Wenn die Feuerwehr regelmäßig Wohnungen öffnen muss: Der Grund ist oft tragisch

Wenn die Feuerwehr zuhause anrückt, brennt es nicht immer. Mehrmals im Monat müssen sich die Chamer Floriansjünger als eine Art Schlüsseldienst betätigen. So harmlos solche Wohnungsöffnungen sich im Einsatzbericht lesen: Was die Feuerwehrler hinter den Türen erwartet, ist oft nichts für schwache Nerven.
Allein im vergangenen Jahr rückte die Truppe rund um Kommandant Markus Reitinger 20-mal zu solchen Einsätzen aus, im Jahr davor 21-mal. „Das bewegt sich seit Jahren ungefähr in der Größenordnung“, berichtet Reittinger. Am Ende könne sich hinter einer solchen Alarmierung, die oft über die Polizei erfolgt, alles verbergen: von Fehlalarm bis zu einer toten Person im Haus.
„Wir haben schon erlebt, dass ein Hausnotruf versehentlich abgesetzt wurde“, sagt Reittinger. Besonders eilig und schwierig wird es, wenn Gefahr im Verzug ist. „Wenn jemand damit droht, sich umzubringen, müssen wir schnell handeln“, erklärt Reittinger.
Tagelang verletzt am Boden
Aber auch sonst müssen sich die Floriansjünger für die verschiedensten möglichen Szenarien hinter der geöffneten Tür wappnen: eine Frau, die in der Badewanne ausgerutscht ist und Hilfe benötigt. Oder eine tote Person, die schon länger in der Wohnung gelegen hat. Reittinger hat schon vieles erlebt. Er berichtet von dem Fall, als ein Sohn seine Mutter während seines Urlaubs im Ausland nicht erreichen konnte. Ein Nachbar, den er kontaktierte, habe ihm dann gesagt, die Mutter rühre sich nicht, wenn man an die Tür gehe.
Die Feuerwehr kam in letzter Minute: Die Frau hatte schon mehrere Tage verletzt in der Wohnung am Boden gelegen. Ein anderes Mal machten sich die Mitbewohner eines Mannes im Mietshaus Sorgen, weil der sich schon tagelang nicht mehr gemeldet hatte. „Das war in dem Haus, in dem alle sich gekannt haben, ungewöhnlich“, erinnert sich Reittinger. Am Ende stellte sich nach der Wohnungsöffnung heraus: Die Wohnung war leer. „Der Mann hatte einfach vergessen, jemandem Bescheid zu sagen, dass er ins Krankenhaus musste.“
Spezielles Werkzeug für die Feuerwehr
Elf Mann hat Reittinger in der Einsatzgruppe für Wohnungsöffnungen notiert, alle speziell auf Türöffnen geschult.. „Zwei reichen normalerweise für einen Einsatz aus“, sagt der Kommandant. Ausgerückt wird mit Drehleiter, falls man von außen in die Wohnung gelangen oder jemand von außen aus der Wohnung geholt werden muss – wie zum Beispiel erst an Weihnachten, als ein Mann sich den Oberschenkel gebrochen hatte. Ein spezieller Werkzeugsatz hilft den Feuerwehrlern, Türen auch ohne Beschädigung zu öffnen.
Ärgerlich natürlich, wenn es sich bei einem Notruf um einen Fehlalarm handelt, besonders um drei Uhr morgens. „Ein Mann hatte mit seiner Apple Watch zu viel herumfachiert, und in seinem betrunkenen Zustand nicht gemerkt, dass der Alarm ausgelöst wurde.“
Aber auch das ist bereits vorgekommen: Ein Patient sitzt in einem kleinen Raum in einer Arztpraxis und das Schloss geht kaputt. „Da sitzt der Patient und kommt nicht mehr heraus“, erinnert sich Reittinger – das Praxisteam ruft die Feuerwehr.
Tragisch in Erinnerung hat Reitinger das eine Mal, als bereits große Fleischfliegen an einem Fenster und ein beißender Geruch durch die Tür die Feuerwehrler auf das Szenario im Inneren der Wohnung vorbereitete.
Anonymes Wohnen
Denn natürlich gebe es auch in Cham bereits anonyme Wohnsituationen, wo der eine Nachbarn den anderen nicht kennt, oder ältere Menschen, bei denen erst einmal lange niemandem auffalle, dass sie schon länger nicht mehr gesehen wurden. „Wir hatten schon den Fall, wo genau der nächste Türnachbar nicht einmal den Namen der Frau, die nur drei Meter neben ihm wohnte, gekannt hat.“
Übrigens: Abgerechnet werden Wohnungsöffnungen im Notfall üblicherweise nicht – nur wenn die Feuerwehr als reiner Schlüsseldienst missbraucht wird, wird kostenpflichtig abgerechnet. „Das kommt aber auch immer einmal wieder vor. Es ist nämlich echt schwierig, bei uns einen Schlüsseldienst zu erreichen.“

