Chefvolkswirt der Commerzbank zu Besuch in Regensburg: Er findet, wir sollten wieder mehr arbeiten

Er ist mit der Bahn angereist, nicht mit Limousine und Chauffeur. Das zeugt nicht nur von Bescheidenheit, sondern dieser Tage auch von Mut angesichts der Streikwelle. Jörg Krämer ist seit 2006 Chefvolkswirt bei der Commerzbank. In der Filiale am Bismarckplatz in Regensburg beantwortet der Mann grundlegende Fragen zum Zustand der Wirtschaft.
Wie steht es um sie in Zeiten des Krieges in Europa? „Sicherheit, auch militärische, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Wirtschaft floriert“, sagt Krämer. Nicht zuletzt deshalb sei es so wichtig, dass Russlands Präsident Vladimir Putin diesen Angriffskrieg auch nicht gewinnt. Klar ist aber auch: „Deutschland und damit wir alle sind ärmer geworden durch diesen Krieg.“
Denn während die Verbraucherpreise letztlich auch durch die Energiekrise immer weiter gestiegen sind, legten die Löhne nicht im gleichen Maße zu. Auch die Inflation gehört in diesen Krisen-Kanon. Sie scheint ja vorbei zu sein. Oder? „Es ist viel zu früh, um zu sagen, dass die Inflation im Griff ist“, sagt Krämer. Die Erfahrung aus den Ölschocks der 70er Jahre zeige, dass die Energiepreise nicht auf Dauer nach oben schnellen können.
Deshalb klingt der Inflationsbeitrag von dieser Seite wieder ab und die Inflation zunächst rasch sinkt. „Wir haben damals aber auch gesehen, dass die Inflationsrate irgendwann aufhört zu fallen oder sogar wieder ansteigt.“ Es sei gefährlich, meint Krämer, wenn Notenbanken denken, die Inflation sei besiegt und die Zinsen zu früh wieder senken würden. „Das Inflationsbiest ist nicht besiegt“, ist sein Fazit.
„Da hat Herr Habeck Recht“
Ausgerechnet Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte sich nun gegen übermäßige Forderungen der Gewerkschaften gewandt. Es werde „zu viel für immer weniger Arbeit gestreikt beziehungsweise geworben“, so Habeck, „und das können wir uns in der Tat nicht leisten“. Krämer sagt, die Verbraucherpreise seien seit der Corona-Pandemie um 18 Prozent gestiegen. Die Löhne der Allermeisten sind es aber nicht. Er könne also die Forderungen der Gewerkschaften verstehen. Aber: „Wir sind durch die hohen Energiepreise als Volkswirtschaft ärmer geworden.“
Jeder Versuch, sich diesen Wohlstandsverlust zurückzuholen von den Unternehmen, sei verständlich, würde aber scheitern und die Inflation nur weiter anheizen. „Das sind Verteilungskämpfe“, konstatiert der Banker. „Was ich nicht verstehen kann“, sagt er, und damit sei er ganz bei Habeck, „ist der Gedanke, dass man durch weniger Arbeit den gleichen Wohlstand erhalten kann, obwohl der Kuchen dadurch kleiner wird“. Eine immer älter werdende Gesellschaft müsse länger arbeiten statt weniger und kürzer. Und sein Fazit hier lautet auch: „Es gibt kaum Beispiele in der Geschichte, in der Verteilungskämpfe zu mehr Wohlstand geführt haben.“
Linke fordern Reichensteuer
Dabei werden gerade aus der Linken immer wieder Forderungen nach Reichensteuern oder mehr Umverteilung von Finanzkapital erhoben, beispielsweise durch Kapitalsteuern. Auch bei diesem Thema lässt der Chefvolkswirt der Commerzbank spüren, dass es nicht so einfach ist, wie manche linke Politiker glauben machen wollen. „Ein Land, das anfängt, sich gegen die Kapitalgeber zu wenden, wird nicht nur diese Kapitalgeber verlieren, sondern auch Arbeitsplätze.“ Politik sollte sich deshalb darauf fokussieren, den Kuchen größer zu machen.
„Erosion der Standortqualität“ nennt Krämer das, was er seit Jahren beobachtet – auch schon unter der konservativen Regierung mit Angela Merkel an der Spitze. Unternehmenssteuern sind im internationalen Vergleich mit die Höchsten, so dass sich internationales Kapital eher ab- als zuwendet. Überbordende Bürokratie – als Beispiel nennt Krämer das Lieferkettengesetz – und exzessive Dokumentationspflichten würden gerade den Mittelstand belasten. „Dabei sind die Mittelständler oft seit Generationen wirtschaftlich tätig, sie sind wendig und können sich gut an neue Rahmenbedingungen anpassen“ – doch genau dieser Mittelstand wird zunehmend belastet.
Auch die Infrastruktur sprach Krämer an. „Lange Genehmigungsverfahren treffen hier auf einen schlechten Zustand von Brücken und Straßen, digitaler Infrastruktur und Schulen. Die Latte ist lang“, sagt Krämer, „und ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich die Unternehmen je so viel Sorgen um den Standort gemacht haben wie im Moment.“
Energieintensive Unternehmen drosselten ihre Produktion um 20 Prozent, als die Preise explodierten. Das Fatale aber sei, „dass sich die Produktion nicht erholt, obwohl die Energiepreise wieder deutlich gesunken sind“. Einen Preis werde auch die Energiewende haben. „Auch wenn es natürlich Schnellboote im Mittelstand gibt, die Gewinner dieser Energiewende sein können“, sagt Krämer. „Aber den Glauben an ein grünes Wirtschaftswunder habe ich nicht“, sagt der Volkswirt. Die Klimawende bedeute schlicht, Ressourcen, die in die Produktion von Gütern fließen würden, in die „Produktion eines besseren Klimas zu lenken“, wie er anschaulich erläutert. „Man zahlt dann den materiellen Preis für den immateriellen Gewinn eines besseren Klimas.“ Man könne fragen, ob sich das lohne angesichts der Tatsache, dass Deutschland nur rund zwei Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß beitrage. „Aber zynisch gesprochen kann der Gewinn ja auch darin bestehen, dass man sich dann besser fühlt.“
Lange kein eigenes Haus
Doch wie legt jemand wie Krämer eigentlich selbst sein Geld an? Zunächst einmal wundert sich der Banker, dass die Deutschen so wenig Vertrauen in die eigenen Unternehmen haben und ganz anders als etwa die Amerikaner kaum in Aktien investieren. Er selbst habe sich lange Jahre hinweg geweigert, ein Eigenheim zu kaufen, weil er es nicht als sinnvoll gefunden habe, mittels Kredit sein gesamtes Vermögen auf eine Karte zu setzen. Nicht nur die Familie habe ihn eines Besseren belehrt. 2009 habe er es dann doch getan. „Heute bin ich froh über diese Entscheidung, die zwar der Investmenttheorie widerspricht, aber mir und meiner Familie eine emotionale Rendite bringt“. Immerhin: Auch Wohlfühlen ist ja ein Wert.
