Ein Star mit Ecken, Kurven und Kanten – und Strom vom Dach

Von Mittelbayerische Zeitung · 7. September 2023 um 05:00

Autohersteller und Autozulieferer aus unserer Region sind prominent auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in München vertreten. Wir haben auf dem sogenannten Summit – der Messe in den Hallen für Fachbesucher – nachgesehen und viele interessante Eindrücke gewonnen.

• BMW: Chrom? Zierleisten? Fehlanzeige. Gebogene Linien, optischer Schnickschnack? Nichts dergleichen. Was BMW als Ausblick auf die Neue Klasse, die Zukunftsgeneration des Herstellers, zeigt, erscheint absolut clean. Kein Protz-Element, ein eher freundlicher „Blick“. Man nimmt optisch die Vergangenheit wahr, die Tradition ab den sechziger Jahren. Dennoch ist das Auto in der Größe der 3er Reihe nicht retro. Es wirkt in seinen Proportionen vertraut und steht dennoch da wie ein Wesen aus der Zukunft. Nicht rundgelutscht wie viele andere Modelle, sondern mit keck vorstehender Haifischnase und Ecken und Kanten. So sieht ein Sympathieträger für die Elektromobilität aus. Die Besucher reagieren denn auch sehr positiv, sagt ein Sprecher.

Das Schicksal vieler Modelle, die als Studien begeisternd, in der Serienversion dann aber langweilig ausfielen, soll die Neue Klasse nicht teilen. Rund 90 Prozent des Designs seien serienreif. Die Neue Klasse (NK) ist die erste reine Elektro-Plattform von BMW. Die Produktion startet 2025 im neuen Werk in Ungarn, allerdings mit einem SUV, der als vollelektrischer X3 gelten darf. Danach folgt die gezeigte Limousine, der Strom-3er. Binnen zwei Jahren sollen sechs Varianten der NK auf die Straße kommen. Auf lange Sicht soll die NK „alle relevanten Segmente“ abdecken. Produziert werden die Modelle nach Ungarn auch in München, dann folgen China und Mexiko. Langfristig wird die NK in alle Standorten einziehen, auch Dingolfing und Regensburg werden dabei sein. In Dingolfing startet soeben die neue 5er-Reihe, ab Frühjahr 2024 gibt es auch den vollelektrischen i5. Dieser steht auf einer aktuellen Plattform, die für Verbrenner und Stromer taugt. Gleiches gilt für den Regensburger X1.

Auffallend: Im NK-Modell gibt es nur einen Bildschirm. Viele Anzeigen werden über die volle Breite am unteren Rand der Windschutzscheibe eingeblendet. Die Bedienung erfolgt weitgehend über Lenkradtasten und Sprachbefehle. So soll der Blick auf die Straße gerichtet bleiben.

• Audi: Die Ingolstädter zeigen einen verkleideten Q6 e-tron und präsentieren damit den neuen Innenraum. Hier herrscht eine andere Philosophie: Bildschirme über die gesamte Front. Ein gebogener Panorama-Screen erstreckt sich über rund zwei Drittel des Innenraums. Der Beifahrer wird mit einem extra Monitor beglückt. So ist die Front über die komplette Breite mit Bildschirmen bestückt.

Der Q6 e-tron, der sich die Basis mit dem künftigen Porsche Macan teilt, ist das erste Audi-Modell auf der Premium-Elektroplattform, auf der auch der A6 e-tron stehen wird. Der Q6 läuft in Ingolstadt vom Band. Das Auto steht Anfang 2024 bei den Händlern, wenig später folgt der A6 e-tron, ebenfalls aus Ingolstadt. Von hier wird der Weltmarkt, außer China, mit Autos der Premium-Plattform versorgt. Audi nutzt den Umstieg auf E-Mobilität, um das Produktionsnetzwerk umzugestalten, sagt Sprecher Sebastian Schalk. In Ingolstadt hat Audi, analog zu BMW in Regensburg, in der Nachbarschaft ein Batteriewerk gebaut. Ingolstadt fertigt aktuell die Modelle A3, Q2, A4 und A5. Die neuen E-Modelle sorgten dafür, dass Ingolstadt (42000 Mitarbeiter) „sehr gut ausgelastet“ sein werde. Der A6-Anlauf bringe 500 neue Arbeitsplätze. Die Produktpalette des Werks sei für die nächsten zwei bis drei Jahre fixiert.

• Continental: Der Zulieferer verkündete eine Zusammenarbeit mit Google Cloud. Künstliche Intelligenz soll in den Fahrzeugrechner integriert werden. Dafür müssen die Computer sehr leistungsfähig sein. Hochleistungsrechner fertigt Conti auch in Regensburg. Bereits Ende 2024 sollen rund 30 Autos mehrerer Marken mit Hochleistungsrechnern laufen.

• AVL: Etwas ähnliches zeigt AVL. Der Entwickler von Produkten für die E-Mobilität mit 600 Mitarbeitern in Regensburg präsentiert ein Steuergerät für das autonome Fahren. In zwei, drei Jahren soll es in Serie gehen.

• Webasto: Dächer in allen erdenklichen Varianten, dazu Heizung und neuerdings Batterien – der Zulieferer aus Stockdorf bei München mit Werken unter anderem in Schierling (Kreis Regensburg), Utting und Hengersberg präsentiert ein üppiges Angebot. Schön anzusehen ein komplett versenk- und verdunkelbares Glas-Faltdach am Maserati MC 20; oder der herabschwenkende, fast innenraumbreite Bildschirm für Fondspassagiere im 7er-BMW (Webasto liefert die ins Dach integrierte Schwenkmechanik). Aber mehr Fokus liegt auf E-Mobilität und autonomem Fahren. Dazu passen ein öffenbares Panoramadach mit Solarzellen, um die Reichweite des E-Autos zu steigern. In Serie geht aktuell ein kompaktes Modul am vorderen Ende des Daches, das die Sensorik für das autonome Fahren aufnimmt. Panoramadächer können durchsichtig oder verschattet werden, auch segmentweise unterschiedlich (stufenlos vorne dunkel, hinten hell oder umgekehrt, Ambientelicht in diversen Designs).

Mit Dächern kennt sich Webasto lange aus, recht neu sind die Batterien. Webasto liefert für Busse, Baumaschinen und auch für Autos, bevorzugt für kleinere und mittlere Stückzahlen.

Regensburg und Ingolstadt werben für sich

Cluster Regensburg: Auf der IAA gibt es einen Gemeinschaftsstand des Regensburger Clusters Mobility & Logistics. Plakativ wirbt man mit „Innovationskraft aus Regensburg“, gemeinsam etwa mit dem Unternehmen Intive, das für große Autobauer die Anzeigen auf Bildschirmen gestaltet und die Bedienungsideen liefert.

Ingolstadt: Am Stand der Mobilitätsregion Ingolstadt zeigt die dortige Technische Hochschule unter Federführung von Professor Alessandro Zimmer ein Forschungsprojekt, welches das Auslösetiming von Airbags verbessern soll. Dazu checken Kameras, wie die Passagiere im Auto sitzen, um das Auslösen daran anzupassen.

Bildschirme auf breiter Front: der Innenraum des Audi Q6 e-tron Foto: Fleischmann
Regensburg wirbt mit Innovationskraft für sich Foto: Fleischmann