BMW Regensburg: „Die Nachfrage nach unseren Autos steigt fast täglich“

Armin Ebner leitet seit gut drei Monaten das BMW-Werk Regensburg. Der gebürtige Niederbayer spricht mit uns im Exklusiv-Interview über seine Auto-Passion, Neueinstellungen, wo das Werk innerhalb von BMW führend ist und was derzeit alle 57 Sekunden in der Fabrik geschieht – Tag und Nacht.
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Hinter Ihrem Schreibtisch hängt ein Poster der Studie des legendären Sportwagens BMW M1. Sind Sie ein Autofreak?
Armin Ebner: : Ja. Meine Technikbegeisterung geht bis in die Jugend zurück. Nach dem Abitur habe ich mir eine Puch Baujahr 1953 (Anm.: ein Motorrad) gekauft und sie restauriert. Seit dieser Zeit habe ich immer wieder auch BMW-Fahrzeuge komplett neu aufgebaut. Die Automobilindustrie und speziell BMW war in meiner Berufswahl die erste Adresse, ganz klar.
Warum BMW?
Ebner: Der Schwiegervater hat damals einen gefahren. Die Begeisterung für die sportlichen Autos, das Design...
Sie waren ihr Berufsleben lang bei BMW. Welche Stationen waren entscheidend?
Ebner: : Ich bin in der Motorenentwicklung, in der Formel 1, gestartet. Dann kamen Qualitätsmanagement, Produktion, Planung und Strategie. Diese Breite an Funktionen und Möglichkeiten haben mich gut auf die Rolle als Werkleiter vorbereitet.
Ihr Vorgänger Carsten Regent ist nach kurzer Zeit im Amt gestorben. Haben Sie ihn gekannt?
Ebner: Ja, ich habe Carsten über lange Jahre gekannt und mehrfach mit ihm zusammengearbeitet. Dass er so früh verstorben ist, das ist tragisch und sehr, sehr traurig.
Wie ist Ihr Start als Werkleiter verlaufen?
Ebner: Es ist ein Start in einer anspruchsvollen, aber sehr positiven Situation. Gemeinsam mit meinem Antritt ist der X2 angelaufen. Die Nachfrage sowohl nach X1 und X2 ist aktuell sehr hoch. Im November sind wir deshalb in den Dreischichtbetrieb gestartet. Das zu stemmen, war eine Herausforderung. Durch die hohe Nachfrage und den großartigen Teamspirit im Werk war der Einstieg insgesamt sehr positiv.
Von welchen Stückzahlen reden wir konkret?
Ebner: 2023 von 238.301 Autos. Derzeit bauen wir arbeitstäglich um die 1300 Fahrzeuge. Das bedeutet: Alle 57 Sekunden wird ein Fahrzeug fertig – und das rund um die Uhr. Die Nachfrage steigt fast täglich. Wir werden in diesem Jahr noch einmal signifikant mehr Fahrzeuge produzieren.
Wie viele?
Ebner: Es können, wenn die Marktnachfrage so bleibt, über 300000 Einheiten werden – eine prächtige Zahl.
Sehr viel mehr als im Vorjahr. Ist das so einfach realisierbar?
Ebner: Schon die 238000 Einheiten waren eine große Steigerung. Ein Dreischichtbetrieb unter Volllast, teilweise Samstagsschichten, das ist herausfordernd – im positiven Sinne.
Brauchen Sie dafür zusätzliche Mitarbeiter?
Ebner: Wir haben im vergangenen Jahr 500 Mitarbeiter eingestellt. Um die 600 Neueinstellungen werden dieses Jahr noch einmal dazukommen. Die alle zu rekrutieren, wird eine Herausforderung. Den Fachkräftemangel spüren auch wir. Wenn man die natürliche Fluktuation abzieht, werden wir einige Hundert Beschäftigte mehr haben. On Top stellen wir 120 Azubis ein.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie insgesamt, gemeinsam mit dem Standort Wackersdorf?
Ebner: Ende 2023 waren es 9250 Beschäftigte.
In Regensburg liefen früher mehr verschiedene Modelle vom Band. Jetzt sind es nur noch X1 und X2. Was ist mit dem klassischen 1er geschehen?
Ebner: Der 1er wird seit Ende letzten Jahres nicht mehr im Werk Regensburg gefertigt. Er wird nur noch in Leipzig produziert, einfach um bei uns Platz zu schaffen für den X1 und den X2. Beides sind im boomenden Segment der Kompaktklasse hoch nachgefragte Produkte. Aus der Sicht des Werkes ist es gut, weniger Derivate mit einer hohen Auslastung zu fahren. So können wir unsere Prozesse optimieren und wettbewerbsfähiger produzieren.
Das bedeutet aber auch, dass Sie sehr abhängig von diesen zwei Produkten sind. Ist das für Sie ein Problem?
Ebner: Wenn man betrachtet, wie sich das Segment der Kompaktklasse entwickelt, ist das genau die richtige Strategie. Die Nachfrage ist auf absehbare Zeit sehr stabil.
Wie lange ist „absehbare Zeit“?
Ebner: Wir rechnen in unseren Modellzyklen.
X1 und X2 sind beide noch ganz neu...
Ebner: Da sehen Sie, wie weit wir vorausdenken. Wir gehen aktuell davon aus, dass wir über die nächsten Jahre diese Auslastung haben werden.
Trotzdem: Gibt es zusätzliche Modelle zu X1 und X2, die vor der Haustür stehen?
Ebner: Im Moment liegt der Fokus darauf, den X2 in den Markt zu bringen. Aber wir machen uns schon Gedanken zur nächsten Modellgeneration und bereiten uns darauf vor. Ende dieses Jahrzehnts wird sie anlaufen. Die Neue Klasse (Anmerkung: die ab 2025 gebaute, rein batterieelektrische Plattform für künftige Generationen verschiedener Modelle) wird für Elektrifizierung, Digitalisierung und Zirkularität neue Maßstäbe setzen. Auch in Regensburg.
Das heißt also, der nächste X1 gehört zur Neuen Klasse?
Ebner: Sagen wir so: Zukünftig wird die Neue Klasse für BMW prägend sein.
Stehen größere Investitionen im Werk an?
Ebner: Wir haben 2023 einen dreistelligen Millionenbetrag investiert. Auch heuer wird wieder ein dreistelliger Millionenbereich in den Standort Regensburg wie auch nach Wackersdorf fließen. Wir bereiten uns bereits jetzt auf die nächste Produktgeneration vor, investieren aber auch signifikant in die Ressourcenschonung.
Beim X1 ist BMW bei der Einführung davon ausgegangen, dass 30 Prozent Anteil auf den vollelektrischen iX1 entfallen werden. Wie ist es tatsächlich?
Ebner: Aktuell ist ungefähr ein Drittel elektrisch, ein Zehntel Hybrid, der Rest sind Verbrenner.
Wie gut ist mittlerweile die Batteriefertigung in Regensburg ausgelastet?
Ebner: Sehr gut. Wir haben im vergangenen Jahr weit über 100000 Hochvoltbatterien gefertigt.
Das Werk München wird ab 2027 nur noch vollelektrische Modelle (Fachbegriff BEV) bauen. Gibt es für Regensburg Anhaltspunkte, wie hoch der Elektroanteil wann sein soll?
Ebner: Der Anteil der elektrischen Fahrzeuge bei BMW ist im letzten Jahr um 75 Prozent gestiegen. Bei steigender Marktnachfrage könnten wir in Regensburg theoretisch auch heute schon 100 Prozent BEV fertigen. Wir sind vollkommen flexibel, was die produzierten Antriebe betrifft. Wir haben mit dem iX1 ein Erfolgsmodell und somit einen signifikanten Elektroanteil. Und wir gehen von einer weiteren deutlichen Steigerung der Elektromobilität aus.
Wie lautet die langfristige Perspektive für das Werk Regensburg? Bleibt es das Kompetenzzentrum für kompaktere Modelle und für die Produktionsanläufe neuer Modelle?
Ebner: Als Leitwerk sind wir für die Neuanläufe aller Modelle der Kompaktklasse im Konzern verantwortlich. Das bedeutet, dass Regensburg zwei Modelle baut, aber auch künftig Anläufe in Oxford oder China mit seiner Kompetenz unterstützt.
Regensburg war auch bei der Digitalisierung vorne. Beim digitalen Zwilling, dem exakten digitalen Abbild des Werkes, war dieser Standort der erste, der das bei BMW gemacht hat. Wie geht das weiter?
Ebner: Der Digitale Zwilling war nur ein Anfang. Mittlerweile haben wir den Gedanken weitergesponnen. Immer wenn wir neue Fahrzeugmodelle in die Fabrik integrieren, sichern wir sie vorher in einem virtuellen Modell ab. Im Rahmen eines Pilotprojekts in Regensburg haben wir erstmalig ein Mensch-Modell zur Anwendung gebracht, mit dem wir ergonomische Abläufe simulieren – wie bewegt sich der Mensch, welche Belastungen gibt es im Arbeitsablauf und wie können wir das optimal gestalten? In einer sehr frühen Phase können wir damit auch virtuell schulen. Nach dem Betriebsurlaub zum Jahreswechsel haben wir beispielsweise einen neuen Bandabschnitt in der Montage in Betrieb genommen. Zuvor haben alle Mitarbeitenden ihren Arbeitsplatz schon virtuell erleben können. Das virtuelle Fabrikmodell ist eine konsequente Weiterentwicklung des digitalen Zwillings. Darin sind sogar durchgängige Daten aus der Entwicklung integriert. Ich würde ich sagen, da sind wir bei BMW führend.
Wie werden die Mitarbeiter dabei konkret geschult?
Ebner: Mit VR-Brillen. Man kann damit virtuell direkt durch das Montageband gehen, nach Bauteilen greifen und sogar Abläufe trainieren.
Zur Person Armin Ebner
Herkunft: Armin Ebner wurde am 1972 in Zwiesel in Niederbayern geboren.
Aktuell: Seit seinem Einstieg 1997 ist Ebner bei BMW beschäftigt und seit November 2023 Leiter des Werks Regensburg.
Karriere: Nach dem Ingenieursstudium begann Armin Ebner als Entwicklungsingenieur für Hochleistungsmotoren in der Formel 1. Ab 2005 war er in Rosslyn in Südafrika, bevor er in Regensburg Qualitätsmanagement und Fahrzeugservice leitete. Anschließend leitete er in Dingolfing Vormontage und physische Logistik. Es folgten die Verantwortung für die Montage in München und die Montageplanung weltweit. Von Mitte 2021 bis Mitte 2023 Leitung Produktionssystem, Digitalisierung der weltweiten Produktion; bis Oktober 2023 Leitung der Produktion Hochvolt-Speicher in Dingolfing und Regensburg.