Viele Kirchenaustritte: Rodings Pfarrer will sich nicht entmutigen lassen und macht Angebote

Von Oliver Hausladen · 14. März 2024 um 05:00

108 Kirchenaustritte gab es im vergangenen Jahr in der Pfarrei Roding, „und jeder einzelne davon tut mir weh“, sagt Pfarrer Matthias Kienberger.

Die Gründe, warum so viele Menschen der Katholischen Kirche den Rücken kehren, seien zum allergrößten Teil nicht vor Ort zu suchen, sondern lägen an Skandalen wie Kindesmissbrauch oder der Kirchensteuer, sagt der Geistliche, der sich trotzdem nicht entmutigen lassen und die vielfältigen Angebote der Pfarrei aufrechterhalten will. „Auch, wer reden will, ist immer willkommen“, sagt Kienberger.

Erst am Mittwoch habe er wieder einen Brief vom Kirchensteueramt in Regensburg mit einem Austritt eines 25-Jährigen erhalten, sagt Kienberger. „Mich stimmt es traurig und nachdenklich, wenn die Menschen die Kirche verlassen“, sagt er.

Frage nach Beweggründen

Den Austritt erklären könne man beim Standesamt im Rathaus, nach Gründen dafür werde dort nicht gefragt. Aufgrund von schlechten Erfahrungen in seiner vorherigen Pfarrei fragt auch der Geistliche nicht direkt oder per Brief nach den Beweggründen für den Austritt, aus Gesprächen weiß Kienberger aber, was die Menschen in den meisten Fällen zu dieser Entscheidung bewogen hat: „Die Missbrauchs-Skandale, die Kirchensteuer oder Verschwendung werden ganz oft genannt“, erläutert er. Niemand habe ihm aber bisher gesagt, dass er wegen der Pfarrei oder des Pfarrers ausgetreten sei, immer seien die Gründe überregional.

„Angebote aufrechterhalten“

Ob das nicht frustrierend für einen Pfarrer vor Ort sei, der sich für die Menschen in seiner Pfarrei engagieren wolle? In gewisser Weise schon, antwortet Kienberger, er wolle sich aber keinesfalls entmutigen lassen, zumal es etwa in Roding auch eine sehr aktive Kirchengemeinde gäbe, in der für alle Altersgeschichten etwas dabei sei. „Für viele sind unsere Angebote, die teilweise auch gut angenommen werden, sehr wichtig, sie werden deshalb auch keinesfalls zurückgefahren“, betont er.

Die meisten Menschen würden nicht austreten, weil ihnen der Glaube an Gott fehle, sondern sie mit der Institution Kirche nichts anfangen können, meint Kienberger.

Wichtig sei es ihm, schon Kinder und Jugendliche an Glaube und die Kirche heranzuführen, sei es in der Schule beim Unterricht oder etwa auch durch den Ministranten-Dienst. „Wer in jungen Jahren positive Erfahrungen mit der Kirche gesammelt hat, bei dem ist die Chance wesentlich geringer, dass er später einmal austreten wird“, ist sich Kienberger, der vor kurzem seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, sicher.

Zudem ist es aus seiner Sicht auch sehr wichtig, sehr niederschwellige Gesprächsangebote zu bieten, sowohl in Kirche und Pfarrheim als auch „im Alltag“, etwa wenn man sich zufällig treffe. Er und die anderen Geistlichen in der Pfarrei seien immer offen für Anliegen, betont der Stadtpfarrer, der seit einem halben Jahr in Roding tätig ist.

Zwei kleine Lichtblicke

Manchmal gäbe es auch kleine Lichtblicke, freut sich der Geistliche, so habe es in diesem Jahr schon zwei Wiedereintritte gegeben, im Vorjahr gab es keinen. Wiedereintritte seien zwar insgesamt sehr selten, würden aber Mut machen, auch wenn die Zahl der Austritte natürlich weit höher sei, berichtet Kienberger.

Die Zahl der Austritte werde in den kommenden Jahren wohl weiter auf dem jetzigen hohen Niveau bleiben, glaubt der Stadtpfarrer. Dass sie aufgrund der bevorstehenden Zusammenlegung von Pfarreien noch steigen werde, denkt er nicht.

„Solange das Angebot vor Ort für die Gläubigen sich nicht ändert, was in Roding der Fall sein wird, sehe ich keinen Grund, warum es mehr Austritte geben sollte“, sagt der 50-Jährige.

Kirchenaustritte in der Pfarrei Roding in Zahlen

Nahe am Höchststand: Im vergangenen Jahr sind in der Pfarrei Roding insgesamt 108 Menschen aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Dies bedeutet einen Wert nahe am Höchststand.

Rasanter Anstieg zu verzeichnen: Ein Vergleich mit den Zahlen aus der jüngeren Zeit zeigt, dass sich der Anstieg rasant vergrößert hat: Der Schnitt aus den vergangenen 15 Jahren hat sich mehr als verfünffacht.

Die letzten Jahre: Im Jahr 2022 gab es mit 114 Austritten in der Pfarrei Roding bisher den höchsten Wert. 2021 waren es dagegen 68 und noch ein Jahr zuvor nur 41.

Kein Einzelfall: Die Pfarrei Roding ist dabei allerdings alles andere als ein Einzelfall. Auch in anderen Kommunen in ganz Bayern und Deutschland ist die Tendenz sehr ähnlich.

Heuer zwei Wiedereintritte: Während es im vergangenen Jahr keinen Wiedereintritt in der Pfarrei Roding gegeben hat, waren heuer bereits zwei zu verzeichnen, freut sich der Stadtpfarrer Matthias Kienberger.