Lehreronnen statt Lehrer: Regensburger bringt neue Gender-Methode ins Spiel

Seit der Rat für deutsche Rechtschreibung über Gendersternchen beriet, ist die Debatte über dieses Thema neu in entflammt. Ein Regensburger will es lieber ganz anders aufrollen.
Das ist Rentner Josef Gnadl. Er sagt, mit dem Gendern eigentlich gar nichts am Hut zu haben. Selbst auf seiner Homepage taucht sein Beitrag zur Debatte nur unter dem Begriff „Offtopic“ auf, ansonsten setzt er sich hier mit Daten und Konfigurationen auseinander. Allerdings möchte er doch, dass sein Vorschlag zumindest einmal diskutiert wird: inverses Gendern.
Was heißt das? Gnadl geht es um Wörter, bei denen die weibliche Form auf „-in“ endet: Wörter wie Lehrer, Bäcker oder Kunde. Er bringt ins Spiel, Wörter wie diese zum Neutrum zu erklären. Lehrerin, Bäckerin, Kundin – die weibliche Form könne so weiterbestehen wie bisher. Sollte explizit ein Mann gemeint sein - was Gnadl zufolge gar nicht so häufig vorkommt-, könne das durch die Endung „-on“ zum Ausdruck gebracht werden: Lehreron, Bäckeron, Kundon. Auch der Plural sei kein Problem. Analog zu Lehrerinnen, Bäckerinnen oder Kundinnen könne dann ja die Rede oder Schreibe von Lehreronnen, Bäckeronnen oder Kundonnen sein.
Inverses Gendern: Wie funktioniert das?
Die Vorteile liegen für Gnadl auf der Hand: Das sei von der Sprachstruktur her logisch. Außerdem könne so beim Sprechen die Pause für das Sternchen, das Binnen-I oder den Unterstrich vermieden werden. „Das bereitet mir körperliches Missempfinden“, sagt er. Auch Partizipformen wie „Studierende“ seien dann überflüssig ebenso wie die Nennung beider Formen, etwa Bäckerinnen und Bäcker.
Aber was ist dann mit der Katze, der Biene oder der Giraffe? „Das ist mit Wurscht. Das wäre ja nur auf Menschen bezogen“, sagt Gnadl. Nur dort, wo die weibliche Form durch die Endung „-in“ ersichtlich wird, solle es die Endung „-on“ für die männliche Form geben. Die bisher männliche Form würde dann eben das Neutrum signalisieren.
Der Vorschlag komme nicht von ihm. Er habe ihn bei einer Netzrecherche gefunden. Andere Verfechter dieser Methode hätten dabei die männliche Endung „-ich“ wie in Enterich vorgeschlagen. Auch von „-is“ als Endung sei in diesen Netzbeiträgen die Rede. Zudem habe er ein weiteres „-er“ als Vorschlag recherchiert. Lehrerer also, allerdings habe er das beim Satiremagazin Postillon gefunden.
Sprachwissenschaftler: „Solche Vorschläge sind auch legitim“
Wie ist dieser Vorschlag also einzuschätzen? Paul Rössler leitet den Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Regensburg und sagt: „Inverses Gendern ist eine von vielen Spielarten, die bei der Genderthematik diskutiert werden.“ Beim inversen Gendern werde eine neue Endung ins Spiel gebracht. „Das ist sprachspielerisch, interessant und solche Vorschläge sind auch legitim, aber ich bin skeptisch, ob sich das durchsetzen wird“, resümmert der Linguist. Immerhin sei das ein massiver Eingriff in den Sprachgebrauch, weil alle maskulinen Formen geändert werden müssten. Seine Erfahrung sei, dass sich derlei grundsätzliche Eingriffe kaum durchsetzen. Das zeige etwa die Debatte rund um die Diskussion des Rechtschreibrats zum Gendersternchen. Zentrale Frage bei vorgeschriebenen Veränderungen der Sprache sei, wie viele die neu vorgeschlagenen Formen auch annehmen. „Weil die Entwicklung noch offen ist, entschied sich der Rat ja dann auch dazu die Sache zu beobachten“, sagt Rössler.
Und so sagt auch Gnadl, selbst nicht so zu sprechen. „Wenn ich das jetzt so im Gespräch mit jemandem verwende, versteht der das ja nicht. Dann muss ich mich erklären“, sagt er. Er wolle das Thema zuerst öffentlich machen. Sollte es zu der von ihm forcierten Debatte kommen, würde das „-on“ aber durchaus Sinn machen, vermutet er. Deswegen habe er es im Netz thematisiert. Und falls diese Diskussion ausbleibt? „Dann habe ich eben Pech gehabt“, sagt er.
Eingriff in die Sprache: Luther als Beispiel
Rössler nennt allerdings auch ein Beispiel das zeigt, wie ein Einzelner der deutschen Sprache durchaus einen gewaltigen Stempel aufdrückte: Martin Luther. Lückenbüßer, Langmut, Feuereifer, Götzendienst, Eindruck, Einbildung, Einfluss, Rechtfertigung oder Vergebung – all das seien Begriffe, die der Reformator erfunden und eingeführt hat und die auch heute noch verwendet werden.