Wenn das Auto selber den Notruf absetzt, wird es oft kurios

Von Tanja Fenzl · 12. März 2024 um 05:00

Für neue Fahrzeugtypen sind sie seit 2018 vorgeschrieben: automatische Notrufsysteme, die im Ernstfall selbstständig Hilfe herbeiholen. Doch die moderne Technik hat so ihre Tücken: In vielen Fällen rücken die Einsatzkräfte umsonst an. Auch in und um Cham hat die Feuerwehr schon kuriose Fälle erlebt.

Dabei, sagt Markus Reittinger, Kommandant der Chamer Feuerwehr, seien die Systeme an sich sinnvoll, um schnellstmöglich Hilfe zu einem Unfall oder medizinischen Notfall zu rufen. Das ist auch das Ziel der von der EU initiierten Forderung nach elektronischen Meldesystemen: Dass Rettungskräfte doppelt so schnell am Einsatzort ankommen als bei einer herkömmlichen Alarmierung. Rund 2500 Verkehrstote weniger erwartet die EU-Kommission europaweit, wenn erst einmal die meisten Fahrzeuge mit der Technologie ausgestattet sind.

Und in der Tat: Immer öfter wird auch die Chamer Wehr per eCall zu einem Einsatz gerufen. 2022 fünfmal, im vergangenen Jahr sieben Mal, entnimmt Reittinger der Statistik. „Der große, schwere Unfall war da jetzt aber nicht dabei“, schränkt Reittinger gleich ein. Im Gegenteil: Oft sind es Kleinunfälle, die sogar ohne Polizei und Feuerwehr geregelt werden könnten, zu denen der eCall ruft.

Das Handy auf dem Autodach

„Das muss man sich ja nur vorstellen: Es kracht, der eCall wird ausgelöst und fragt im Fahrzeug nach, ob ein Ernstfall vorliegt oder nicht. Weil der Fahrer nicht antwortet, geht das System vom schlimmstmöglichen Fall aus und setzt die Alarmierung in Gang. Dabei steigt in den allermeisten Fällen der Fahrer einfach aus, wenn nichts weiter fehlt, um sich den Schaden erst einmal von außen zu begutachten und sich mit dem Unfallgegner abzusprechen.“

Und auch andere Systeme funktionieren noch lange nicht so, wie sie angelegt sind. „Vieles ist nicht ausgereift oder sollte noch einmal besser durchdacht werden“, meint Reittinger deshalb. Beispiel kürzlich zwischen Cham und Willmering: eCall zu einem schweren Unfall. „Es stellte sich heraus, dass die Fahrerin in Cham beim Einsteigen ihr iPhone auf dem Autodach vergessen hatte. Bei Willmering ist das Handy heruntergefallen. Genau an den Ort wurden die Rettungskräfte hinbeordert.“ Die Frau, erinnert sich Reittinger, gab hinterher an, sie habe sich noch gedacht, was da auf der Straße gelegen habe, worüber sie da gefahren sei. „Dabei war das ihr Telefon.“

Es kommt auch vor, dass jemand es irgendwie schafft, aus Versehen den Alarm seiner AppleWatch auszulösen. Wie vor einer Weile ein Betrunkener, der um drei Uhr morgens offenbar so viel mit seiner Hand herumgewedelt hatte, dass der Notruf in Gang gesetzt wurde.

Schiebedach-Schalter verwechselt

Die Nachfragen des Geräts, ob es sich tatsächlich um einen Notruf handele, hatte der Mann in seinem Zustand nicht mehr bemerkt. „Das ist natürlich toll, wenn Du da in voller Montur mitten in der Nacht antanzt und dann ist es ein Fehlalarm“, ärgert sich Reittinger auch im Namen seiner Kollegen. „Wenn das ein paar Mal passiert, mag auch der diensteifrigste Feuerwehrler nicht mehr ganz so gerne losdüsen.“

Ein anderes Mal habe ein Mann den Knopf fürs Schiebedach mit dem Notrufknopf verwechselt. „Das passiert auch häufiger, als man denkt, dass jemand aus Versehen den falschen Knopf drückt.“

Reittinger hat auch Ideen, wie man Fehlalarme zumindest im Auto besser verhindern könnte. „Man müsste vielleicht über die Sitzbelegung oder den Türöffnungsmechanismus noch weitere Sicherheiten einbauen, ob ein Alarm wirklich notwendig ist.“

Natürlich, sagt Reittinger, gebe es auch den Fall, dass der automatische Alarm sinnvoll sei. Etwa, wenn wie im vergangenen Jahr, ein Fahrzeug die Böschung hinunterrutscht und von den Rettungskräften von der Straße nicht gesehen werden kann. „Das Auto haben wir nur entdeckt, weil der eCall genau diesen Standort anzeigte. Das Fahrzeug war unter der Brücke versteckt.“

Oder ebenfalls im vergangenen Jahr, als ein Fahrer, der einen Unfall vor ihm beobachtete, manuell einen eCall absetzte – Reittinger: „so schnell funktioniert kaum ein herkömmlicher Notruf.“

So funktionieren e-Calls

Notruf: Alle neuen Fahrzeugmodelle mit neuer Typgenehmigung ab 1. April 2018 müssen mit eCall ausgestattet sein. Der Notrufdienst funktioniert europaweit gleich: eCall nutzt Mobilfunk und Satellitenortung, um nach einem Unfall automatisch oder von den Insassen ausgelöst eine Telefonverbindung zur Notrufnummer 112 herzustellen. Zusätzlich zur Sprachverbindung überträgt das installierte eCall-System Informationen zum Unfallort, zur Art der Auslösung und zum Fahrzeug.

Funktioniert das eCall-System, wie es soll, gibt es kaum eine schnellere Methode, Einsatzkräfte zu einem Notfall herbeizurufen, sagt Markus Reittinger. Fotos: Fenzl
Kommandant Markus Reittinger hat als Radfahrer, der oft allein in unwegsamem Gelände unterwegs ist, selbst eine AppleWatch mit eCall-System. „Das hat sich meine Familie gewünscht.“