch Bayern. Über Wochen wollen sie vor der Wahl für Aufruhr sorgen. Die Blockade vor dem BMW-Werk verpufft – dort ist Sommerpause. Vereinzelt kommen Menschen zu spät zur Arbeit. Dieser Versuch ist sinnbildlich für eine Taktik der Letzten Generation, die nicht aufgeht. Sie versuchen zwar, auf große Firmen zu zielen, treffen aber meist die kleinen Leute, deren Ärtger sie auf sich ziehen. Sie blockieren Bürger, die zu ihren Kindern oder in die Arbeit wollen. So entsteht der Eindruck einer kleinen verkopften Radikalen-Truppe. Ein Bild, das die Aktivisten gerade rücken wollen – zum Beispiel mit Vorträgen. Ob sie es mit dieser Taktik in die Mitte der Gesellschaft schafft, wird dieses Jahr zeigen.