Pro und Contra: Sind die Blockaden der Klima-Kleber gerechtfertigt?

Zwei Tage lang sorgten die Klima-Aktivisten der Letzten Generation für Chaos in Regensburg. Am Montag klebten sie sich an zahlreiche Straßen, am Dienstag blockierten sie das BMW-Werk. Sind diese Aktionen nachvollziehbar? Ja, sagt MZ-Redakteur Philip Hell, „weil sie dafür kämpfen, das zu retten, was noch zu retten ist.“ MZ-Chefreporter Christian Eckl sieht das anders. Er sagt: „Das Problem mit der Letzten Generation ist, dass sie diese Grundlagen unserer Demokratie nicht akzeptieren möchte.“ Lesen Sie hier die kompletten Kommentare.
Philip Hell: Die berechtigte Verzweiflung der Klima-Kleber
Man muss wohl selbst gesehen haben, wie ein Autofahrer auf einen jungen Typ mit Pferdeschwanz zurast, der am Boden sitzt. Man muss wohl selbst erlebt haben, wie der Fahrer nicht bremst, obwohl der Aktivist schon halb unter dem Auto liegt – und trotzdem ruhigbleibt. Es nötigt einem Respekt ab, wie die Aktivisten mit dem blanken Hass umgehen, der ihnen entgegenschlägt.
Natürlich nervt die Letzte Generation – vor allem, weil sie uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Mag sein, dass wir alle das Gegenteil behaupten, aber im Endeffekt ist uns die Umwelt doch völlig wurscht. Genau deshalb braucht es die Letzte Generation, weil sie unser schlechtes Gewissen ist. Weil sie daran erinnern, dass auch sie noch auf diesem Planeten leben wollen – ohne dass er in Flammen steht. Weil sie dafür kämpfen, das zu retten, was noch zu retten ist.
Ob die Straßenblockaden das Mittel der Wahl für diesen Kampf sind, darf hinterfragt werden. Allerdings: Was sollen die jungen Menschen in ihrer Verzweiflung sonst tun? Wieder alle halbe Jahre am Freitag mit lustigen Schildern durch die Altstadt laufen? Das rüttelt doch keinen mehr wach.
Lesen Sie hier einen Bericht zur Blockade am Dienstag: Klima-Kleber blockieren BMW in Regensburg – Firma macht aber gerade Sommerpause
Christian Eckl: Die Letzte Generation ist gegen die Demokratie
Man stelle sich vor, eine Gruppe AfD-ler würde sich auf der Straße festkleben, um einer vermeintlich verfehlten Einwanderungspolitik Einhalt zu gebieten: Der Aufschrei wäre groß. Kleben sich aber Extremisten der Letzten Generation auf Regensburgs Straßen fest, wird Verständnis für die Sache eingefordert. Das ist grundfalsch. In einer Demokratie einigen sich gewählte Volksvertreter auf Maßnahmen. Das gilt auch für die Klimapolitik. Das Problem mit der Letzten Generation ist, dass sie diese Grundlagen unserer Demokratie nicht akzeptieren möchte. Sie ist eine kriminelle Vereinigung, die in der Absicht, Straftaten zu begehen, agiert. Das sind die abstrakten Gründe, wieso ihr Vorgehen abzulehnen ist.
Die konkreten sind diese: Was sagen die Aktivisten dem Busfahrer, der im Stau steht und die Klimaanlage mit dem Dieselmotor des Busses betreiben muss, weil seine Fahrgäste bei der Hitze sonst kollabieren würden? Oder den Menschen, die auf dem Weg zu dringender medizinischer Versorgung waren? Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Wer unser System erschüttern will, destabilisiert unsere Demokratie. Wo ist der Widerstand der Demokraten gegen diese Extremisten?